Fernsehturm

UKW-Antenne des Berliner Fernsehturms

Spitzen-Angebot: Die UKW-Antenne des Berliner Fernsehturms soll verkauft werden. Doch bislang findet der Anbieter keinen Ab­nehmer. Wie kann das sein?

Hoch ragt die rotweiße Spitze des Turms in den Berliner Himmel. Monoton dreht sich das Restaurant in der Kugel, doppelt so schnell wie zu alten DDR-Zeiten, aber immer noch in einem so gemächlichen Tempo, dass die Tischchen oben zu Berlins entschleunigsten Plätzen gehören. Einige Meter darüber ist jedoch Ausmisten angesagt. Die UKW-Antenne steht zum Verkauf. Aber keiner will sie haben. Bisher.

Media Broadcast, einst eine Ausgründung der Telekom, zwischenzeitlich beim französischen TV-Konsortium TDF gelandet und vor einem Jahr vom Mobilfunk-Unternehmen freenet aufgekauft, will sich von allen UKW-Anlagen trennen. Das betrifft etwa 1.000 Sendeanlagen und 1.400 Antennen im Bundesgebiet. „Der Verkauf der analogen UKW-Infrastruktur erfolgt im Rahmen der Digitalstrategie, die Media Broadcast verfolgt“, erklärt ein Unternehmenssprecher. Der Mutterkonzern Freenet setzt komplett auf die Digitalradio-Verbreitung über DAB plus. Das ergibt durchaus Sinn.

„Wir haben schon vor zehn Jahren gesagt, dass hierin die Zukunft liegt“, sagt der Technikchef vom Deutschlandfunk, Chris Weck. Und Weck erläutert auch, woran das liegt: „Mit den UKW-Frequenzen erreichen wir bundesweit eine Abdeckung von 64 Prozent, mit DAB plus liegen wir bei 94 Prozent, auf den Autobahnen sogar bei 98 Prozent.“

Weil DAB plus attraktiver ist, geht der Verkauf der UKW-Anlagen eher schleppend voran. Branchenberichten zufolge gelang es Media Broadcast im Verlauf dieses Jahres lediglich, etwa ein Drittel der Anlagen abzusetzen. „Rundfunkanbieter, die diese Sender nutzen und weiterhin Bedarf haben, hatten die Gelegenheit, sie zu erwerben. Aber nicht alle haben davon Gebrauch gemacht“, sagt Deutschlandfunk-Mann Weck.

Sein Arbeitgeber hat jedenfalls kein Angebot für den Fernsehturm abgegeben, obgleich auch Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur in Berlin über UKW ausgestrahlt werden. Dass der Fernsehturm selbst an Attraktivität verliert, glaubt Weck allerdings nicht: „Nein, ein Ladenhüter ist er mit Sicherheit nicht. DAB plus und DVB-T-Sender befinden sich weiter in der Spitze des Turms. Es geht lediglich um die UKW-Anlagen.“
Finden diese keinen Käufer, so werden sie laut Auktionsbroschüre von Media Broadcast „vom Markt genommen“.

Das Kölner Unternehmen hofft aber weiterhin, dass es noch zu einem Abschluss kommt. Brancheninformationen zufolge lag der Einstiegspreis bei 300.000 Euro – keine Summe, auf die man gern verzichtet. Das Unternehmen bestätigte die Zahl zwar nicht, die Größenordnung ist aber realistisch. Die UKW-Anlagen von Nürnberger Fernsehturm wurden für rund 150.000 Euro angeboten. Bei der Online-Auktion, die Media Broadcast veranstaltet, verringert sich der Preis bei zunehmender Laufzeit der Versteigerung. Zocker können also auf ein Schnäppchen hoffen, falls nicht jemand zu früh zuckt und ein Gebot abgibt. Die Auktion soll noch bis Mitte Dezember fortgesetzt werden.

Der Fernsehturm in seiner Gesamtheit steht indes nicht zur Disposition. Auch die anderen Sendeanlagen nicht. Aber in den gesamtdeutschen UKW-Markt kommt durch die Auktion einige Bewegung. Manches Lokalradio hat bereits Sendeanlagen in der ganzen Republik erworben – und kann nun Mitbewerbern die Preise diktieren.
Auf dem Weg zur neuen Großmacht ist ein Düsseldorfer Unternehmen: Uplink. Im letzten Jahr hatte die Firma, hinter der unter anderem der frühere Postminister Christian Schwarz-Schilling und „Focus“-Gründer Helmut Markwort stehen, noch lediglich zehn Prozent der Marktanteile. 2017 kaufte sie weitere Anlagen hinzu und schloss im Sommer einen Mega-Deal mit der ARD über mehr als ein Dutzend Radioprogramme ab; dazu gehören auch die RBB-Sender Radio Eins, RBB Kultur, Antenne Brandenburg, Fritz und Info Radio sowie Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur.

Der Marktanteil von Uplink liegt damit nach Unternehmensangaben bei etwa 30 Prozent. Wer hätte vor Jahren noch gedacht, dass die öffentlich-rechtlichen Radiosender mal ihre Infrastruktur ausgerechnet von Markwort mieten müssen?

Für die Hörer zumindest bleibt zunächst alles gleich. Deutschlandfunks Technikchef Weck versichert: „Wir strahlen auch im nächsten Jahr über UKW aus. Ob unser neuer Netzbetreiber Uplink das dann über die alten oder neue Antennen macht, ist dessen Entscheidung.“

In näherer Zukunft könnten die UKW-Antennen jedoch zum Altmetall degenerieren. Denn kurz vor der Sommerpause und den Wahlen beschloss noch der alte Bundestag um zwei Uhr nachts ein Verkaufsverbot für Radiogeräte, die ausschließlich UKW-Empfang zulassen –und keinen Digitalfunk empfangen können. Ein eher drastisches „Nudging“-Projekt: Die Politik will die Bevölkerung durch Eingriffe in den Markt zum Umstieg auf das Digitalradio zwingen.

Aber noch immer lauschen mehr als 90 Prozent der Bundesbürger ihrem UKW-Radio. In einer nicht allzu fernen Zukunft dürfte dann UKW tatsächlich abgeschaltet werden. Und wer braucht dann noch eine Antenne auf dem Fernsehturm?

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