Pop

Dreier im Auge des Orkans: Torres

Die 26-jährige Torres aus Brooklyn tritt Schönheits- und Gendernormen in ihre lächerlichen Eier. Wie macht sie das bloß, dass man sich bei ihrem Klangkaracho so befreit fühlt?

Foto: Ashley Connor

Fahrig verzerrte Gitarren skizzieren die Gewitter im Geiste, bohren sich ins Hirn, da hilft kein Blitzableiter. Kühle Schlagwerkmaschinerie mit Kicks wie von der Folterapparatur aus Kafkas Strafkolonie. Synthiebreitseite, Engelschor und minimale Orgelostinati. Und dann: diese Stimme, niemals den schönen Schein erheischend, am wenigsten wenn sie den Alt auskostet, ganz unten bei den Tiefentönen. Und doch ist sie so oft der Ruhepol, das Nervenmittel inmitten jenes Klangkarachos, das den wohligen Zustand im Auge des Orkans befördert, unter Hypnose setzt auf diesem krassen Magic Carpet Ride.

Der Vergleich mit PJ Harvey, Mitski und Cat Power liegt auf der Hand; aber man darf auch die rheinischen Pioniere von Can oder von Kraftwerk zwischen den Rillen ahnen. Wer ist diese Frau von 26 Jahren, die auf ihrem dritten Album, das dann auch noch „Three Futures“ heißt, jene rare Kraft freisetzt? Mackenzie Scott heißt sie – und auf der Bühne Torres. Türme. Solche, die trotzen. Auf dem Vorgänger „Sprinter“ galt der Trutz der studierten Literaturwissenschaftlerin dem religiösen Dogma der Eltern, Methodisten, die sie adoptierten. Diesmal kommt Torres darauf zu singen, dass sie keine rechtschaffene Frau sei, sondern ein Ass Man. Ein Spiel mit den Rollen. Im Titeltrack besingt sie den Moment, da sie einen Ständer kriegt im Auto auf dem Parkplatz. Frühe Attraktion und Genderfludium. Und wie später im nach Bergamotte riechenden Wohnzimmer ihr Blick dreigespalten wird, alternative Zukünfte erblickt, die dem Gegenüber fremd sind. Und wie sie sich schließlich, mutmaßlich nach der Trennung, wünscht, das Gegenüber werde sich hoffentlich nicht an die Art des Verlassens erinnern, sondern die Weise des Eindringens. Ob die Vagina oder die Vita wohl gemeint ist? Das bleibt offen.

Aber, stop, drei Zukünfte? „Ich bin besessen von dem Gedanken, dass vermeintlich kleine Entscheidungen, die wir am laufenden Bande treffen, ein Leben radikal verändern“, sagt sie und benennt den Butterfly-Effekt. Drei ist einfach ihre Lieblingszahl „Nicht bloß im biblischen Sinne.“ Sie lacht. „Auch sexuell.“ In Amerika dürfe man über sowas ja nicht reden. „Aber: Scheiß drauf!“ Jedenfalls habe sie so ihre Obsession mit parallelen Realitäten und Universen. „Vielleicht existieren ja neben uns auch die Versionen unserer selbst, die andere Entscheidungen getroffen haben.“ Autobiografisches Immer-wieder-Hinterfragen, wie es paradigmatisch für Torres ist. Sci-Fi-Autor Ray Bradbury lässt grüßen, wenn sie solche Mentalexperimente raushaut und dabei Räucherstäbchen entflammt.

Ein Abfeiern des Körpers soll „Three Futures“ sein, versichert Torres im Gespräch. Aber sind unsere Zeiten samt ihrem Exzess aus Beauty-Blogs und Instagram-Weichzeichnern nicht eher dazu angelegt, mit unserem Körper überkritisch ins Gericht zu gehen? „Oh ja, definitiv“, sagt Torres, während sie Panoptiken aufs Papier vor sich kritzelt. „All diese Schönheitstipps in den Magazinen und so kommen daher, als würden sie es gut mit uns meinen. Am Ende tun sie dann aber perfiderweise das Gegenteil davon: Sie lehren uns, den Körper zu verstellen – gemäß solcher Standards, die dir suggerieren, dass du niemals gut genug bist.“ Diäten, Puder, Botox, digitale Maskerade. „Nichts davon wird dich befriedigen.“ Ihr Album will Torres als Kontrapunkt dazu verstanden wissen. Darin liegt die Macht der Befreiung. „Suuuuuure“, sagt sie und stretcht das U dunkel eine halbe Ewigkeit. „Diese Mentalität der so genannten Schönheitstipps repräsentiert eine Kultur, die deinen Körper vereinnahmt. Dieser kranken Kultur will ich das Herz herausreißen.“ Nichts lieber als das.

Seit letztem Jahr verstimmt es sie, wenn sie die ersten Stunden Tageslicht verpasse. „Ich versuche so lange wach zu sein wie es geht. Schlafen können wir noch, wenn wir tot sind.“ Dann also, wenn wir keinen Körper mehr haben. Denn einen Körper zu haben ist, wenn wir Torres’ Finale nach einer Dreiviertelstunde elektrorockendem Hybrid mit seiner hermetischen Lyrik glauben wollen (und wer würde nicht?) allem Stöhnen und Ächzen zum Trotz, das singt sie, Torres, über alles Grübeln erhaben: dann doch das größte Geschenk.

Kantine am Berghain Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, Mi 15.11., 20 Uhr, VVK 21,50 € zzgl. Gebühren

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