Kino & Film in Berlin

„UmdeinLeben“ von Gesine Danckwart im Kino

Gesine Danckwarts herausfordernde Montage trägt den schönen Untertitel "Immer das Scheißbeste aus allem machen"

„Kann nicht vielleicht endlich eine Ruhe …!?“ Der Satz bricht ab. Wie so viele in diesem Film, der eine Textur aus kunstvollen und kunstvoll fragmentierten Sätzen und ebensolchen Aufnahmen ist. Sätze, die vom Bewältigen, vom Im-Griff-Haben und vom Kontrollieren handeln. Aufnahmen von Arbeitsplätzen, Verkehrsmitteln, Orten der Freizeitgestaltung, die Funktionalität, Mobilität, Effizienz signalisieren. Kalte Architektur, in deren Mauern warmes Frauenherzblut versickert. Ein weißer Raum, der eine Gummizelle ist, oder ein Versuchslabor.
Gesine Danckwarts herausfordernde Montage „UmdeinLeben“ trägt den schönen Untertitel „Immer das Scheißbeste aus allem machen“ und dreht sechs berufstätige Frauen durch die Mangel. Gefühl kracht auf Form, Enthemmung auf Nüchternheit, Wunsch auf Wirklichkeit, dass es nur so staubt.
Da ist HB, die Karrierefrau, die mindestens zwei Handys und einen Blackberry gleichzeitig bedient. Da ist Emske, die Freiberuf­lerin, die auf den Rückruf eines potenziellen Auftraggebers wartet. Da ist Diamond Oil, die Frau hinterm Tresen, die den Müll nicht mehr hören mag, den ihr all die trinkenden Männer erzählen. Da sind die Ringerin Sonntag, die Society-Lady Faria Kühne und die Politikerin Ludwigsholm.
In ihren fragmentierten Äußerungen scheint das Wesentliche als Floskel auf, so wie ja auch die Wahrheit sich oft im Klischee versteckt. In der Fragmentierung und Floskelhaftigkeit der Sprache dieser Frauen wird die Fragmentierung und Floskelhaftigkeit ihrer Leben erkennbar. Wird der Bär sichtbar, den sie sich mit dem Konzept der modernen, erfolgreichen Großstädterin haben aufbinden lassen: Haltung bewahren! Nehmerqualitäten beweisen! Sich nicht entmutigen lassen! Immer wieder aufstehen! Bis der Druck zu groß wird und es dann schließlich nicht mehr geht. Danckwart zeigt, dass Fe­mi­nismus im Kapitalismus immer nur verlieren kann, und führt folgerichtig ihre Figuren in den Zusam­menbruch. Man ist froh, dass sie ihn ihnen gönnt. Ein kurzes Innehalten. Dann die Erkenntnis: „Nicht-trinken ist auch keine Lösung.“ Ring frei zur nächs­ten Runde!

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „UmdeinLeben“ im Kino in Berlin“

UmdeinLeben, Deutschland 2009; Regie: Gesine Danckwart; Darsteller: Anne Ratte-Polle (Emske), Caroline Peters (HB), Bettina Stucky (Ludwigsholm); Farbe, 87 Minuten

Kinostart: 16. Juli

Premiere mit Regisseurin, Darstellerinnen und Team am Do 16.7., Babylon-Mitte, 21.15 Uhr

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