Zeichnung

Urban Sketchers in Berlin

Mit dem Stift unterwegs: Sie wollen die Welt zeigen, wie sie ist – nur eben mit Zeichnungen. Die Urban Sketchers nehmen eine alte Tradition auf und stellen sich der Fotografie entgegen

Thomas Lensky

Die Hochbahn am Kottbusser Tor hält Julia Krusch mit filigranen Ölkreidestrichen fest, in kurzen Sätzen beschreibt sie die Situation, ruft Erinnerungen an rauchende türkische Männer und Kinder mit Wasserbomben ab. Sebastian Lörscher ist am 22. Juni 2016 in der Rigaer Straße in Friedrichshain unterwegs. Mit Buntstiften dokumentiert er den flüchtigen Moment, als sich eine Hundertschaft der Polizei lässig an Absperrgitter lehnt. Im dazugehörigen Text geht es um Räumungen, Hausbesetzer und den Widerstand der Bewohner. Katrin Merle hingegen blickt vom S-Bahnhof Wedding auf einen Hinterhof, den sie vor blauem Himmel mit Aquarellfarben in ihren Skizzenblock malte.

Die Themen sind ebenso vielfältig wie die künstlerischen Techniken. Was diese drei Beispiele vereint, außer dass sie in dem aktuell erschienenen Buch „Urban Sketchbook – Band 1“ beim Jüli Verlag versammelt sind, ist das Selbstverständnis der Urheber: sie sind Urban Sketcher.

Die weltweite Bewegung vereint zeichenbegabte Menschen, die sich durch Stadträume bewegen und Menschen, Momente, Gebäude, Alltägliches und Besonderes festhalten und zumeist im Internet in Blogs publizieren. Gelegentlich treffen sie sich zum gemeinsamen Zeichnen und es erscheinen Bücher mit thematischen oder geografischen Schwerpunkten. Im „Urban Sketchbook“ sind es Skizzen aus dem deutschsprachigen Raum.

Auch der Berliner Illustrator und Comickünstler Detlef Surrey gehört seit einigen Jahren zu dieser Gemeinde. „Nachdem ich seit Mitte der 90er-Jahre fast komplett digital und für Kunden gearbeitet hatte, fiel mir Anfang 2012 ein altes Skizzenbuch in die Hände. Ich begriff, dass ich etwas vermisst hatte, die Freude am Zeichnen selbst“, so beschreibt er die Rückbesinnung auf das spontane und analoge Zeichnen. In Zeiten vor der Fotografie gehörten Zeichner zum Reisen dazu, bei Expeditionen waren sie ohnehin selbstverständlich. Heute, da in jeder Minute Millionen von Smartphone-Fotos entstehen, stellen die Urban Sketcher eine entschleunigte Alternative zur digitalen Bilderflut dar und ihre oft mit kurzen Texten gepaarten Beobachtungen erzählen viel von den Orten, an denen sie entstehen.

„Man erlebt Situationen und Umgebung sehr intensiv, mit den Bildern werden Geschichten erzählt“, sagt Surrey, die Zugehörigkeit zu einer internationalen Gemeinschaft und der Austausch sind für ihn aber ebenso wichtig. Damit vereinen die Urban Sketcher analoge Zeichentradition klug mit den Vorteilen der sozialen Netzwerke.

Urban Sketchbook – Band 1 Mit Zeichnungen von Mawil, Detlef Surrey, Sebastian Lörscher uvm., Jüli Verlag, 180 S., 25 €

Urban Sketchers in Berlin: Mehr Informationen zu den Aktivitäten der Urban Sketcher in Berlin auf: http://berlin.urbansketchers.org

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