Kino & Film in Berlin

Tom Cruise in „Operation Walküre“

Der umstrittene Stauffenberg-Film "Operation Walküre" ist nicht das Desaster, das alle erwartet haben. Bryan Singer hat einen grundsoliden Thriller über Männer auf verlorenem Posten inszeniert. Und macht einen deutschen Nationalheiligen zum normalen Kinohelden.

Operation WalküreEin Selbstmordattentäter wäre in jedem Fall erfolgreicher gewesen. Doch diese Kampftaktik war im deutschen Offiziersmilieu völlig unbekannt. Man musste schon lebend aus der Sache rauskommen und Vollzug melden. Der ausgefeilte Anschlag auf Hitler am 20. Juli und die ebenso generalstabsmäßig geplante Machtübernahme mussten Punkt für Punkt erfüllt, abgearbeitet und abgehakt werden. Etwas anderes war in der preußisch geprägten Militärwelt nicht vorgesehen. 13 Uhr: Oberst Stauffenberg zur Lagebesprechung mit Hitler in der Wolfsschanze, Bombe explodiert; 13.30 Uhr: Rückflug nach Berlin; 19 Uhr: Ansprache im Radio.
Doch der Plan, an den sich die Verschwörer halten wollen, geht schon früh schief. Die Besprechung ist um eine halbe Stunde vorverlegt, weil Hitler seinen italienischen Verbündeten Benito Mussolini am Nachmittag empfangen will. Das war nicht vorgesehen, und darum hat der Attentäter Stauffenberg kaum Zeit, den auf zehn Minuten programmierten Zünder scharf zu machen. Dass er im Krieg die rechte Hand verloren hat und an der linken nur noch drei Finger übrig sind, beschleunigt die Sache auch nicht gerade. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, das Stauffenberg verliert. Er kann nur eins von zwei Sprengstoff­­pa­keten aktivieren. Die geschärfte Ladung platziert er im Besprechungszimmer, den nicht geschärf­­ten Sprengstoff übergibt er zur ordentlichen Aufbewahrung seinem Adjutanten. Unfassbar – denn die Explosion der ersten Bombe hätte mit ziemlicher Sicherheit die zweite Sprengstoffladung hochgehen lassen und wahrscheinlich Hitler getötet.
Im Grunde stehen die Ver­schwö­rer schon jetzt auf verlorenem Posten. Doch es gibt noch Hoffnung. Generaloberst Fromm könnte trotzdem die Operation Walküre anlaufen lassen – eigentlich ein militärischer Notfallplan zur Bekämpfung eines Aufstands, der aber von den Verschwörern für ihren Umsturzplan genutzt werden soll. Doch der opportunis­tische Fromm weigert sich. General Olbricht Operation Walkürekönnte im Berliner Bendlerblock, dem Sitz des Heeresamtes, auf eigene Faust agieren, doch er zögert. Vieles hängt jetzt vom obersten Verschwörer ab, doch Stauffenberg ist im Flugzeug auf dem Weg von Ostpreußen nach Berlin und stundenlang nicht erreichbar. Erst am späten Nachmittag um halb fünf erreicht Stauffenberg den Bendlerblock und übernimmt das Kommando. Da ist schon zu viel Zeit verronnen.
Bryan Singers Film „Operation Walküre“ interessiert sich genau dafür: wie knapp die Attentäter am 20. Juli scheitern. Detailgenau erzählt er, was an welchem Punkt schiefgelaufen ist und wie die militärische Logistik und die Mentalität der Verschwörer das Unternehmen erst voranbrachten und es dann torpedierten. Singers Attentatsdrama ist ein ungemein effizienter Thriller über einen scheiternden Coup. Seine Spannung zieht er natürlich nicht daraus, dass man als Zuschauer auf ein gutes Ende hofft und um die Wi­derständler bangt. Dazu ist der Ausgang ja zu bekannt. Der Thrill entsteht bei Singer daraus, dass immer mehr schiefläuft, dass es immer wieder Hoffnung auf eine glückliche Wendung gibt, die aber doch wieder zunichtegemacht wird. Wer nicht mit den Details des gescheiterten Attentats vertraut ist, für den erzählt „Operation Walküre“ eine unglaubliche Geschichte mit unfassbaren Wendungen. Es ist eine Revue der Attraktionen und Sensationen, die wie in einer gut getimten Show runterschnurren. Genau das macht den Reiz, die Spannung und, ja, auch das Vergnügen an „Operation Walküre“ aus. Regisseur Bryan Singer ist eben ein Unterhaltungsprofi, der weiß, wie man intelligentes, cleveres Mainstreamkino inszeniert. Das hat er mit Filmen wie „Die üblichen Verdächtigen“, „Der Mus­terschüler“, „X-Men“ und „Superman Returns“ bewiesen. Trotz des schweren his­torischen Stoffes gehört „Operation Walküre“ in die Reihe der bisherigen Singer-Filme und nicht in die Serie der deutschen Stauffenberg-Verfilmungen, der Guido-Knopp-Doku-Dramen oder der „Unter­gang“-Schinken. Allein dafür muss man Bryan Singer dankbar sein.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 03/09 auf Seite 42.

Text: Volker Gunske

Operation Walküre (Valkyrie), USA 2008; Regie: Bryan Singer; Darsteller: Tom Cruise (Claus Schenk von Stauffen­berg), Bill Nighy (Friedrich Olbricht), Kenneth Branagh (Henning von Tresckow), Farbe, 120 Minuten

Kinostart: 22. Januar 2009

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