Konzertkritik

U2 spielten bei Regenwetter im Olympiastadion

Einmal „Joshua Tree“ komplett bitte. Mit alles.

Es ist dieses Jahr vielleicht so. Wer ins Olympiastadion kommt, kriegt aufs Dach. Wie neulich bei Depeche Mode jetzt auch bei U2: Dauerregen. Jede-verdammte-Pore-auf-jeder-Haut-durchnässender Dauerregen. Mit kurzer Pause. Dann wieder Dauerregen. Der arme Noel Gallagher. Steht da mit seinen High Flying Birds vor der Mount-Rushmore-großen Videoleinwand unter einem lächerlichen Zeltdach und haut den ins Stadion strömenden Feuchtgestalten einen Ohrwurm nach dem anderen um die Ohren. „Don’t look back in Anger“, „Wonderwall“. Sehr amtliche Vorband.

Und dann kommen, Punkt 21 Uhr, U2. Nicht auf der großen Bühne. Auf einer kleineren runden, die mit langem Steg ins Publikum reingreift. Zuerst Larry Mullen Jr.’s charakteristisch blecherne Drumwirbel: „Sunday Bloody Sunday“. Da hört sogar der Regen kurz auf. Wie lange müssen die noch den Song singen, bis er wieder anfängt. Nicht lange.

U2 sind unterwegs, das 30 Jahre alte „The Josuha Tree“-Album aufzuführen, in der Originalreihenfolge. Als man noch Alben komponierte, jede Track-Reihenfolge den Charakter ändern konnte und keine Shuffle-Funktion das ganze Konzept in die Tonne trat. It’s 1987 again. Einmal Joshua Tree komplett mit alles, bitte.

Mit Kleinkram halten sich Bono, Adaym Clayton The Edge und Larry Mullen jr. erst gar nicht auf. Schon die ersten vier Songs vor dem Album, alle übrigens von vor ’87: Hit auf Hit auf Hit. „New Year’s Day“. Ein kurzes, angemessenes „Singin’ in the Rain“, das Bono auf Edges Gitarrenintro zu „Bad“ draufsingt. Und als „Bad“ vorbei scheint, packt Bono noch Bowie’s „Heroes“ hintendrauf, das auch auf Deutsch, es klingt ähnlich lustig wie bei Bowie damals. Berlin eben. Immerhin haben U2 hier auch mal ein Album aufgenommen, „Achtung Baby“.

Und dann noch „Pride (In the Name of Love)“. Gruß an Martin Luther King.

Da stehen sie nun auf dieser lustigen kleinen Bühne, hinter ihnen ist die Videoleinwand immer noch dunkel, man fragt sich schon, ob der Regen irgendeine Sicherung durchgehauen hat. Aber nein, jetzt springt sie an, zu „Where the Streets have no Name“, dem „Joshua-Tree“-Opener, U2 haben mittlerweile die Hauptbühne gefunden. Anton Corbijns Wüsten-Visuals aus dem Death Valley fluten das Stadion, fluten jede Zweifel weg und alle Fragen, die man jemals an diese Platte hatte. Es ist einfach nur: Krach, Bumm, Kreisch, Boller. Ihr wollt es doch auch.

Das alles sind ja immer noch verdammt gute Songs, „I still haven’t found what I’m looking for“, „With or without you“, „Bullet the blue Sky“, „In God’s Country“. Und wie sie alle heißen. Aber es geht eben immer voll auf die Zwölf. Der Stadionrock killt jegliche Nuancen. Wer für B-Seiten gekommen ist, hätte auch zuhause bleiben können. „Miss Sarajewo“, der erste Song nach dem kompletten Album“, kommt dem noch am nächsten, er stammt aus den frühen 90ern von Bonos Seitenprojekt „Passengers“, Luciano Pavarotti schmettert dazu aus dem Jenseits eine Arie runter, und weiter, immer die Hits entlang, „Beautiful Day“ (mit Iggy Pops „Passenger“), „Elevation“, „Vertigo“. Müssen die hier nicht um 23 Uhr den Saft abdrehen? Egal, schlafen kann man auch später. Auf der Videoleinwand wird derweil jede Schraube noch zweimal überdreht, immer feste druff, bei „Ultraviolet (Light my Way“), der Hommage an starke Frauen, salutiert die Riesenwand mit Bildern von Marie Curie, Anne Frank, den Trümmerfrauen (steht da wirklich auf Deutsch), Pussy Riot.

Und am Ende singen alle zu „One“ mit, es ist schon zehn Minuten nach 23 Uhr, in Prenzlauer Berg würden die Nachbarn jetzt schon wieder an bösen Briefen feilen, und dann singt Bono noch ein paar Beatles-Takte, „Rain“, das kann man schon so machen, es ist jetzt auch egal, die große Überwältigungsmaschine hat fertig, und den 70.000 Fans wird es hinterher egal sein, was wir Kritiker schreiben.

Dann ist es still. Und an den Drums sitzt jetzt wieder ganz allein: der Regen.

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