Oper

„Turandot“ in den Sophiensaelen

Das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen ist das Intelligenteste, auch Lustigste, was der Off-Szene seit langem passiert ist. Nun geben sie Puccinis „Turandot“

Foto: Thilo Moessner

Eine Woche proben. Dann vier Vorstellungen an zwei Tagen. Die Produktionsbedingungen der Freien Szene sind beinhart. Der Name „Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen“ ist also nicht zufällig gewählt. Die Regisseurinnen Julia Lwowski und Franziska Kronfoth listen allein für die letzten vier Jahre 26 Produktionen, für die sie verantwortlich waren. „Wir sind extrem fleißig“, sagt Julia Lwowski, die einst als Flüchtling aus dem krisengeschüttelten Odessa nach Deutschland kam. „Wir spüren den Drang, etwas zu erforschen und etwas zu erzählen. In unserer Situation“, ergänzt sie, „nimmt man jede Sache an. Schon um jedes Türchen zu öffnen“.

Unter den Sachen, die sie auf diese Weise angenommen haben, war auch die beste Produktion, die in der Neuköllner Oper in den letzten Jahren herauskam: „Die Fledermaus“. Eine Castorfiade nach der Operette von Johann Strauss. Und erst frei „ab 18 Jahren“, wie das Haus wegen ein paar pornographischen Super 8-Schüssen erklärte.
Heraus kam die Traurigkeit einer Hafenballade mit Einsprengseln à la „Hausfrauenreport“ der 1970er Jahre: Ein genialischer Abend, nicht zuletzt dank zweier Darstellerinnen des Orlowsky, in die man verknallt war, als man den Raum verließ.

Die Harmonie mit dem Neuköllner Veranstalter scheint über der (inzwischen abgesetzten) Produktion zerbrochen zu sein. Bevor das Kollektiv demnächst an der Bayerischen Staatsoper drei Rimski-Korsakow-Opern inszeniert, dockt man jetzt bei den Sophiensælen an. Mit Puccinis „Turandot“, auf drei Abende aufgespalten, hat man sich ein Wunschstück organisiert. Im aktuell bevorstehenden 2. Akt singt die kolossale, großartige Vera Maria Kremers die Eis-umgürtete China-Furie.
Im 3. Akt soll später der Schauspieler (und Fassbinder-Überlebende) Günter Schanzmann die weibliche Titelrolle spielen. Er hat auch schon für „Ahoi-Brause“ Werbung gemacht und stand zuletzt in Stockhausens „Originale“ an der Staatsoper auf der Bühne. Dass „Turandot“ als die Lieblingsoper von Donald Trump gilt, wird man sich wohl auch nicht entgehen lassen. Im Juni werden die drei Akte dann endgültig zusammengesetzt und en suite zu sehen sein. Danach folgt mit „Fidelio“ ein neues Opern-Projekt bei den Sophiensaelen.

Die Selbstbezeichnung „Kollektiv“ versteht man selber als „Ost-Überbleibsel“. „Wir sind zurückgeblieben und konservativ“, sagt Julia Lwowski in Bezug darauf, dass sie im Opernbetrieb schwer vermittelbar sind. „Wer engagiert schon gern ein Kollektiv, an dem am Ende gleich 20 Leute hängen?!“ Sie könnten einander wechselseitig nur immer „einschleusen“, lacht Dramaturgin Maria Buzhor, die gelegentlich auch mitspielt.

Bei dieser Einschleusung wollen wir gerne behilflich sein. Die Damen und Herren von „Hauen und Stechen“ sind das Intelligenteste, auch Lustigste, was der Off-Szene seit langem passiert ist. Ansehen, so lange sie das Establishment nicht gefressen hat! Das kann nicht mehr lange dauern.

Sophiensaele (Kantine) Do 16.3., Sa 18.3., 19.30 + 21.30 Uhr, Karten 13, erm. 8 €

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