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So war es bei Berlin mit Berlinern präsentiert von Mastercard Priceless Berlin

„Einmal Leben mit alles“ – Tour mit Horst Evers

Horst Evers liebt Berlin. Mit all seinen Ecken und Kanten. Das merken unsere Teilnehmer*innen sofort, als wir uns auf der Rückseite des Kreuzberger Urbankrankenhauses mit dem beliebten Kabarettisten zu unserer Tour Berlin mit Berlinern präsentiert von Mastercard Priceless Berlin treffen.

Es ist ein wunderschöner, sonnig-milder Herbstnachmittag. Und selbst das graue Architekturmonster – offiziell das Vivantes Klinikum Am Urban – sieht heute relativ freundlich aus. Da stört auch das morbide Stillleben im Eingangsbereich nicht: ein am Tropf hängender Patient hier, ein im Rollstuhl sitzender Invalide dort – fahle Gesichter und ernste Mienen – beim Ketterauchen versteht sich. Diesen beschaulichen Ort hat sich Horst Evers als Startpunkt für seinen Spaziergang mit dem Motto „Einmal Leben mit alles“ ausgesucht. Das Urbankrankenhaus steht für das Thema Geburt. Hier kam seine Tochter vor 19 Jahren auf die Welt, und hier wurde ihm der Blinddarm entfernt. Zu dem Urbankrankenhaus pflegt der gebürtige Niedersachse eine fast schon liebevolle Beziehung. Früher hat er sich auch gerne ins Café im Erdgeschoss gesetzt und sich die Lebensgeschichten der Patienten angehört. Viele Stunden hat er hier verbracht und Ideen für seine absurden Geschichten und Romane gesammelt. So erinnert er sich schmunzelnd daran, als er vor vielen Jahren mit seinem entzündeten Blinddarm am Empfang mit den sehr beruhigenden Worten begrüßt wurde: „Blinddarm – den kann ja sogar der Pförtner mit dem Löffel rausholen.“ Nach der erfolgreichen Blinddarm-Operation musste er dann erst einmal eine Weile im Rollstuhl sitzen und wurde von einem Pfleger betreut, der allen Ehrgeiz darauf verwendete, ihn mit allen möglichen Körperteilen anzuschieben – außer mit den Händen. Am Anfang fand Horst Evers das noch amüsant, bis er dann gegen eine Wand knallte. Aua. Das war dann doch nicht so lustig.

Mit heiterer Stimmung geht es weiter auf unserem Spaziergang am Landwehrkanalufer entlang, wo uns Horst Evers auch noch einige Lokale auf dem Weg empfiehlt. Wie zum Beispiel das Restaurantschiff Van Loon, wo es sehr guten Fisch geben soll oder das Alte Zollhaus, das angeblich mit einer sehr guten, gehobenen Küche und vielen prominenten Gästen aufwartet. Außerdem kommen wir dann auch noch genau an der Parkbank vorbei, wo ihm während seines Krankenhausaufenthalts die perfekte Idee für den Anfang seines Romans „Der König von Berlin“ einfiel. Der absolute perfekte Einstieg, auf den er so unheimlich stolz war und der dann am Ende doch komplett gestrichen wurde. Aber wichtig war der Einstieg für das Buch trotzdem, betont er.

Unseren zweiten Stopp legen wir vor der Amerika Gedenkbibliothek, der heutigen Zentral- und Landesbibliothek Berlin, ein. Auch hier hat Horst Evers natürlich wieder einige unterhaltsame Anekdoten parat. So erzählt er uns, dass er vor vielen Jahren einen Auftritt in einer Bibliothek nahe des Kottbusser Tors hatte und sich gewissenhaft einen Termin im Kalender mit dem Betreff „Bibliothek“ eingetragen hatte. Am eingetragenen Tag wunderte sich Horst Evers auf einmal über den Betreff Bibliothek, da seine ausgeliehenen Bücher doch noch gar nicht zur Abgabe fällig waren. Dennoch begab er sich pflichtbewusst zur Amerika Gedenkbibliothek, um die Bücher fristgerecht abzugeben. Da erhielt er auf einmal einen Anruf, wo er denn bleibe, er habe doch einen Auftritt. Da dämmerte es ihm…Das war dann aber auch das einzige Mal, dass Horst Evers in seiner langjährigen Laufbahn einen Auftritt vergessen hat.

Danach geht es weiter über den Mehringdamm zu Riehmers Hofgarten. Vorbei am Möbel-Discounter Poco Domäne, dessen Erfolg und Berechtigung Horst Evers nicht so richtig nachvollziehen kann. Denn reziprok zu den steigenden Mietpreisen in seinem Kiez ist das Niveau des Kaufhauses im Laufe der Jahre immer weiter gesunken. Früher befand sich Hertie darin, dann folgte Bilka, und jetzt residiert Poco Domäne in dem riesigen Gebäudekomplex. Umso prominenter geht es dafür ein paar Meter weiter im LPG Biomarkt auf dem Mehringdamm zu. Wer Schauspieler wie Till Schweiger mal beim Gemüsekauf sehen möchte, hatte bis vor Kurzem laut Horst Evers samstags um 13 Uhr die besten Chancen. Schön finden wir natürlich auch, dass sich Horst Evers auch noch gut an die Zeit erinnern kann, als er seine Beiträge persönlich im ehemaligen Verlagssitz von ZITTY am Tempelhofer Ufer abgeben musste. Damals wurde alles noch händisch abgetippt; anders ging das nicht. Hat sicher aber immer gut angefühlt, da was abzugeben, meint Horst Evers.

Auf dem Mehringdamm wird es etwas hektischer und voller. Vor Curry 36 herrscht eifriges Treiben. Leider verpassen wir die Schlange vor Mustafas Gemüsedöner, denn dort sei vor Kurzem die Fritteuse explodiert. Heute ist der Imbiss geschlossen und komplett verwaist. Dafür finden wir ein Hostel neben dem anderen: hier nächtigt der Easyjetset aus aller Welt, zumeist junge Leute, die auch in den vielen Lokalen und Imbissen rund um den Mehringdamm anzutreffen sind. Horst Evers findet das toll. Nicht so toll findet er allerdings den Wohnungsleerstand im denkmalgeschützten Riehmers Hofgarten, der vorletzten Station auf unserem Spaziergang. Das pittoreske Gebäudeensemble aus dem späten 19. Jahrhundert befindet sich seit geraumer Zeit im Privatbesitz und ist wahrscheinlich eines der traurigsten Beispiele für den omnipräsenten Spekulationswahnsinn in Berlin. Rund 100 Wohnungen in allerbester Lage stehen seit vielen Jahren leer. Ein Skandal, findet Horst Evers. Denn auch er würde sehr gerne hier wohnen. Wir auch. Richtig stark findet er allerdings, dass Quentin Tarantino anlässlich der Dreharbeiten von „Inglourious Basterds“ im Jahr 2008 fast ein halbes Jahr in einer der schicken Wohnungen Quartier bezog. Irre, den Tarantino im Supermarkt an der Kasse zu sehen, erzählt Horst Evers ganz begeistert.  

Danach spazieren wir zum Viktoriapark, wo uns leider kein Wasserfall empfängt. Mal wieder ein Defekt bei der Elektrik? Wir wissen es nicht. Horst Evers schwärmt von dem grünen Park und dem Biergarten Golgatha, den es bereits seit den 70er Jahren gibt. Noch nicht ganz so lange, aber immerhin schon seit 2001 gibt es die Kiezzeitung „Kreuzberger Chronik“, die er uns lobend vorstellt und im Anschluss ein Exemplar verschenkt. Eine weitere Kreuzberger Bezirkszeitung heißt „Kiez und Kneipe“, herausgegeben von Peter S. Kaspar. Da staunen wir ja nicht schlecht, dass es in Kreuzberg so eine lebendige Mikro-Verlagswelt gibt.

Weiter geht’s auf der illustren Bergmannstraße, vorbei am italienischen Restaurant „Osteria“, das Horst Evers ebenso wärmstens empfehlen kann, besonders den dreigängigen Mittagstisch für überschaubare 10 Euro. Wir flankieren das Café Atlantic, eine Institution im Bergmannkiez sowie neuere Geschäfte und Läden wie zum Beispiel „Der vegetarische Metzger“, der sich seit 2016 in dem beliebten Kiez befindet.
Nach einem ordentlichen Fußmarsch sind wir an der Endstation unserer Tour angekommen: dem Café Strauss an den Friedhöfen am östlichen Ende der Bergmannstraße. Nun haben wir das Leben eines fiktiven Kreuzbergers bis zum Tod erlebt und freuen uns auf Sekt und Häppchen in dem hübschen Friedhofscafé mit seinen hohen Räumen, runden Fenstern und Ziegelsäulen, das einst als Aufbahrungshalle diente. Hier genießt man seinen Kaffee in Frieden.

Wir bedanken uns noch einmal mit einem tosenden Applaus bei unserem so sympathischen und wohl informierten Kreuzberg-Führer. Wenn ihm vielleicht mal die Geschichten ausgehen sollten, kann er sich ja mal im Tourismus probieren. Uns hat er auf jeden Fall schon mal überzeugt.

Text: Christine A. Lebert
Fotos: F. Anthea Schaap

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