Dokumentartheater

Theater der Grausamkeit – „Five Easy Pieces“ von Milo Rau beim Theatertreffen

Eine Höhepunkt des Theatertreffens: Milo Rau zeigt die Verbrechen des belgischen Kindermörders Marc Dutroux – mit Kinder-Schauspielern

Five Easy Pieces von Milo Rau, Foto: Phile Deprez

Darf man das – ausgerechnet in einer Theaterinszenierung über den belgischen Kindermörder und Vergewaltiger Marc Dutroux alle Rollen mit Kinder besetzen? Kinder als verzweifelte Eltern, als ermittelnde Polizisten, als von Dutroux gequälte Missbrauchsopfer. Die Fragen, die der Dokumentarregisseur Milo Rau mit dieser Besetzung seines Dutroux-Stücks „Five Easy Pieces“ aufwirft, sind programmiert: Dient sie nur der Spekulation auf den Schock-Effekt und dem von Rau virtuos beherrschten Spiel, die Grenze zwischen Theater und Wirklichkeit zu verwischen? Werden die sieben Kinder-Darsteller, die bei der Premiere beim belgischen Kunstenfestival Brüssel zwischen acht und dreizehn Jahren alt waren, für eine Regie-Idee missbraucht? Das geplante Gastspiel in Frankfurt musste wegen Befürchtungen um das Kindeswohl abgesagt werden. Das zuständige Regierungspräsidium versagte dem Künstlerhaus Mousonturm die für Bühnenauftritte von unter 14-Jährigen notwendigen Genehmigungen. Im Oktober hat das Gewerbeaufsichtsamt Oberbayern die Aufführungen an den Münchner Kammerspielen nur unter Auflage eines Nacktheitsverbots gestattet.

Es wäre unfair, Milo Rau zu attestieren, dass er es auf solche Eingriffe der Behörden und etwas Skandal-Appeal abgesehen hätte. Dafür ist das Thema zu traumatisch. Der Schrecken, den die Inszenierung dem Zuschauer zumutet, sind leise und lakonisch und genau deshalb so eindringlich. Erarbeitet hat Rau die Inszenierung am Theater Campo in Gent. Die Bühne ist seit vielen Jahren auf die pädagogisch begleitete Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Spätestens seit eine Campo-Produktion, „Before Your Very Eyes“ der Performance-Formation Gob Squad, vor einigen Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, ist das belgische Theater eine feste Größe im deutschsprachigen und europäischen Festival-Betrieb. Ihm einen bedenkenlosen Umgang mit den Kindern zu unterstellen, hieße seine gesamte Arbeit in Frage zu stellen.

Was die Inszenierung über Strecken kaum erträglich macht, ist neben dem Wissen, dass alles so oder ähnlich geschehen ist, die sachliche Nüchternheit, mit der Rau in fünf knappen, schnörkellosen Szenen von Dutroux’ Verbrechen erzählt. Der Titel „Five Easy Pieces“, ein Verweis auf eine Klavier-Komposition, die Igor Stravinsky als Übungsstück für Kinder geschrieben hat, wirkt wie Hohn: „Easy“ ist hier nichts. Ein achtjähriges Mädchen sitzt in einem Keller und spricht einen Brief an ihre Eltern in die Videokamera: „Bitte denkt an mich, wenn Ihr Süßigkeiten esst.“ Sie ist allein im Keller, sie weiß nicht, ob sie ihre Eltern wieder sehen wird. Es ist dunkel, und sie hat Angst. Schlimmer als im Keller ist es „oben“, in einem großen Schlafzimmer, wo sie tun muss, was ihr Entführer von ihr verlangt. Zum Beispiel sagen, dass sie Sex „toll“ findet. Dass auch die Erwachsenen von den Kinder-Darstellern gespielt werden, sorgt für einen gespenstischen Verfremdungseffekt: Kinder als Dutroux’ alter Vater, der nicht verstehen kann, was er bei seinem Sohn falsch gemacht hat, oder als Polizeikommissar, der die Fundorte der Frauen- und Kinderleichen zeigt. Mehr als beklemmend wird das, wenn die Kinder-Schauspieler trauernde Hinterbliebene bei der Bestattung eines der Dutroux Mord-Opfer spielen. Oder verzweifelte Eltern, die nicht schlafen können. Sie  wissen nicht, ob ihr Kind noch lebt. Sie warten seit Tagen, Wochen, Monaten voller Schrecken auf einen Anruf der Polizei. Diese Szene, in der nichts geschieht, als dass ein Junge und ein Mädchen auf einen Sofa vor einer Kamera sitzen und konzentriert ihre Texte sprechen, ist unter anderem wegen dieses mehrfachen Perspektivwechsels atemberaubend, analytisch klar und grauenvoll: Kinder spielen Erwachsene, die Angst um ihr Kind haben, während die Theaterzuschauer in der Szene davor gesehen haben, was dieses und anderen Kindern in Dutroux’ Kellern angetan wurde.

Den Rahmen der fünf Dutroux-Szenen bildet eine Theaterprobe. Peter Seynaeve, der einzige Erwachsene auf der Bühne, gibt den Regisseur, der mit den beeindruckend souveränen Kindern (Rachel Dedain, Maurice Leerman, Pipijn Loobuyck, Willem Loobuyck, Polly Persyn, Ele Liza Tayou, Winne Vanacker) arbeitet. Wir sehen der Herstellung der halb fiktiven, halb dokumentarischen Szenen zu, etwa wenn auf der Bühne nachgespielt wird, was im Film Erwachsene vormachen. Oder wenn der Regisseur in der Szene der verzweifelten Eltern genervt verlangt, dass der Junge in der Rolle des Vaters gefälligst für die Schlusseinstellung in die Kamera weinen soll.
Rau stellt gezielt die Möglichkeit in den Raum, dass auch Kunst und Kunstproduktion Kinder als Objekte, auch als sexualisierte Objekte, missbrauchen kann. Hier bekommt auch der Verweis auf Stravinskys Übungsstücke am Klavier einen bösen Unterton: Kunst als Kinderdressur und Disziplinierungstechnik. Indem Rau dieses Konfliktfeld so explizit ausstellt (und sich ihm stellt), zeigt er vor allem, dass die Darsteller in seiner Inszenierung eben keine Objekte sind.

Möglich ist das durch den Spiel-im-Spiel-Rahmen, und weil die jungen Schauspieler nach fünf Monaten Probenzeit durch ihre Souveränität und Spiel-Beherrschung geschützt sind.  Sie wechseln mit großer Leichtigkeit zwischen der Probensituation, die ihrerseits auch gespielt und vorgeführt ist,  und ihren wechselnden Rollen-Figuren. Weil das komplett betroffenheitskitschfrei ist, entkommt Rau den Sentimentalitätseffekten, für die Kinder auf der Bühne gerne benutzt werden. Erst diese mehrfachen Brechungen und gezielt gesetzten Verfremdungseffekte erlauben den nüchtern eindringlichen Umgang mit dem Stoff, ohne Dutroux’ Opfern ihre Würde zu nehmen. Dazu gehört auch, dass Rau auf spekulative Verschwörungstheorien, etwa eines pädophilen Netzwerks der belgischen Machteliten, oder trivialpsychologische Erklärungsversuche der Täter-Motive verzichtet. Solche Theorien hätten als Erklärungsversuch eine Entlastungsfunktion. Rau mutet dem Zuschauer den Blick auf Dutroux‘ Taten ohne solch beruhigende Erklärungen zu.

Sophiensæle Sa 13. + So 14.5.
Haus der Berliner Festspiele Sa 20. + So 21.5.

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