Musik & Party in Berlin

Tortoise

Tortoise im Berghain
Foto: Andrew Paynter

Das Chicagoer Quintett Tortoise zählt zu den Pionieren eines inzwischen auch nicht mehr ganz frischen Genres zwischen Rock, Electronica, freier Improvisation und Dub. Mitte der 1990er-Jahre, als Tortoise aus den Resten einer grandiosen Band namens Bastro hervorgingen, wurde dieser Sound etwas hilflos „Postrock“ genannt, was heute lustig klingt, weil Rockmusik selbst in Genres, die viele Menschen gemeinhin mit Gitarren assoziieren, längst keine Referenzgröße mehr darstellt.

Tortoise waren vor über 20 Jahren so stilbildend, dass sie irgendwann nur noch sporadisch neue Alben veröffentlichten, die die Musikwelt zwar nicht mehr erschütterten, diese aber so sehr bewegten, dass niemand am Ausnahmestatus der Band zweifelte. 2009 erschien ihre für längere Zeit letzte Platte mit dem semi-ironischen Titel „Beacons of Ancestorship“, wie immer auf dem altehrwürdigen Indie-Label Thrill Jockey. Manche Dinge – meist erkennt man daran ihre Qualität – ändern sich eben nie. Niemand würde erwarten, dass Tortoise noch einmal einen großen Wurf vollbringen, aber mit ihrem siebten Album „The Catastrophist“ sind sie ihrer Vorreiterrolle vollauf gerecht geworden. Es liegt in der Logik dieser Musik, dass sich Veränderungen im kaum messbaren Bereich vollziehen. Wie eh und je arbeitet die Rhythmussektion um die Gründungsmitglieder John Herndon, Douglas McCombs und John McEntire an einem minimalistischen Lock-Groove, der sanfte Wellen schlägt und die Melodien stetig umkreist.

Man hört „The Catastrophist“ an, dass die Mitglieder von Tortoise seit einer gefühlten Ewigkeit in diversen musikalischen Projekten zusammenspielen. Die auseinanderstrebenden Elemente ihrer Songs (es wird tatsächlich gesungen, ein David Essex-Cover) finden – wie von unsichtbaren Gravitationskräften gehalten – immer wieder zueinander. Es ist ein großer Spaß, diesen Meistermusikern bei der Arbeit zuzuhören – und noch unterhaltsamer dürfte es werden, ihnen dabei zuzusehen. Denn ihre räumlichen Erkundungen in Rhythmus und Melodie kann man mit bösem Willen vielleicht als akademisch abtun. Wie lässig Tortoise aber einen Hiphop-Beat, einen treibenden Kraut-Jam oder einen bittersüßen Pop-Moment in ihre Stücke einflechten, das machen ihnen die Jungen mit ihren digitalen Pro Tools so schnell nicht nach.    

Text: Andreas Busche

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