Künstlerporträt

„Tony Conrad: ­Completely In The Present“ im Kino

Mehr als gelungenes Porträt des legendären New Yorker Musiker, Filmemachers und Medienkünstlers

Frederick Eberstadt/ Library of Congress

Zu Filmbeginn steht Tony Conrad vor dem New Yorker Haus, in dem er Anfang der 1960er-Jahre gelebt hat. Mit Mikrofonen bewaffnet ­interessieren ihn in dem Moment die Straßengeräusche mehr als der Umstand, dass er hier Filmgeschichte schrieb, hier zusammen mit Jack Smith den New Yorker Film-Underground begründete – und dass in seiner Wohnung der Bandname Velvet Underground aus der Taufe gehoben wurde. Es ist eine für Tony Conrad, einen der einflussreichsten künstlerischen ­Tausendsassas der letzten Jahrzehnte, typische Szene im Heute.

Als Musiker, Filmer und Medienkünstler ist ­Conrad trotzdem wenigen ein Begriff, weil er nie in vorgefertigte Schubladen gesteckt werden wollte. Mal in der Vorläufer-Band von Velvet Underground zu spielen, das fand er spaßig, aber Rock’n’Roll auf Dauer langweilig. Seine große Liebe blieb die Violine und die Minimal Music, zu deren Pionieren er gehörte – aber ein wichtigtuerischer Komponist wie Mitstreiter ­Philip Glass wollte er nie werden.

Und überhaupt: Wo bleibt denn der Humor in der Kunst? Sein Künstlerleben lang balancierte Conrad zwischen den Stühlen ernsthafter Ambitionen und spielerischer Ironie. Sollen sich doch die Kulturhüter die Köpfe heiß reden, ob an der Wand trocknende Farbe eine Filminstallation ist oder nicht. Hubby heftete sich für seinen Film, dessen Fertigstellung Conrad, der 2016 verstarb, leider nicht mehr erlebte, über 20 Jahre an seine Fersen. Diesem mit Herzblut gedrehten Porträt gelingt es ganz wunderbar, Tony Conrad in all seiner steten Unstetigkeit zu zeigen und sein künstlerisches Credo zu feiern: Akzeptiere keine Grenzen!

Tony Conrad: Completely In The Present USA 2016, 96 Min., R: Tyler Hubby, Start: 11.1.

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