Debatte

Koloniale Vergangenheit: Umstrittene Straßennamen in Berlin

Straßennamen in Berlin erzählen viele Geschichten – und nicht nur gute. Dazu gehört die koloniale Vergangenheit Deutschlands. Namen von Personen oder Orten, die mit dieser verwoben sind, stehen auf so einigen Straßenschildern in der Stadt. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung ist die öffentliche Streitdebatte über den Umgang mit fragwürdigen Straßennamen neu entfacht. Die Mohrenstraße ist da nur ein prominentes Beispiel. Die folgende Auswahl versammelt Straßen, die umbenannt werden sollen, mit Infotafeln in einen kritischen Kontext gerückt wurden oder noch unter dem Radar sind.

Mohrenstraße

Das Straßenschild Mohrenstraße wurde beschmiert bzw. durch einen Anton-W.-Amo-Straße überklebt worden. Foto: imago images/Christian Spicker
Das Straßenschild Mohrenstraße wurde beschmiert bzw. durch einen Anton-W.-Amo-Straßenschild überklebt. Foto: Imago/Christian Spicker

Schon lange fordern afrikanische und Schwarze Deutschen Initiativen die Umbenennung der Mohrenstraße in Mitte. Der Begriff „Mohr“ ist die älteste deutsche Bezeichnung für Schwarze Menschen und gilt heute als eine rassistische Fremdbezeichnung. Die genaue Entstehungsgeschichte des über 300 Jahre alten Straßennamens ist nicht eindeutig geklärt. Fest steht jedoch, dass sie ihren Namen erhielt, als Brandenburg-Preußen die Kolonie Groß-Friedrichsburg im heutigen Ghana besaß und dadurch am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt war.

Die BVG kündigte an, den U-Bahnhof Mohrenstraße zum Ende des Jahres umzubennen. Die Suche nach dem zukünftigen Namensgeber für die Mohrenstraße löste eine öffentliche Kontroverse aus.


Maerckerweg

Generalmajor Georg Maercker um 1920. Foto: Wikimedia Commons/Public Domain

Die Nationalsozialisten gaben der kleinen Straße in Lankwitz 1936 ihren Namen: Maerckerweg – benannt nach dem von ihnen verehrten Generalmajor und Freikorpsführer Georg Maercker (1865-1924). Als Kolonialoffizier führte Maercker das erste deutsche Truppenkontingent zur Kolonisierung „Deutsch-Südwestafrikas“ (heute Namibia) an, war maßgeblich am Völkermord an den Herero und Nama sowie der Niederschlagung der antikolonialen Yìhétuán-Bewegung in China beteiligt.  

Die Bezirksverordnetenversammlung hat beschlossen, die Straße umzubenennen.


Wissmannstraße

Postkarte von Tanga mit dem Porträt von Hermann von Wissmann. Foto: Karl Paul Themistokles von Eckenbrecher/Public domain
Postkarte von Tanga mit dem Porträt von Hermann von Wissmann. Foto: Karl Paul Themistokles von Eckenbrecher/Public Domain

Gleich zwei Wissmannstraßen gibt es in Berlin: in Neukölln und Wilmersdorf. Ihr Namensträger Hermann von Wissmann (1853-1905) war als Reichskommissar und Gouverneur für Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) verantwortlich. Mit seiner militärischen „Wissmanntruppe“ schlug er auf brutale Weise den antikilonialen Widerstand der dortigen Bevölkerung nieder.

Die Bezirksverordnetenversammlung von Neukölln hat einen Beteilungsprozess mit Anwohner*innen und Initiativen zur Umbenennung der Straße gestartet.


Lans- und Iltisstraße

S.M. Kanonenboot „Iltis“. Foto: Wikimedia Commons/Public Domain

Die Iltisstraße in Dahlem kennen vor allem Studierende, weil sich dort das Service Center der FU befindet. Sie kreuzt die Lansstraße, bekannt durch das Ethnologische Museum. Beide Namen gründen jedoch nicht auf dem freien Geist der Wissenschaft, sondern auf einem Kolonialkrieg. Unter dem Kommando von Wilhelm Lans beschoss das Kanonenboot „Iltis“ im Jahre 1900 die Taku-Forts in China. Dieser Angriff fand zusammen mit weiteren alliierten Mächten statt und war der Beginn eines blutigen Kolonialkrieges gegen China mit dem Ziel der Kontrolle und Ausbeutung des Landes.

Eine 2011 vom Bezirk Steglitz-Zehlendorf errichteten Stele in der Lansstraße klärt über die deutsche Beitiligung beim Überfall auf China auf.


Woermannkehre

Ein Schiff der Woermann Linie. Foto: imago images/Arkivi
Ein Schiff der Woermann Linie. Foto: Imago/Arkivi

Die Woermannkehre in Britz erinnert an den einflussreichsten deutschen Westafrika-Händler Adolph Woermann (1874-1911). Mit der „Woermann-Linie“ baute der Kolonialismuslobbyist eine Schiffsverbindung zwischen Deutschland und Westafrika. Um seine Gewinne zu maximieren, ließ er unter anderem eine private Söldnertruppe gewaltvoll gegen Kameruner Zwischenhändler vorgehen und beutete Arbeiter*innen auf seinen Plantagen, als auch in einem südwestafrikanischen Zwangslager aus.


Afrikanisches Viertel

Die umstrittensten Straßennamen in Berlin:  Petersallee und Nachtigalplatz. Foto:imago images/Steinach
Die umstrittensten Straßennamen in Berlin: Petersallee und Nachtigalplatz. Foto: Imago/Steinach

Das, einst als Kolonialpark geplante, Afrikanische Viertel im Wedding ist so etwas wie ein urbanes Denkmal der deutschen Kolonisationsbestrebungen zwischen 1884 und 1919. Kein Straßenname in dem Wohnviertel ist ohne Bezug zu dieser historischen Epoche und daher kontrovers.

Hinter Namen wie Windhuker- oder Swakopmunderstraße verbirgt sich grausige Geschichte: Dort entstanden im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“ (heute Namibia) die ersten Konzentrationslager. Als erster Schritt in der Umgestaltung des Afrikanischen Viertels zum postkolonialen (und vielleicht einmal dekolonialen) Lern- und Gedenkort wurde am U-Bahnhof Rehberge eine Informationstafel aufgestellt, die über die Geschichte des Ortes und die koloniale Vergangenheit Deutschlands aufklärt. Zudem sollen die nach Gustav Nachtigal, Adolf Lüderitz und Carl Peters benannten Straßen umbenannt werden. Alle drei gelten als Wegbereiter des deutschen Kolonialismus.

Die von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossene Umbenennung zieht sich auf Grund von Protesten seitens Anwohner*innen und Gewerbetreibenden hin.


Walderseestraße

Alfred Graf von Waldersee. Foto: Wikimedia Commons/Public Domain

Auch die Walderseestraße in Reinickendorf ist nach einer fragwürdigen Persönlichkeit der Geschichte benannt. Alfred Graf von Waldersee hatte von 1900 an das Oberkommando über die europäischen Truppen im chinesischen Boxerkrieg und ließ die Aufstände der widerständischen Yìhétuán-Bewegung blutig niederschlagen. 


Onkel-Tom-Straße

Onkel Toms Hütte. Foto: Imago/Artokoloro

Eigentlich ist die Straße in Zehlendorf nach der, an der Straße gelegenen, Gaststätte „Onkel Toms Hütte“ benannt. 1885 erbaut, hieß ihr erster Wirt nämlich Thomas. Zugleich spielt der Name auf den gleichnamigen amerikanischen Roman von Harriet Beecher-Stowe an, in dem sie das Schicksal versklavter Afroamerikaner*innen im 19. Jahrhundert schildert.

Zwar spielte der Roman nach seiner Veröffentlichung 1851 eine wichtige Rolle für die Mobilisierung im Kampf gegen die Sklaverei in den USA, er wurde jedoch von jüngeren Bürgerrechtsbewegungen wegen seiner Darstellung von Onkel Tom als unterwürfigem und duldsamem Schwarzen kritisiert. In der People-of-Colour-Community ist der Begriff „Uncle Tom“ daher negativ konnotiert.

Der Berliner Moses Pölking hat eine Petition zur Umbennung der Straße sowie der gleichnamigen U-Bahnstation gestartet.


Nettelbeckplatz

Joachim Nettelbeck. Foto: Wikimedia Commons/Public Domain

Joachim Christian Nettelbeck (1738-1824) gab dem Platz im Wedding seinen Namen. Der ehemalige preußische Seefahrer wurde wegen seines Einsatzes bei der Verteidigung seiner Heimatstadt Kolberg im Kaiserreich geehrt. Weniger ruhmreich ist dagegen seine Vergangenheit als Kapitän eines niederländischen Sklavenschiffes. Nettelbeck war am Sklavenhandel beteiligt und ein Unterstützer des deutschen Kolonialismus. In seinen aufgezeichneten Lebenserinnerungen distanzierte er sich zwar später vom Menschenhandel, relativiert diesen jedoch zugleich als historische Gegebenheit.


Bismarckstraße

Unbekannte beschmierten das Bismarck-Denkmal im Tiergarten. Foto: imago images/A. Friedrichs
Unbekannte beschmierten das Bismarck-Denkmal im Tiergarten. Foto: Imago/A. Friedrichs

Zahlreiche Straßen und Plätze in Berlin tragen den Namen des einflussreichen Staatsmannes Otto von Bismarck (1815-1898). Als Ministerpräsident Preußens machte Bismarck Preußen durch seine Kriegspolitik zur Nummer Eins in Europa, wirkte maßgeblich an der Gründung des Deutschen Reiches mit und führte als Reichskanzler Sozialgesetze ein.

Bismarck war nicht bestrebt, dem Kolonisierungswettlauf der anderen Großmächte zu folgen. Dennoch ließ er die vorhandenen deutschen Kolonien zum Schutzgebiet erklären und ludt 1884 die Großmächte zur sogenannten Kongo-Konferenz nach Berlin ein. Hier wurden die Regeln für die Aufteilung Afrikas ausgehandelt, sie sollten die Geschichte des Kontinents noch bis in die Gegenwart hinein bestimmen. Auch Deutschland sicherte sich damals einen Platz unter den Kolonialmächten.

Bismarcks Rolle in der kolonialen Vergangenheit Deutschlands erlangte zuletzt durch Beschmierung seines Denkmals im Berliner Tiergarten mit Farbe und dem Schriftzug: „Decolonize Berlin“ Aufmerksamkeit.


Diese Berliner Innitiativen und kulturellen Einrichtungen klären über Rassismus und die Lebenswirklichkeit Schwarzer Menschen auf. Das Projekt „Tear this down“ macht koloniale Spuren im öffentlichen Raum deutschlandweit sichtbar.

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