So war es bei Berlin mit Berlinern präsentiert von Mastercard Priceless Berlin

Kreuzberg im Musik-Video

Die Augen der Gruppe glänzen golden. Denn hier bei Katapult locken dutzende goldene Schallplatten die Blicke auf sich. Am Dienstag um 16 Uhr meint die Kreuzberger Nachmittagssonne, die durch die Fenster in den zweiten Stock strahlt, es aber auch ganz besonders gut mit dem Goldglimmer der Platten. Ja, Katapult, die Filmproduktionsfirma in der Schlesischen Straße 12, hat Musikvideos für die ganz großen Namen der deutschen Musikwelt kreiert, seit der Gründung 2003 – und damit auch allerhand stattliche Preise gewonnen. Für Rammstein. Tokio Hotel. Herbert Grönemeyer. Die Toten Hosen. Silbermond. The Kelly Family. No Angels. Rosenstolz. Beatsteaks. Sarah Connor. Bushido. Jan Delay. Max Raabe. Die Liste hört gefühlt gar nicht mehr auf. Und doch sind Regisseurin Sandra Marschner und Creative Producer Ingo Georgi, das Expertenteam der Tour, das die Gäste herzlich begrüßt, so entspannt und locker und cool und frei von jeder Eitelkeit drauf, dass es eine große Freude ist.

 „Video Killed the Radio Star“ von den Buggles lief 1981 zum Start von MTV über den Sender. Seitdem hat sich viel getan, aber millionenfach online geklickt, gehören Musikvideos nach wie vor zu den meistrezipierten Kunstwerken der Popkultur. Berlin ist Serien- und Filmhauptstadt. Aber eben auch Musikvideohauptstadt. Auch wenn man in den Musikvideos von Katapult sehr lange suchen müsste, um den wohl allzu nahliegenden Fernsehturm zu finden. Dann schon eher mal die Kreuzberger Oberbaumbrücke. Oder viele Szenerien, bei denen man als Zuschauer gleich fühlt, das ist der Spirit, die Seele von Berlin – aber gar nicht direkt sagen könnte, wo genau das denn gedreht wurde. Genau da setzt die Tour von „Berlin mit Berlinern – präsentiert von Mastercard priceless Berlin“ an.

Also ab nach draußen, ab nach Südost, durch die Kreuzberger Sonne! Direkt hinter der kultigen Konzert-Location Lido prangt ein riesiges Graffito: „Fickt euch alle“ steht da in großen Lettern, einigen davon spiegelverkehrt. Ach nein, gar nicht „alle“, sondern „Allee“: Fickt Euch Allee. Diese lässige Attitüde, die nix an sich ranlässt. Mehr Kreuzberg geht kaum! Und natürlich gibt es einen Song dazu, „Fickt euch Allee“ der 2015er Electro-Punk-Hit der Berliner Formation namens Großstadtgeflüster. Und freilich wurde auch mal auf dem Lido-Dach gedreht. Schnell wird klar: Kreuzberg ist eine raue Fundgrube für Bilder, die Freiheit atmen.

Weiter geht’s über zwei Brücken, vorbei am Club der Visionäre, zum Arena Gelände. Die Stimmung der Gruppe strahlt mit der Sonne um die Wette. Wie Sandra Marschner und Ingo Georgi sich die Anekdotenbälle hin- und herspielen ist aber auch ganz großes Kino, pardon, Musikvideo. Sie beschwören die Bilder so anschaulich herauf, dass man sie direkt zu sehen meint auf der Kreuzberger Tour. Und allerlei Insiderstorys erfährt man, etwa dass Thomas D von den Fantastischen Vier sich beim Dreh einfach spontan aus dem Boot in die Spree wagte – eigentlich war dafür extra eine lebensechte Double-Puppe angefertigt worden, mit identischem Outfit. Ja, so ein Dreh ist schon ein Abenteuer mit Spezialeffekten. Das Arena Gelände, erklärt Sandra Marschner, eignet sich prima zum Drehen: Da gibt’s eine kleine Straße, die sich astrein nach Kreuzberg anfühlt, die man aber nicht extra absperren muss für den Dreh. Was zwar an sich kein Problem wäre, aber immer bürokratischen Vorlauf braucht. Nachts leuchten UFO-hafte rote Lampen. Und in der gigantischen Arena Halle kann man auch mal eine Wand aus hunderten von Vintage-Röhrenfernsehern aufschichten, etwa fürs Video „Diggin in the Dirt“ von Stefanie Heinzmann. Über die Röhre gelangt auch ein animiertes Lieblingswesen zur Sängerin, mit dem sie eine Choreo aufführt. So werden Ideen gesponnen.

Nächste Station ist die katholische Kirche St. Marien Liebfrauen in der Wrangelstraße 50. Hier hat die Katapult-Crew mal einen amerikanischen Prachtschlitten vorfahren lassen. Um eine Dämonenaustreibung ging’s im Video. Tauben sollten vor dem Luxuswagen aufsteigen. So wollte es der Regisseur spontan. Wo sollte man die bloß auf die Schnelle auftreiben? In Kreuzberg streut man halt mal kurzerhand bisschen Brotkrumen aus, und schon flattern Tauben. Solch fixe Ideen zu haben – das gehört wohl auch zur Jobbeschreibung eines Creative Producers. Tauben kommen öfter mal bei Katapult vor, auch hellweiße. Wobei die weißen wiederum graue Tauben brauchen, die ihnen den Weg nach Hause geleiten. Sachen, um die man sich sonst keinen Kopf macht. „Tauben sind super und echte Berliner“, schwärmt Ingo Georgi. Niedlich.

Deutlich farbenfroher als grauweiß ist der Bekleidungsfundus von Perfectprops Styling in der Adalbertstraße 6A, mit dem Katapult oft arbeiten. Kleider aller Farben und Jahrzehnte. Sofort bekommt man Lust und Laune auf die nächste Mottokostümparty. Leider leihen Perfectprops nicht an Privatpersonen, sondern nur für professionelle Film- und Fotoshootings. Zu schade! Ingo Georgi gibt derweil Anekdoten zum Besten, wie er mal Astronautenanzüge für Rammstein besorgen musste. Die waren weit und breit in keinem deutschen Fundus aufzutreiben, auch nicht im Raumfahrtmuseum. Also ließ man sie aus Hollywood einfliegen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Apropos Hollywood: Der Abend von „Berlin mit Berlinern – präsentiert von Mastercard priceless Berlin“ klingt tiefenentspannt im Cosmoveda aus. Ayurvedische Küche, wahlweise vegan oder vegetarisch. Viele aus der Gästegruppe haben Lust auf den Smoothie mit Orange und Karotte. Und auf Rote Bete mit Kartoffeln. Alles filigran und so schön zubereitet, ein Traum. Aber was hat das mit Hollywood zu tun? Ingor Georgi erzählt von Venice, dem ultrahippen Stadtteil von Los Angeles. Als Georgi dort gedreht hat, hat er gemerkt: Die superkreativen Köpfe dort, die die Trends von morgen machen – die zelebrieren nach den Drehs nicht etwa Drugs und Rock’n’Roll, wie man klischeehaft meinen könnte – sondern die achten auf sich und essen, ja, ayurvedisch und vegan.

Bei fruchtigen Smoothies werden an diesem Abend noch viele Fragen geklärt, bis hin zu den Bootsfahrkünsten Herbert Grönemeyers vor Mallorca (im Video von „Der Weg“). Krass, wie viele der Videos von Katapult sich so tief in unser popkulturelles Gedächtnis gebrannt haben. Sabrina Setlur. Tic Tac Toe. Man kennt die Bilder alle, auch nach vielen Jahren noch. Dabei hatten die meisten nur einen einzigen Drehtag. Aber eben mit kreativen Menschen hinter den Kulissen, die sich vorab die krassesten Bilder einfallen ließen. Kreuzberg jetzt ein bisschen mit dem Blick solcher Menschen sehen zu können – das ist noch wesentlich cooler als Tauben oder Astronautenanzüge. So wie Videos den Blick auf Musik verändern, hat die Tour wiederum den Blick auf diese Videos verfeinert.

Fotos: Lena Ganssmann

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