Musik & Party in Berlin

Über das Citadel Music Festival: Ein Gespräch mit Thomas Spindler

Vor zehn Jahren tauchte der Bezirk Spandau überraschend auf der Berliner Rocklandkarte auf. Ein Gespräch mit dem Konzertagenten des Festivals.

Thomas Spindler

tip Wie kamen sie als Veranstalter eigentlich damals dazu, in Spandau eine Konzertbühne zu eröffnen?
Thomas Spindler
Ich hab ja gefühlt schon immer Konzerte in der Stadt gemacht, der Weg nach Spandau war da eigentlich sehr unkompliziert. Du bist Spandauer, oder?

tip Zumindest wurde ich dort geboren …
Thomas Spindler Die Spandauer haben wir als Punks eigentlich immer verdroschen, Spandauer und Westdeutsche, das ging gar nicht damals, also war ich auch nicht oft in dem Bezirk. Aber dann hat mir jemand den Tipp mit der Zitadelle gegeben und ich habe die Leute dort als ein extrem unkompliziertes Volk kennengelernt. Ich bin mehr oder weniger ins Rathaus gelaufen und hatte dann eine Ortsbegehung, das war mittags um zwei, und es hat keine fünf Minuten gedauert und wir hatten schon das erste Bier getrunken. Das hat mich beeindruckt. Wir hätten zu Beginn dort Konzerte in einer Lautstärke machen können, das hätte keiner überlebt. Die waren wirklich tiefenentspannt. Wir haben mit Ritchie Blackmore angefangen, auf einer Bretterbühne mit Heuballen drumherum, und die Zusammenarbeit war ein Traum.

tip Waren Sie andere Sachen gewohnt?
Thomas Spindler Wir kamen ja zuvor von der Museumsinsel. Da war es ultraanstrengend (Familie Merkel hatte wg. Lärmbelästigung geklagt – Anm. d. Verf.) und so war Spandau ein Segen für uns. Das fing relativ unkompliziert und einfach an. Je mehr du dann allerdings internationale und größere Acts besorgst und auch mehr Menschen anziehst, und das geschah relativ schnell, desto mehr wirst du auch gleichgestellt mit Großveranstaungsorten wie der Waldbühne und der Wuhlheide, das bringt natürlich ganz andere Regularien mit sich.

tip Ansprechpartner sind nun also gar nicht mehr die entspannten Spandauer?
Thomas Spindler Spandau allein war es schon nach zwei Jahren nicht mehr. Für uns ist jetzt die Senatsverwaltung für Umwelt zuständig, die sich auch um Waldbühne und Wuhlheide kümmert.

tip Gab es bei den mittlerweile 200 Konzerten in der Zitadelle für Sie eine Top 5?
Thomas Spindler Nein, so was habe ich nicht, weil ich viel zu sehr versuche, im Jetzt zu leben … (denkt noch etwas nach) … Queens Of The Stone Age, da war wirklich alles perfekt, das war wirklich ein bleibendes Erlebnis, das geht für mich persönlich fast in die Richtung Joy Division im Kant Kino oder Babyshambles im C-Club morgens um drei.

Thomas Spindlertip Sie machen ja sehr viel mehr als nur die Zitadelle. Wenn man die Anzeigen im tip überfliegt, hat man den Eindruck, dass die Firma Trinity Music sogar die größte Anzahl an Konzerten in Berlin veranstaltet.
Thomas Spindler Das ist eigentlich schon lange so. Wir haben bis zu 600 Konzerte im Jahr. Aber da kann man jetzt nicht sagen, dass ich das mache. Wir sind eine große Firma mit vielen, tollen Leuten.

tip Beachtlich ist, dass Sie als Veranstalter selbst Kind dieser Stadt sind und als kleiner Punk und Konzertgänger angefangen haben, ohne wirtschaftliche Vorbildung.
Thomas Spindler Mit 13 sah mein Berufswunsch noch anders aus: Tierarzt. Als ich mein Meerschweinchen kastrieren lassen musste, ist das Tier aber in meinen Armen gestorben – da war dieser Berufswunsch abrupt beendet. Und dann habe ich eigentlich auch schon recht schnell angefangen, mit Platten zu dealen. Es ist nicht so, dass ich das heute bereuen würde.

tip Es gibt andere Big Player im Konzertbereich wie Scumek Sabottka (MCT) oder Axel Schulz (Loft), die ähnlich punksozialisiert sind – macht diese Herkunft einen Unterschied zu Peter Schwenkow, Peter Rieger und Co?
Thomas Spindler Ach, wir wissen ja beide nicht, wie das früher mit den anderen großen Veranstaltern war. Da waren wir beide doch noch zu klein, als ?AC/DC oder die Ramones in der Eissporthalle gespielt haben. Wer weiß denn, wie cool die Leute damals waren, die das damals gemacht haben? Also ich kann heute auch nicht mehr mit jeder Band um die Häuser ziehen und Drogen nehmen. Die Zeiten sind leider vorbei.

tip Lassen Sie uns einen kleinen Zeitraffer machen. Es begann mit dem Plattenladen Schlitz …
Thomas Spindler Das war 1979 in der Schönleinstraße. Mein damaliger Partner Rocky hat nebenan das Talia Kino betrieben, da lief täglich die „Rocky Horror Picture Show“. Dann kamen die 80er,  das Screen in der Eisenacher Straße: Alkohol, Amphetamine und amerikanische Bands. Da haben wir Silbergeld zusammengespart und einen rübergeschickt nach San Francisco, der dann Schallplatten mitgebracht hat.

tip Wann wurden Sie dann Veranstalter?
Thomas Spindler Erst kam LSD. Das war eine Konzertagentur. Wir haben Bands aus Amerika quer durch Europa gefahren. Mit Christof Ellinghaus und Tom Reiss. Durch diese Connection kam ich  dann an das Exstasy in der Hauptstraße.

tip Der Laden mit einem Kellerclub namens Schachtqualle …
Thomas Spindler Genau. Weißt du, warum die Schachtqualle so hieß? Da war ein Schimmelpilz, zwei mal zwei Meter, hinter der Bühne. So etwas wäre heute unvorstellbar. Aber es ist alles gut gegangen. Dann kam das Huxleys und dann ging es so langsam los mit der Agentur Trinity, wie man sie heute kennt.

Thomas Spindler in jungen Jahrentip Und nun wieder ein Dutzend Konzerte in der Zitadelle. Wie wählen sie die aus? Das muss doch ein Rosinenpicken sein.
Thomas Spindler Dachte ich auch. Aber es ist echt schwer. Durch das Lollapalooza-Festival sprangen uns zum Beispiel kurzfristig drei Künstler ab, es ist ja das Zeitfenster Juni, Juli, August, für das du Acts finden musst, die viele Leute ziehen und auch ins Programm passen. Aber da sucht nicht nur Berlin, nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa nach solchen Künstlern. Wenn mein alter Kollege Scumek mir nicht Künstler wie Björk und Manu Chao gebracht hätte, die jetzt locker die Zitadelle ausverkaufen, dann hätte ich echt Probleme bekommen. Es ist nicht so easy, wie man immer denkt.

tip Sie veranstalten neben offensichtlichen Highlights auch Auftritte der Chippendales und von Heino. Sind Sie eigentlich schmerzbefreit?
Thomas Spindler Wir sind komplett schmerzbefreit. Weil immer klar war, dass eine Chippendales- oder Heino-Show letztlich zehn Clubshows mitfinanziert. Konzerte von Bands, die wir lieben, an die wir glauben, aber zu denen dann eben manchmal nur 50 Leute kommen. Von den 600 Shows, die wir machen, sind immer noch rund 400 Shows, mit denen wir durch die Clubs tingeln. Aber keine Angst, es gibt genug! Die scharren bereits mit den Füßen, um uns abzulösen und es besser zu machen.

tip Was könnten die tun?
Thomas Spindler Die neue Generation, die da kommt und Konzerte macht, ist der Meinung, sie haben das Rad neu erfunden. Es ginge nun alles über Social Media. Neue Wege, neue Wege. Warten wir’s ab. Ich bin da eigentlich relativ entspannt für die Zukunft.

Fotos Thomas Spindler: Lena Ganssmann

Foto unten: Sammlung Caspary-Liebing

Citadel Music Festival, Am Juliusturm, Spandau, 2.6. bis 29.8. 2015 mit Limp Bizkit, Faith No More, Slash, Manu Chao, Revolverheld, Tom Jones, Gregory Porter, ZZ Top, ZAZ, Lindsey Stirling, Björk, Trailerpark

Programm und Vorverkauf siehe www.citadel-music-festival.de

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