Essen & Trinken in Berlin

Thomas Macho über das Festmahl an Weihnachten

Zu Weihnachten geht es heiß her – in der Küche und mehr noch innerhalb der Tischgemeinschaft. ?Ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Thomas Macho über subversives Sushi, die Gnade der kalten Küche und die Tradition des Opfermahls

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Herr Macho, auch wenn man es heute vielleicht anders nennen würde, erleben wir doch gerade an Weihnachten eine Renaissance der gutbürgerlichen Küche. Warum also der Gänsebraten?
Vermutlich auch, weil unser Alltag den vermeintlich bürgerlichen Idealen immer seltener entspricht und die sogenannten intakten Familien rar geworden sind. Unser Lebensstil ist vielfältiger, aber auch fragmentarischer geworden, die Patchwork-Familie ist gängige Realität. Über das gemeinsame Weihnachtsessen sollen also oft Traditionsanschlüsse gefunden oder sogar erfunden werden, die es nicht mehr wirklich gibt. Nicht selten fungiert das Weihnachtsessen heute als eine Art von Versöhnungsessen – auch und gerade nach dem notorischen Weihnachtskrach. Man sitzt also zusammen und hofft, dass es gut gehen möge.

Nun wäre es doch einfach zu sagen: Weg mit dem ganzen Stress. Es muss also eine tiefere Bindung an dieses kulinarische Ritual geben. Und an die ganze Arbeit, die damit verbunden ist.
Weihnachten fällt ja nicht zufällig auf die dunkelste, längste Nacht des Jahres. Das Fest wurde ganz bewusst dorthin gelegt. Und ich kenne es noch aus katholischen Gegenden, dass vor dem eigentlichen Fest, vor der Christmette, auf den Friedhof gegangen wurde. Man hat den Toten etwas zu Essen gebracht, eine Schale Milch, ein Schüsselchen Reis. Weihnachten wurde also gemeinsam mit den Toten, den Ahnen, gefeiert. Es war gewissermaßen ein generationenübergreifendes Festmahl.   

Dazu passt das kollektive Bedürfnis, im Weihnachtsmenü familiäre Traditionen fortzuschreiben, typischerweise Gänsebraten nach dem Rezept der Großmutter.
Manchmal werden diese Traditionen auch bewusst unterbrochen. Ich denke an diesen wunderbaren DDR-Weihnachtsfilm von der Gans Auguste. Natürlich wird hier ein säkularer Gesellschaftsentwurf gezeigt: das Opfertier, das nicht mehr geopfert wird. Die Weihnachtsgans Auguste landet nicht im Ofen, weil sich die Kinder diesem Opferritual widersetzen. Sie findet stattdessen Familienanschluss.

Wie sahen denn die Weihnachtsessen Ihrer Kindheit aus?
Obwohl ich ja in einer katholischen Familie im katholischen Wien aufgewachsen bin, fehlt es in meiner Biografie an einer festgezurrten kulinarischen Weihnachtstradition. An Heiligabend gab es meistens kalte Küche, legitimiert mit der Schonung der Mutter. Alle Beteiligten hatten bereits antizipiert und anerkannt, dass Weihnachten leicht in Stress und Streit ausartet. Da sollte es gerade an Heiligabend eine gewisse Entlastung geben.

Die Familie versammelt sich also an der festlichen Tafel und wartet nicht auf das Christkind, sondern den großen Knall?
Ich kenne so viele Familien, in denen der Weihnachtskrach beinahe wie ein Symptom auftritt. Jeder rechnet damit und wappnet sich mit Deeskalationsstrategien. Weil aber alle bereits mit dem Schlimmsten rechnen, tritt es vermutlich auch ein. Die Frage muss also lauten: Warum tun wir uns das trotzdem an?

Das Weihnachtsfest lädt ja auch dazu ein, traditionelle Familienhierarchien mindestens symbolisch zu unterminieren. Die Eltern feiern erstmals bei den Kindern und statt dem Gänsebraten gibt es rohen Fisch in Algenpapier.
Die Zeit ist ja fast schon wieder vorbei, in der es en vogue war, gerade an Weihnachten ganz bewusst gegen das Tradierte anzukochen. Dabei ging es um einen Bruch mit den Traditionen, mindestens unbewusst auch mit Opfertradition. Man hatte das Gefühl, sich politisch korrekter zu verhalten, wenn etwa Sushi oder gar ein vegetarisches Gericht zubereitet wurde.

thomas_machoMan kocht gegen die Etikette an, weil Weihnachten so sehr von der bürgerlichen Etikette dominiert wird?
Welches Besteck benutzt man zu welchem Gang, welcher Wein passt zu welchem Fleisch – gute Manieren und das richtige Benehmen spielen auch beim gemeinsamen Essen im Familienkreis eine wichtige Rolle. Dabei ist diese Idee des Bürgerlichen, nebenbei bemerkt, nicht einmal ein originäres Konzept, sondern nur eine schlechte Kopie der aristokratischen Etikette und Höflichkeit.

Es gibt ein typisches Weihnachtsessen, das sich diesem Anspruch scheinbar entzieht: die berühmten Würstchen mit Kartoffelsalat.
Vermutlich verweist dieses spartanische Gericht tatsächlich auf einen christlich-pietistischen Kern. Eine demütige Mahlzeit am Heiligabend, bevor es am ersten Feiertag dann wieder die Gans gibt. Obwohl: Zum Fastenessen taugt Fleischwurst ja auch nicht wirklich.
Nun verweisen Sie darauf, dass sich die Weihnachtsrituale, auch die kulinarischen, ohnehin zunehmend globalisieren.
Weihnachten wird heute überall gefeiert. Man kann sich damit trösten, dass es, egal wie man es macht, immer noch andere Kontexte gibt, in denen ganz anders gefeiert wird.

Auch das Weihnachtsfest ist demnach in einer Epoche der postmodernen Beliebigkeit angekommen?
Ich würde das eher positiv deuten. Die Angebote, dieses Fest zu begehen, sind tatsächlich vielfältiger, bunter geworden. Es gibt nicht mehr diese eine verpflichtende Tradition, an der man pflichtbewusst scheitern muss. An ihre Stelle ist eine große Bandbreite von Möglichkeiten getreten, sich geradezu spielerisch auf Weihnachten einzulassen.

Interview: Clemens Niedenthal

Foto: Harry Schnitger (oben)

Thomas Macho ?ist Professor für Kulturgeschichte am Institut für Kulturwissenschaften ?der Humboldt-Universität und kennt sich als gebürtiger Wiener sowohl mit ?katholischen Feiertagen als auch mit gutem Esssen gut aus.

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