Rock

The War On Drugs spielen im Tempodrom

„Leiden ist real“ Der große Erfolg von The War On Drugs ist ungewöhnlich für eine Band, die eher introvertiert auftritt und sich in epische Gitarrenstücke ­versenkt. Bandkopf Adam Granduciel im Interview über seine ­Depressionen, Vorbilder – und darüber, wie sein Vater seine Band lieben gelernt hat

Foto: Dustin Condren

tip Auf der Hülle Ihres neuen Albums sind Sie allein im dunklen Studio zu sehen. Wie wichtig waren Ihre Mitmusiker?
Adam Granduciel Ich denke, es ist ein Bandalbum: Alle, die live dabei sind, sind auch auf der Platte zu hören. Es sind enge musikalische Vertraute, ich hätte niemanden anderen zusätzlich auf dem Album gewollt. Andererseits ist es auch kein klassisches Bandalbum, denn The War On Drugs ist schon klar ‚mein Ding‘. Ich sehe mich als Produzent auch in der Rolle, alle Talente im Raum zu erkennen und sie für meine Zwecke einzusetzen. Auf dem Album spielen nicht immer alle, teils spiele ich alles allein, mal ist die gesamte Band beteiligt.

tip Daher der „einsame Wolf“ auf dem Cover?
Adam Granduciel Das Bild zeigt die Studiosituation, wie sie bei The War On Drugs meistens aussieht. So weit sind wir auch diesmal nicht davon abgewichen. Wir sind live eine enge Einheit, aber ich möchte nicht das Live-Konzept eins zu eins ins Studio übertragen. Wenn ein Musiker sagen würde: Ich bin der Band-Saxofonist, also spiele ich auch in jedem Song Saxofon – das wäre doch langweilig. So würde es kaum Entwicklung im Sound geben.

tip Ihr voriges Album „Lost In A Dream“ ist in einer sehr dunklen Phase Ihres Lebens entstanden. Das Ergebnis klang dafür erstaunlich leichtläufig. Wie war das diesmal?
Adam Granduciel Insgesamt war ich viel stabiler, auch weil ich dauernd beschäftigt war. Ich hab in meinem Leben immer viel gearbeitet, auch bei unserem Debüt war es ein ständiger Wechsel zwischen Arbeiten und Touren. Das war auf „Lost In A Dream“ anders. Ich musste damals zum ersten Mal nicht nebenher arbeiten. Ich habe dann meine Zeit nicht besonders gut genutzt. Außerdem war ich nicht gut vorbereitet auf das, was alles in meinem Kopf vorgegangen ist, mir über bestimmte Lebensthemen klar zu werden.

tip Was haben Sie anders gemacht?
Adam Granduciel Ich wusste besser, was ich tun muss: einfach das bestmögliche Album schaffen, das ich kann, und dafür jeden Tag arbeiten. Ich hatte zuerst überlegt, nach der langen Tour ein paar Monate Pause zu machen. Aber das habe ich verworfen. Mir ist klar geworden, dass ich einfach sehr gerne im Studio bin. Es hilft mir, über mich selbst klar zu werden.

tip Haben Sie den dunklen Ort, der „Lost In A Dream“ inspiriert hat, hinter sich gelassen?
Adam Granduciel Ich denke, dieser Ort gehört zu meinem Leben dazu. Jeder hat ein anderes Lebensgefühl, auch Leiden ist real, und dazu gibt es keinen einfachen Schlüssel. Ich habe inzwischen gelernt, Symptome zu erkennen und mich vorzubereiten, wenn ich spüre: I‘m entering the zone. Ich hab Werkzeuge, um besser zu verstehen, was in diesem Bereich vor sich geht. Was definitiv hilft, ist, das zu tun, was ich liebe. Das ist anscheinend, exzessiv zu arbeiten.

tip Sie werden oft verglichen mit den großen amerikanischen Songwritern wie Bruce Springsteen oder Tom Petty. Sind es wichtige Wegmarken Ihrer Musiksozialisation?
Adam Granduciel Eher unbewusst: Es waren die Songs im Radio. Mir waren Nirvana wichtiger, U2, Pearl Jam. Neil Young zum Beispiel habe ich erstmals durch meinen Bruder gehört. Später habe ich ihn für mich entdeckt, als er mit Pearl Jam aufgetreten ist. Ich dachte: „Den kenne ich doch. Mir hat ‚Harvest‘ gut gefallen, aber das hier gefällt mir besser!“ Und Springsteen habe ich erst zu schätzen gelernt, als ich viel älter war. Seine Alben sind unglaublich intensive Erzählungen über das Aufwachsen als männlicher Amerikaner. Eigentlich geht es da um nichts anderes.

tip Jetzt inspirieren Ihre eigenen Platten wiederum dazu, um bestimmte Songwriter wiederzuentdecken. Mir ging es so mit ­Dire Straits, zu denen mir The War On Drugs im Nachhinein eine Tür geöffnet hat.
Adam Granduciel Das geht meinem Vater genauso! Er ist schon in seinen Achtzigern, er hat nie Rockmusik gehört. Von Dire Straits hatte mein Vater also keine Ahnung, aber er mag meine Band und ihm gefällt es, dass wir erfolgreich sind. Außerdem kann er meine Mitmusiker gut leiden. Also fing er an, uns ernst zu nehmen, und als er immer wieder dieselben Vergleiche las, hat er sich erstmals in seinem Leben Platten gekauft: von Springsteen, Dire Straits, Petty. Über Petty sagte er zum Beispiel: ‚Du bist besser als er!‘ (Lacht) Oder: ‚Dire Straits I like.‘ Ich habe ihm mal Bob Dylan vorgeschlagen, „Time out of Mind“. Ich dachte es gefällt ihm, weil es ist ein klassisches, offenes Album ist, nicht so sehr Rock. Sein Kommentar: Schrecklich.

tip Einige Ihrer Keyboard-Sounds klingen, als wären Sie direkt aus den 80er-Jahren eingeschwebt. Gibt es peinliche Lieblings­stücke aus der Ära, zu denen Sie stehen?
Adam Granduciel Phil Collins. Das erste Album, das ich mir selbst gekauft habe, war „…But Seriously“. Allein die wunderbare Keyboard-Melodie von „Another Paradise“ ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich muss acht Jahre gewesen sein.

Tempodrom Möckernstr. 10, Kreuzberg, Di 22.11., 20 Uhr, VVK 33 €