Stadtleben und Kids in Berlin

Tilman Rammstedt über das Schreiben und sein Buch „Der Kaiser von China“

Zuletzt hatte sich Tilman Rammstedt monatelang in seiner Wohnung eingeigelt, um seinen Roman "Der Kaiser von China" fertig zu schreiben, für dessen Auszug er im Juni den Bachmann-Preis gewann. Wir sprachen mit dem Autor über den Druck beim Schreiben, die Lust am Schreiben – und den Grund fürs Einhändigschreiben

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tip Herr Rammstedt, herzlichen Glückwunsch: Für den Auszug aus Ihrem neuen Roman „Der Kaiser von China“ haben Sie in diesem Jahr beim Ingeborg-Bachmann-Preis abgeräumt: Haupt­preis, Publikumspreis …
Tilman Rammstedt … und sogar noch den lustigen „Automatischen Literaturkritik-Preis“ der Riesenmaschine-Blogger …

tip … das ergibt 25.000 Euro plus 6000 Euro plus 500 Euro, also 31.500 Euro insgesamt. Was haben Sie mit dem Geld gemacht?
Rammstedt Der „Riesenmaschine“-Preis, den ich netterweise in bar erhielt, blieb größtenteils beim Feiern in Klagenfurt. Das übrige Preisgeld habe ich noch gar nicht. Teils aus Verschusseltheit, teils aufgrund bürokratischer Hürden habe ich die Schecks gerade erst eingereicht. Vor einer Stunde war ich bei meiner Bank.

tip Also das klassische „persönliche Gespräch mit einem Kun­den­berater“, wie man sein Geld am bes­ten anlegt?
Rammstedt Genau, gerade in diesen Zeiten (lacht). Ich mache ein neues Sparbuch auf oder inves­tiere in Immobilien. Ich glaube, in ame­rikanische Immobilien.

tip Eine Klischeevorstellung vom Schriftsteller sieht so aus: wenig Geld zum Leben, plötzlich eine Riesensumme als Preisgeld, ausgesorgt bis Lebensende.
Rammstedt Etwas länger möchte ich schon leben, als dass mir das Geld nun bis zum Ende reichen würde. Zwar ging es schon hinter den Kulissen in Klagenfurt los mit den Vorschlägen. Ich solle mir doch jetzt eine Wohnung kaufen, Dachgeschoss und so weiter, aber ein Literaturagent unterbrach das: So viel Geld sei es schließlich auch nicht, das könne man auch getrost in Bier und Zigaretten investieren. Außerdem muss ich neuerdings „eine Familie ernähren“, wie das so schön heißt. Aber klar: Es ist schön, weiterhin vom Schreiben leben zu können.

tip Sie hatten sich nach dem Gewinn des Bachmann-Preises regelrecht eingeigelt, schrieben die letzten vier Monate an Ihrem Roman. Wie sah das aus – einhändig tippen und mit Kind auf dem anderen Arm?
Rammstedt Genau (lacht). Dieses ganze modische Schreiben ausschließlich in Kleinbuchstaben kommt wahrscheinlich daher, dass man in Wirklichkeit nur einen Arm frei hat.

tip Der Druck muss groß gewesen sein, nach dem Lob in Klagenfurt auch ein gutes Buch abzuliefern.
Rammstedt Enorm. Ich hatte sogar den naiven Plan, dass ich noch vor Klagenfurt mit dem Buch fertig sein wollte. Denn hätte die Jury mich in der Luft zerrissen, wäre es schwierig, danach weiterzuschreiben. Doch erst danach begannen die richtigen Schwierigkeiten. Drei Tage nach Klagenfurt bat ich den Verlag, keine Anfragen mehr an mich weiterzuleiten, weil alles etwas viel wurde und ich nun dringend das Buch fertig schreiben wollte. Nur die ersten 16 Seiten, für die ich ausgezeichnet wurde, konnte ich abhaken, die waren fertig und offiziell abgesegnet worden.

Das vollständige Interview von Ralph Gerstenberg und Sassan Niasseri finden Sie in tip 22/08

Tilman Rammstedt „Der Kaiser von China“, Dumont, 60 Seiten, 17,90 Ђ
Lesung am Mi 25.3., 20 Uhr, Waschhaus Potsdam
Tilmann_Rammsted_Foto_von_Harry_SchnitgerZur Person:
Der gebürtige Bielefelder zog 1998 nach Studienaufenthalten in Edinburgh und Tübingen nach Berlin. Hier wurde er Gründungsmitglied der Lesebühne Visch und Ferse sowie Musiker der Band Fön, für die er textet, trommelt und trompetet. 2001 gewann Rammstedt den Open-Mike-Wettbewerb, anschließend veröffentlichte er die Storysammlung „Erledigungen vor der Feier“ (2003) und den Roman „Wir bleiben in der Nähe“ (2005, beide bei Rowohlt erschienen). Für seinen Vortrag aus dem neuen Roman „Der Kaiser von China“ (Dumont), der humorvoll die Beziehung zwischen einem Enkel und dessen störrischen Groß­vater beschreibt, der sich zum 80. Geburtstag eine Chinareise wünscht, erhielt er in diesem Jahr den Haupt- und Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Preises. Rammstedt, 33, lebt mit Freundin und Sohn in Prenzlauer Berg.

Fotos: Harry Schnitger

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