Tocotronic: Wie wir leben wollen

Tocotronic: Wie wir leben wollenDirk von Lowtzow kommt sofort zur Sache. „Ich bin jetzt alt, bald bin ich kalt … ich war keiner von den Stars, ich war höchstens Mittelmaß … ich hab mich nie bemüht, jetzt bin ich verblüht, im Keller wartet schon die Version, die mich dann ersetzt, wenn man sie wachsen lässt“, singt er. Ein erstaunlicher Einstieg. Über die eigene Karriere sinnieren nur wenige Musiker, schon gar nicht offen. Hier klingt es so, als werfe sich Morrissey mit voller Wucht ins Gefühlsgetümmel. Nur: Warum alt, verblüht, gar am Ende? Tocotronic sind noch immer im Wachsen begriffen und müssen sich nicht über einen Mangel an Reserven beklagen. „Wie wir leben wollen“ ist ein Album, das 70 Minuten läuft und auf dem es einiges zu entdecken gibt.
„Man sagt, die Revolution werde zuletzt den Tod abschaffen“, heißt es in völliger Umkehrung des Eingangsstatements. Na also. Man darf doch bitte noch Träume und Visionen haben. Es ist im Vorlauf viel berichtet worden. Über die Benutzung analoger Bandmaschinen im Studio. Über die Wiederkehr der Rauheit der unbekümmerten Jahre. Über die 99 Thesen auf der Website. Kaum jemand erwähnt, dass Dirk von Lowtzow seinen bisher größten Auftritt hat. Man erlebt einen Sänger beim Großreinemachen. Einen Mann zwischen Leben und Tod, Einmischung und Ausstieg, Protest und Rückzug, Tristesse und Aufbruch. „Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, doch sollte man nicht kleinlich sein, als lebender Leichnam glaub ich daran, the show must go on“, erklärt er in Anspielung auf das Jubiläum der Band. Er wird persönlich: „Sieh mich an, ich bin ein bleicher Mann, der tanzt, ich bin anders als die anderen.“ Er malt sich sozialen Wohnungsbau aus und stellt sich vor, wie Europas Mauern fallen. Dazu rochiert die Musik zwischen „What Difference Does It Make?“, „Street Fighting Man“, „Love Will Tear Us Apart“ und Blurs Post-Britpop-Düsternis. Die Band hat auf vielen Pfeilern gebaut und darauf ein Monument gesetzt.

Text: Thomas Weiland

tip-Bewertung: Herausragend (6/6)

Tocotronic, Wie wir leben wollen (Vertigo/Universal)

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