LEBENSWERTER ÖFFENTLICHER RAUM

Urban Art im Rahmen moderner Stadtentwicklung

Viele Städte stehen heute in Konkurrenz untereinander, wenn es etwa darum geht als Anziehungspunkt für Touristen und Besucher attraktiv zu sein. Kunst im öffentlichen Raum ist dabei eine Möglichkeit, sich hier zu positionieren und von anderen abzuheben. Die Möglichkeiten, die sich bieten hängen einerseits von der Offenheit und Experimentierfreude der Behörden ab, andererseits von den individuellen Gegebenheiten vor Ort und nicht zuletzt auch von der lokalen Kunstszene. Berlin ist gerade bei Letzterem besonders breit aufgestellt.   

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Ist Urban Art planbar?

Aktionskunst im öffentlichen Raum lebt zu großen Teilen davon, dass sie sich über Grenzen hinwegsetzt und sich die urbane Umgebung zu eigen macht – unbeachtet möglicher Eigentums- und Besitzverhältnisse. Die Spontaneität und Liberalität ist oft Ausdruck verschiedener Subkulturen. Und dabei alles andere als „von oben“ organisiert, kuratiert oder geplant. Oftmals ist sie sogar unerwünscht.

Dennoch ist zu beobachten, dass immer mehr Städte(planer) gezielt auf dieses Terrain begeben und – sei es im Rahmen von UrbanArt Biennalen oder kleineren Initiativen – die Kunst im öffentlichen Raum gezielt fördern. Dann werden bestimmte Flächen für Graffiti offiziell freigegeben oder es wird stillschweigend Geduldet, dass die lokale Szene sich an verschiedenen Orten entsprechend austobt.

Dies muss nicht immer ein Widerspruch sein zur Auffassung vieler Künstler, die sich das urbane Umfeld auch ohne „Erlaubnis“ zu eigen machen. Vielmehr sollte dies als zusätzliche Möglichkeit gesehen werden, etwa auch um eine andere Art der Aufmerksamkeit zu bekommen.

Gestaltung des öffentlichen Raums

Grundsätzlich sind es zunächst in der Regel die Behörden, die sich um die Gestaltung öffentlicher Flächen kümmern. Um ein lebenswertes Umfeld zu schaffen, spielen verschiedene Kriterien eine Rolle. Neben der Möglichkeit der Bürger, sich dort entfalten zu können und verschiedene Orte als Treffpunkt oder Interaktionsfläche zu nutzen, sind beispielsweise auch Aspekte wie Sicherheit oder einfache Pflege wichtig.

In erster Linie wird von den Stadtkassen zunächst die architektonische Gestaltung und Möblierung in Angriff genommen. Leider sind die Budgets für die Gestaltung des öffentlichen Raums oftmals leer, sodass die Verschönerung damit auch oft schon ausgeschöpft ist. Mit einem sinnvollen Einsatz der knappen Gelder kann dennoch eine gute Grundlage geschaffen werden. Vor allem die Instandhaltung schlägt oft teuer zu Buche, weshalb der Einsatz hochwertiger Materialien sinnvoll ist. Darüber hinaus kann die Bevölkerung selbst aktiv an der Gestaltung des öffentlichen Raums beteiligt werden.

Einerseits resultiert daraus meist eine größere Akzeptanz der Umbaumaßnahmen und Investitionen und die Flächen sind oft weniger von Vandalismus betroffen. Andererseits kann durch begleitete Initiativen so kostengünstig Kunst im öffentlichen Raum verwirklicht werden. Immer häufiger werden Kunstobjekte nicht mit öffentlichen Geldern, sondern mit Hilfe privater Investoren finanziert. Auf diese Weise können die Stadtkassen deutlich entlastet werden.

Kunst und Kultur unabhängig vom sozialen Umfeld

Dass Kunst im öffentlichen Raum nicht nur eine Angelegenheit der angesagten Szeneviertel ist, beweist die Installation an einer Häuserfassade in Marzahn. Kunst sollte für alle sozialen Schichten erlebbar sein und sich nicht auf Museen und die schicken Plätze, die als übliche Touristenmagnete bekannt sind beschränken.

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Beeindruckende Graffiti Bilder von professionellen Künstlern oder aber kleine Akzente wie die durch den Künstler Ben Wilson erschaffene farbliche Verschönerung von in den Boden getretenen Kaugummis, bringen eine neue Vielfalt in die Städte. Daher appellieren Künstler und Wissenschaftler vermehrt an die Städte die geringen finanziellen Mittel für zunächst unscheinbare aber dennoch wirksame Projekte einzusetzen.

Temporäre und dauerhafte Installationen

Darüber hinaus zählen auch nicht nur dauerhafte Installationen zur Kunst im öffentlichen Raum. Denkbar sind auch temporäre Interventionen. Sie bieten noch viel mehr Ansatzpunkte, um die Bevölkerung miteinzubeziehen oder sie zur Interaktion anzuregen. Der Umweg über die Kunst ist immer eine gute Möglichkeit, Menschen einen anderen Blick auf ihr gewohntes Umfeld zu ermöglichen und sich intensiver mit dem Stadtraum auseinanderzusetzen. Sie können auch als Auftakt für weitere städteplanerische Beteiligungsprojekte sein. Erst wenn jemand sein Stadtviertel kennt und den öffentlichen Raum als Aktionsfläche wahrnimmt, ist in der Regel auch die Motivation größer, sich in eine Diskussion um die Gestaltung der jeweiligen Flächen auch aktiv einzubringen.

Einen anderen Weg, Kunst der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ging die Stadt Hannover. Zahlreiche namhafte Designer wurden eingeladen, ein Buswartehäuschen individuell zu gestalten. Im gesamten Stadtraum sind inzwischen verschiedene Busstops verteilt. Seit Beginn des Projekts sind neun sehr unterschiedliche Interpretationen entstanden und bereichern den öffentlichen Raum. Sie spiegeln jeweils die ganz eigenen gestalterischen Ansätze der jeweiligen Designer wider.

Lichtkunst – Temporäre Veränderung des Stadtbilds

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Das Bespielen und Inszenieren von Architektur im öffentlichen Raum ist nichts Neues mehr. In zahlreichen Städten finden heute meist mehrtägige Festivals statt, die sich dieser flüchtigen Form der Kunst widmen. Die teilweise hohen Ausgaben für die Durchführung einer solchen Veranstaltung rechtfertigen sich auf der anderen Seite durch das große Interesse der Bevölkerung. In Berlin war das Interesse am „Festival of Lights“ so groß, dass von den ursprünglichen Gründern eine zweite Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen wurde.

Nicht nur die Einheimischen, auch viele Touristen ziehen die spektakulären Inszenierungen des urbanen Raums an. Auf ganz besondere Weise kann so Architektur erlebbar werden. Sie regen zu einer anderen Art der Auseinandersetzung mit dem städtischen Umfeld an. Die Licht-Festivals bieten in der Regel sowohl lokalen als auch überregionalen und internationalen Künstlern eine Plattform. Auf diese Weise entsteht zusätzlich ein breites künstlerisches Spektrum.

Zudem werden die Veranstaltungen immer auch von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. Von Mitmachworkshops, speziellen Führungen, über verschiedene Interaktionsmöglichkeiten bis hin zu verschiedenen Konzerten – so findet sicher jeder einen Zugang zu den einzelnen künstlerischen Interventionen.

Fernab von Gebäuden – auch Bodenflächen bieten Platz für Kunst

Ein weiteres Beispiel für Kunst im öffentlichen Raum auch mit minimalem Budget zeigt die Intervention von Street Art Künstlern in Hamburg. Dort laden auf dem Boden angebrachte Textfelder die Wartenden an Bushaltestellen zum Nachdenken ein. Oftmals zeigt sich bei solchen temporären Installationen eine größere Akzeptanz als bei ebenfalls unaufgefordert angebrachten Graffitis. Letztere werden viel häufiger als Vandalismus wahrgenommen, nicht zuletzt, weil oftmals auch private Gebäude davon betroffen sind. Das Ausweichen auf freie Bodenflächen könnte deshalb für Urban Art Künstler eine Alternative darstellen.

Die Bedeutung von Street-Art in Berlin

Das jüngst eröffnete Museum „Urban Nation“ für urbane zeitgenössische Kunst zeigt den Stellenwert, den diese Kunstform in der Hauptstadt einnimmt. Im Frühjahr konnte bereits eine Ausstellung in diesem Bereich im temporären Museumsbau „The Haus“ rund 80.000 Besucher begeistern. Nun bekommen Graffiti und Co. einen festen Platz in der kulturellen Landschaft.

Mit dem Museum soll auch Aufklärungsarbeit betrieben werden. Denn um unerwünschte Schmierereien an Hauswänden oder auch von Fahrzeugen der öffentlichen Verkehrsmittel zu entfernen muss die Stadt jährlich Millionen ausgeben. Durch gezielte Aktionen wie großformatige Graffitis, die als Auftragsarbeit an Hauswänden angebracht werden, soll Vandalismus vorgebeugt werden. Deshalb dient das Museum auch als Raum zum Austausch um eine lebendige und konstruktive Debatte zu ermöglichen.

Moderne Stadtplanung zielt darauf ab, dieser Kunstform ausreichend Raum zu geben. Durch die offizielle Freigabe von Wandflächen zur freien Gestaltung durch verschiedene Künstler erhalten diese eine sichtbare Plattform, sich zu präsentieren. Oftmals sind diese Flächen auch durchaus mit Prestige verbunden, denn es wird attraktiv, sich auch dort verewigen zu dürfen oder zu können. Andere Wände werden hingegen unattraktiver.

Gleichzeitig wird auf diese Weise die ganze Stadt zum Open-Air Museum. Passend zum Grundgedanken von Graffiti, sich den öffentlichen Raum zu eigen zu machen stehen die Kunstwerke dann einem breiten Publikum offen. Und das spannende daran: Viele Flächen werden von wechselnden Künstlern immer wieder neugestaltet, so dass es stets etwas Neues zu sehen gibt.

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