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So war es bei Berlin mit Berliner präsentiert von Mastercard Priceless Berlin

Tour mit Türsteher Frank Künster durch Mitte

„Exzessbetreuer“ – diesen besonderen Titel erhielt Charakter-Türsteher Frank Künster vor langer Zeit von einem Journalisten. Und kaum eine Bezeichnung könnte es besser auf den Punkt bringen, welcher Aufgabe er als Türsteher seit Jahren, Nacht für Nacht, nachgeht: Er passt auf sein Partyvolk auf. Wer sich verliert, wird von Frank Künster aufgefangen. Wer sich nicht benimmt, wird abgewiesen. Frauen werden natürlich bevorzugt behandelt, Männergruppen haben es hingegen eher schwer. Wer an ihm vorbeikommt, betritt ein Paralleluniversum und darf sich voll und ganz von seinem Alltagskorsett befreien.

Bei unserer Berlin mit Berlinern Tour präsentiert von Mastercard Priceless Berlin kassiert aber keiner der Gäste eine Absage. Stattdessen öffnet Frank die Tür zu seinen Erinnerungen an eine Zeit der Freiheit, des Exzesses und der minimalistischen Clubs aus der Nachwendezeit. Mit anderen Worten: einer Guerilla-Popup-Clubkultur, die sich lange gegen etablierte Systeme gewehrt hat.

Frank Künster empfängt uns mit Handtuch um den Nacken gegen 16 Uhr bei milden Saunatemperaturen von 36 Grad in der Rosenthaler Straße 9 – vor dem ehemaligen Delicious Doughnuts. Für ihn der Ort, an dem alles vor 27 Jahren angefangen hat. Wo die Clubszene in Mitte ihre ersten Wurzeln schlug und Frank bald seinen Platz an der Tür einnahm. „Weil ich halt nichts anderes konnte“, erklärt Frank, der weder eine Affinität zu Musik noch zu Alkohol hatte – also blieb „nur“ die Tür. Ob er damals viel mit gewaltbereiten Menschen zu tun gehabt habe, wollen die ersten sofort wissen. Gewalt – das mag zum typischen Klischeebild eines Türstehers gehören – deckt sich aber nicht mit Franks Erfahrungen. In Berlin-Mitte sei es nie so gewesen, dass die Arbeit an der Tür mit Gewalt verbunden war. Entspannte Leute, eher Intellektuelle, alles easy-going, erinnert sich Frank, der alle Teilnehmer*innen um mindestens einen Kopf überragt. Gewalt lehnt er grundsätzlich ab und resümiert, dass es in seinen vielen Nächten an der Tür nur zu ganz wenigen handfesten Auseinandersetzungen gekommen sei, die ihm auch alle im Nachhinein leidgetan haben.

Von der mit Graffiti beschmierten Tür des einstigen Doughnuts schlendern wir weiter bis zum Rosenthaler Platz. Dass es hier auf der Kreuzung mal einen Club in einem Straßenbahn-WC gegeben haben soll, klingt nach einer Nachtleben-Legende. Aber es stimmt. Immer wieder schossen damals winzige Clubs aus dem Boden, die sich meist nicht länger als ein Jahr hielten. Und doch wie kleine Diamanten im Berliner Party-Großstadtdschungel glänzten. Auf gerade einmal 20 Quadratmetern tummelten sich bis zu 60 Leute. Bewegungsfreiheit? Ein Fremdwort. Aber damals brauchte die wohl keiner. Hauptsache es war eng und die Musik war gut. Oder besser gesagt: anders.

Mindestens schon zwei Mal durchgeschwitzt heften wir uns wieder an Franks Fersen. Auf dem Weg in die Auguststraße zu Cookies allererstem Club laufen wir die Rosenthaler Straße wieder runter und bleiben vor der Hausnummer 68 stehen. Hier befand sich einst der legendäre Underground-Club Eimer, damals unschwer an seinem beleuchteten Eimer an der Hausfassade zu erkennen. Im Eimer war auf jeden Fall das Haus, in dem sich der Eimer befand. Das Haus glich – heute schwer vorstellbar – einer Ruine. Ein ganzes Stockwerk fehlte, sodass der meterhohe Club räumlich etwas Sakrales hatte. Einer der ersten düsteren Techno-Tempel. Laut ging es dort zu, sehr laut. Und das Klo konnte man nicht schließen, sondern nur mit einem Vorhang zuziehen. Hat auch funktioniert. Das Unfertige und Provisorische – ein Markenzeichen vieler Clubs der Nachwendezeit, die als Zwischennutzung außergewöhnlicher Locations Geschichte geschrieben haben. Oft dienten entweder die ursprüngliche Funktion der Räumlichkeiten oder die Schilder an den Hausfassaden als Namen der Clubs: Frisör, WMF, E-Werk, Obst und Gemüse etc.

In der Auguststraße angekommen, huldigen wir gleich zweimal der heutigen Gastronomenlegende Heinz Gindullis, besser bekannt als Cookie, der mit seinen gleichnamigen Clubs Mittes Clubkultur in den 90er Jahren entscheidend geprägt hat. Heute betreibt er als erfolgreicher Gastronom drei Restaurants und übernimmt europaweit Catering-Aufträge. Dabei fing alles im Keller im Hinterhof des Hauses in der Auguststraße 26B an, wo damals seine Schwester als Hausbesetzerin wohnte. Der Kellerclub war spartanisch eingerichtet, der Strom wurde illegal angezapft, eine provisorische Theke und eine günstige Anlage eingebaut – und fertig war das Etablissement. Bei der Erfindung des legendären Cookie-Cocktails „Watermelon Man“ war Frank Künster damals sogar behilflich. „Das klingt lecker, nimm das auf die Karte!“, riet er damals seinem Freund Heinz, der seinen Rat befolgte. Es wurde der Drink einer ganzen Party-Generation, das Pendant zum heutigen Moscow Mule.    

Nun geht es weiter in Richtung Hackescher Markt. Auf dem Weg dorthin, vor einer Einfahrt in der Neuen Schönhauser Straße, zeigt uns Frank, wo sich einst der Club Toaster befunden hat. Drum’n’Bass und Breakbeats dominierten hier den Sound auf der Tanzfläche. Der Toaster im dritten Hinterhof war ganz besonders schwierig zu finden. Flyer gab es damals nicht und auch von außen keinerlei Hinweise. Auch einer dieser Clubs, die es nicht lange gab und spätestens Ende der 90er Jahre den geordneten Verhältnissen der neuen deutschen Hauptstadt weichen mussten. Trotz dunkler Sonnenbrille auf seiner Nase, liest man in Franks Gesicht nun auch Systemkritik, als er sich an diesen illegalen Club erinnert, der fast schon längst in Vergessenheit geraten ist. Mit der Verlagerung des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin veränderte sich die Berliner Clubszene, erzählt Frank. Regularien wurden nun rigoros durchgesetzt: Feuerpolizeiliche Auflagen mussten erfüllt, der Lärmschutz eingehalten werden, ordentliche Toiletten musste es geben. „Ne Hauptstadt muss halt ordentlich sein, das ist ‚unglaublich‘ wichtig.“, betont Frank mit deutlich sarkastischem Unterton, „Man darf keine rechtsfreien Räume haben.“ Ein etwas bitterer Beigeschmack. Aber weiter geht’s.

Kurz vor den Hackeschen Höfen bleiben wir beim Hofeingang der Rosenthaler Straße 39 stehen, wo sich im zweiten Hinterhof wie durch ein Wunder immer noch die Bar Eschloraque Rümschrümp befindet. Dieser Hof dient fast schon als Mahnmal wie es einst im heute so geleckten, gentrifizierten und von Touristen überlaufenen Mitte kurz nach Mauerfall ausgesehen hat: verfallen, heruntergekommen – arm aber sexy. Frank erzählt uns anschließend in den Hackeschen Höfen die Geschichte des Oxymorons, das auf einmal nicht mehr provisorisch, sondern schick und edel sein wollte. War damals seiner Zeit voraus und hat dann auch nicht funktioniert, reflektiert Frank. Heute ist es ein schickes Restaurant an einem der Berliner Touri-Hotspots schlechthin, heute funktioniert es. 

Weiter geht es auf der Oranienburger Straße, in den 90ern ein legendärer Straßenstrich, zum Tacheles, das bereits von den Baumaßnahmen einer neuen, weiteren Shoppingmall beeinträchtigt ist. Die Fassade des brachial-monumentalen Gebäudes existiert nur noch in halber Pracht. Nach Mauerfall war das besetzte Tacheles das Flaggschiff der alternativen Kunst- und Kulturszene, ein Zentrum mit eigenem Theater, Kino, Ausstellungssaal und vielen Künstler-Ateliers. Nun wird es Teil einer Luxus-Shoppingmall und teurer Immobilien. Weil wir davon ja noch nicht genug haben, merkt Frank sarkastisch an.

Nun geht’s zu Franks letztem Baby, dem King Size. Nach etwa eineinhalb Stunden Spaziergang haben wir die letzte Station unserer Tour erreicht und stehen vor heruntergelassenen Jalousien und vollgespraytem Glas in der Friedrichstraße 112b. Hier haben wir am meisten Herzklopfen, als wir vor dem Ex-Club stehen, der in Berlin fast so legendär ist wie Frank selbst. Noch bis vor zwei Jahren hat er hier die sich drängelnden Menschen entweder in den berühmt-berüchtigten Club gezerrt oder in die Nacht zurückgeschoben. Auf 40 Quadratmetern fügten sich die oftmals 150 Tanzenden wie Puzzleteile zusammen. Weitere 80 standen zusätzlich geduldig vor der Tür und warteten auf Einlass. Übrigens vor allem Personen mit Doktor- und Professorentiteln oder berühmte Künstler, erinnert sich Frank mit einem Grinsen. Menschen, die im King Size einen Weg zum Exzess suchten. Und fanden. Die sich fallen ließen und aufgefangen wurden. „Es wurde jeden Abend orgiastisch“, lacht Frank weiter. Dabei ging es aber nicht (nur) um Sex, sondern einmal mehr um Freiheit. Für Frank war es die schönste Zeit seines Lebens. 44 Jahre war er bereits alt, als 2010 die Ära King Size begann und 2017 leider endete. Die unvergesslichen Erinnerungen daran wurden später von 20 Autoren in ein Buch gegossen. Der Titel entspricht dem „liebevollen“ Spitznamen, den Frank seinem ausdauernden Partymob gab, wenn’s ihm mit dem Feiern gegen 7 Uhr morgens genug wurde: „Nutzloses Gesindel“.

Aus Franks Sicht habe es kein Club je in die Fußstapfen des King Size geschafft. Seit einem Jahr sucht er nach einem Standort für seinen nächsten Club. Fündig ist er bisher nicht geworden. In Anbetracht der schrumpfenden Berliner-Clubszene wäre ein Revival des King Size eine sehr gute Nachricht und würde eine entscheidende Lücke in der Szene wieder füllen. Am Ende verabschiedet sich Frank mit folgender Antwort auf die Frage, wie er seinen persönlichen Exzess auslebt: „Ihr müsst alle mal auf ’ne Orgie gehen. Ist echt befreiend.“   

Text: Jessy Lee Noll
Fotos: Lena Ganssmann

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