Kunst + Medien

Transmediale 2018 „Face Value“ – Von Häfen bis Hass

Die Transmediale-Ausstellung beschäftigt sich mit rechtlosen und verrohten Räumen, analog wie digital

Heather Dewey Hagborg, Chelsea Manning

Keine oder wenig Steuern, keine oder nur wenig lästige nationale Gesetze – im sogenannten Freihafen geht so einiges, was sonst innerhalb von Landesgrenzen verboten oder streng reglementiert ist. Zum Wohle der Wirtschaft – wenn auch nicht immer zum Wohle von Mensch und Umwelt. Dieses Bild, diese Vision eines Freihafens als Möglichkeitsraum und zugleich Abbild des globalen, nicht mehr an nationale Regeln gebundenen Kapitalismus wird die Hauptausstellung „Territories of Complicity“ der diesjährigen Transmediale-Konferenz schon rein äußerlich bestimmen: Die Gestalter von Raumlabor haben aus der großen Ausstellungshalle entsprechend eine auf Warenfluss hin optimierte Landschaft aus Containern, Kisten und Boxen gemacht. In diesen Boxen und Kisten wartet dann Kunst in Form von Screenings und Installationen darauf, „zweimal täglich in Events aktiviert“ zu werden, wie Kuratorin Inga Seidler sagt. Die von ihr ausgesuchten acht Künstler und Künstlerinnen haben sich dazu untereinander, aber auch mit Teilnehmern der parallel stattfindenden Transmediale-Konferenz „Face Value“ zusammengetan.

Die experimentellen Arbeiten sollen nicht nur als geschlossene Werke zu sehen sein, sondern auch Forschungsergebnisse abbilden. Sie entwickeln sich damit in Panels oder Performances zu Formaten, die dem Anspruch der Transmediale, ein Festival digitaler Medienkunst zu sein, genauso gerecht werden sollen, wie sie die Diskussionen in der Gegenwartskunst abbilden.
Gerade zum aktuellen Kunstdiskurs gibt es entsprechend interes­sante Verschränkungen, zum Beispiel mit der Arbeit „Europium“ der in Berlin lebenden Lisa Rave. In ihrer Videoarbeit thematisiert sie die Schürfung nach seltenen Erden, wie eben dem Europium, in der ehemals deutschen Südsee-Kolonie Papua Neuguinea. Über diese wiederkehrende Ressourcenausbeutung eines exkolonialen Gebietes sowie über die Prozesse und die Umwandlung von Rohstoffen in Gewinn spricht sie mit ihrer Kollegin Femke Herregraven. Diese beschäftigt sich ihrerseits in der Arbeit „Sprawling Swamps“ mit fiktiven Infrastrukturen der Finanzmärkte, sowie mit dem Philosophen Etienne Turpin, der als Experte für die Ökologie des Klimawandels gilt.

Neben diesen Formaten sind in den vier Festivaltagen noch zwei weitere, ebenso hochaktuelle Ausstellungen zu sehen. Da wäre einmal „A Becoming Resemblance“ von Heather Dewey-Hagborg, die der Genderikone Chelsea Manning mithilfe von DNA aus Wangenabstrichen und Haarproben in diesem Projekt wieder ein Gesicht gegeben hat. Von Manning waren in der Haft jegliche Bilder zurückgehalten worden und Dewey-Hagborg wollte ihr ihre Sichtbarkeit zurückgeben (wobei Manning jetzt durch ihre Senatskandidatur wieder im Fokus ist).

Und auch das vielleicht gerade wichtigste gesellschaftliche Thema, die Durchdringung der sozialen Netzwerke durch rechte Bewegungen, sowie die Frage, wie und ob man mit Rechten reden soll, wird im HKW in einer Installation verhandelt: „Hate Library“ von Nick Thurston hat sich mit der Sprache rechter Bewegungen in zwölf verschiedenen europäischen Ländern beschäftigt und wird dem Besucher gleich beim Betreten des HKW da sicher einiges zumuten.

Transmediale Konferenz und Festival „Face Value“, 1. – 4.2, Eröffnung 31.1 ab 18 Uhr, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Panel Femke Herregraven mit Lisa Rave So 4.2. ab 15 Uhr

Ausstellung „Territories of Complicity“, an allen Tagen 11– 22 Uhr Programm: 2018.transmediale.de

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