Lesungen und Bücher in Berlin

Tobias Prempers Roman „Durch Bäume hindruch“

Tobias Premper verdichtet die Welt zu ­essenziellen Miniaturen

Premper_c_lillian_birnbaumMit Tobias Premper am Heinrichplatz verabredet. Vergessen, wo genau. Deshalb SMS: „Sitze auf der einzigen Bank des Platzes.“ Eine Minute später: Premper. Kommt von schräg gegenüber. Sagt was vom „Zufall, dass ich gerade das Handy wieder angemacht habe“. Und dann: „Gehen wir ein Stück?“ Da ist er wie in seinen Mails. Sehr kurz, bündig. Der Mann braucht nicht viele Worte. Jetzt ist von Tobias Premper, 39, geboren in Celle, „Durch Bäume hindurch“ erschienen, sein zweites Buch beim edlen Steidl Verlag. Kürzestgeschichten, die oft kaum eine Seite bespielen. Aber wie sie das tun.

Durch die Mariannenstraße also. Ein Freitag, Regen war angesagt, wurde abgesagt, bleibt weg. Premper geht dahin, als hätte er ein Ziel. Zieht ein Blatt Papier hervor: „Ich habe ein paar Sachen aufgeschrieben. Kannst du später lesen. Ist mir aber wichtig.“ Der erste Satz geht so: „Ich habe versucht, auf alles Überflüssige zu verzichten, alles Überflüssige auszuschalten, oder besser: Das Überflüssige hat sich im Verlauf der Geschichten selbst ausgeschaltet.“ Endpunkt des Spaziergangs: Mariannenplatz, eine Bank. Einen Baum weiter schlägt ein Mann einen Stein im Spechtrhythmus gegen den Stamm. Bisschen manisch, fast irre. Premper, interessiert: „Was macht der da?“ Man erwartet, dass er jetzt was aufschreibt.

Denn sein erstes Steidl-Buch „Das ist eigentlich alles“ bestand aus der Essenz von 17 Notizbüchern von 2004 bis 2010. Zum Beispiel so: „Geburt. Der halbherzige Versuch zu entkommen. Tod.“ Wenn man sich auf Prempers Webseite umtut – auf dem Foto sieht er zauselig, nicht zurechtgemacht aus, wie eine Mischung aus einem Neo-Folk-Sänger und Rübezahl – klickt man sich durch viele Buchprojekte. Loseblattsammlungen wie die „Boxenbücher“ oder das Kunstbuch „Bremsspur“ (mit dem Fotografen Malte Nies) in kleiner Auflage, unikatisch handgefertigt.

In einer der neuen Miniaturen, sie heißt „Zusammenhänge“, rempelt eine erste alte Frau wildfremde Leute an, beschimpft sie dann, sie hätten sie angerempelt, während eine zweite alte Frau, vom Geschrei beunruhigt, haufenweise Papier zerschneidet. Und am Ende, wenige Zeilen später nur, man kann hier aber einfach nicht erklären, wie Premper so schnell dort hingelangt ist, wird ein Haar ausgerissen, Augen tränen: „So hängen die Dinge auf der Welt zusammen.“

In einem anderen neuen Text, nur über 13 lichte Zeilen, geht einer durch eine leere Straße, ruft: „Kommt nur!“ Dann erreicht er eine Brücke. „Die ist hoch genug.“ Schluss. Premper entkernt die Momente, nimmt ihnen allen Tand, legt sie bloß. Mal gerät ihm ein Text grotesk, mal sehr beiläufig. Mal dada, mal gaga. Oder pointiert ohne Pointe. Diese Geschichten bedeuten alles und sie bedeuten nichts. Alles, nichts. Der Abstand zwischen diesen beiden Worten kann riesengroß sein. Oder aber verschwindend winzig. Das entscheidet sich im Kopf des Lesers.

Ob er sich mitnehmen lässt in den nachtdunklen Kopfkinosaal, wo diese Essenzen von Momenten mit mehr Farben, Details, Tand ausgekleidet werden. All diese Dinge, die dem Schriftsteller, Künstler (und freiberuflichen Werbetexter) Premper nicht so wichtig sind, seit er vor einigen Jahren, ein „auf der ganzen Linie gescheitertes“ Romanprojekt in der Magengrube, in kurzen Notizen, Gedanken, Aphorismen, Zitaten (er mag offensichtlich Peter Handke) seine künstlerische Form entdeckte. Voll von Momenten. Kein Tagebuch. Sondern Gedankenmomente.

„Es geht nicht darum, dass ich mein Seelenleben dahinkritzele“, sagt er, auf der Bank sitzend, der Spechtmann am Baum ist mittlerweile verschwunden, „sondern etwas beschreibe, von dem ich auch ein Teil bin.“ In seinem nächsten Buch sollen Prempers Texte wieder länger werden. Ob es zu einem Roman reicht, ist noch offen. Offen wie der Blick durch Bäume hindurch.

Premper_DBH_CovText: Erik Heier

Foto: Lillian Birnbaum

Tobias Premper: „Durch Bäume Hindurch“ Steidl Verlag, 91 Seiten, 16 Ђ

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