Psychotrip

„Under the Silver Lake“ im Kino

Die Nichtigkeit einer artifiziellen Welt: Verworren und zugleich faszinierend

A24

Ich fühle mich verfolgt“, sagt Sam (Andrew Garfield), ein in Los Angeles lebender Slacker Anfang 30, einmal in David Robert Mitchells Mystery-Thriller „Under the ­Silver Lake“. Was in einem vor popkulturellen Anspielungen berstenden Film zweifellos auch auf Mitchells eigenen Film „It Follows“ (2014) verweist, jene originelle Horrorgeschichte, in der sich eine junge Frau nach einem Sex-Abenteuer auf mysteriöse Weise verfolgt fühlt.

In „Under the Silver Lake“ verbindet Mitchell geschickt die zeitweilig beklemmende Paranoia und absurden Humor zu einer wundersamen Amateurdetektiv-Geschichte, in der sich die Suche nach einer verschwundenen Nachbarin zu einer Odyssee durch ein mit vermeintlich wichtigen geheimen Zeichen gepflastertes L.A. auswächst.

Denn Sam, der gern seine Nachbarinnen mit dem Fernglas beobachtet, entdeckt eines Tages, dass Sarah ­(Riley ­Keough), mit der er am Abend zuvor noch gekifft und im TV die Monroe-Komödie „Wie angelt man sich ­einen ­Millionär?“ angesehen hat, am anderen Tag scheinbar spurlos verschwunden ist. Seine Nachforschungen führen in ganz unterschiedliche Richtungen: zu einem Zeichner, der an einem Comic über einen mysteriösen Hundekiller ­arbeitet; in einen unterirdischen Club, in dem die Grabsteine von Hollywoodstars als Tische dienen, und in Höhlen, die zu seltsamen Bunkern führen. Und was hat das alles mit einem ebenfalls verschwundenen Milliardär und dem ­Geheimnis von Silver Lake zu tun? Die Schatzkarte aus ­einem alten Nintendo-Spiel führt ihn schließlich auf eine Spur, die zumindest Sarahs Verbleib zu klären scheint.

Dabei lässt Mitchell stets im Unklaren, inwieweit man sich auf Sams Wahrnehmung verlassen kann: Schon zu Beginn, als ihm beim Heimweg von einem Imbiss plötzlich ein totes Eichhörnchen vor die Füße fällt, suggeriert der Vertigo-Effekt (eine Kamerafahrt zurück bei gleichzeitigem Zoom nach vorn) ein eher gestörtes Realitätsempfinden. Ist also alles nur die verrückte Einbildung eines Wahnsinnigen, befeuert durch zu viele Drogen und Hollywoodfilme?

„Under the Silver Lake“ ist ein exzessiver Film (allein durch seine Länge von 139 Minuten) und ganz sicher nichts für Leute, die einen logischen Plot mit exakt gesetztem Spannungsbogen und eine saubere Auflösung aller begonnenen Handlungsfäden erwarten. Der Film mäandert, verliert sich in absurden Nebenhandlungen und scheint dabei kein Ende nehmen zu wollen. Doch genau das ist der Witz des Unternehmens: Während Sam und seine ­Bekannten in ihren Verschwörungstheorien schwelgen und glauben, den wirren Zeichen eines Geheimnisses zu folgen, das ihnen irgendwann die höheren Einsichten einer wissenden Clique von Reichen und Mächtigen enthüllen wird, entdeckt man als Zeuge ihres Driftens durch den L.A.-Untergrund die komplette Hohlheit und Nichtigkeit einer artifiziellen Welt, in der nichts irgendeinen höheren Sinn ergibt. Denn es gibt nichts Wahrhaftiges und Echtes: In L.A. wird ausschließlich mit Illusionen gedealt.

Irgendwann landet Sam in einer mysteriösen Villa, in der er auf den uralten „Songwriter“ trifft, der behauptet, alle Megahits der vergangenen Jahrzehnte geschrieben und alle Jugendkulturen erfunden zu haben. Auch die scheinbar coole Rockband Jesus and the Brides of Dracula erweist sich lediglich als künstliches Produkt, ihr angehimmelter Sänger als ein armes Würstchen. Und die jungen Schauspielerinnen und Performance-Künstlerinnen, die Sam auf der Suche nach Sarah kennenlernt, arbeiten allesamt für einen Escort-Service. Die Kunst hat sich längst prostituiert, alles ist käuflich.

Under the ­Silver Lake USA 2018, 139 Min, R: David Robert Mitchell, D: Andrew Garfield, Riley Keough, Topher Grace, Grace Van Patten, Start: 6.12.

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