Kunst und Museen in Berlin

„Vanitas – Ewig ist eh nichts“ im Georg Kolbe Museum

Das Georg Kolbe Museum nimmt Kurs auf die Gegenwart: In der Ausstellung "Vanitas – Ewig ist eh nichts" beschäftigen sich 15 zeitgenössische Künstler mit der Vergänglichkeit, die für sie keine Bedrohung mehr ist

Vanitas_Reijiro_Wada_c_ReijiroWadaWer heute shoppen geht, sieht sie überall: die auf T-Shirts gedruckten oder an Ketten baumelnden Totenköpfe. Früher ein klassischer Fall fürs Stillleben. Malerisch wurden Schädel neben Sanduhren oder heruntergebrannten Kerzen dekoriert. Bilder wie diese sollten den Betrachter an seine Endlichkeit erinnern. Die Nichtigkeit alles Irdischen drückte eine ganze Reihe von Vergänglichkeitssymbolen aus: Welkende Blümchen und Briefe, knabbernde Nager oder erlegtes Wildbret waren die Boten des Verfalls.

Dass morgen schon alles ruckizucki zu Ende sein kann, hat sich seit dem Mittelalter nicht geändert, als solche Vanitas-Symbole zum festen Bestandteil des westlichen Kunstkanons wurden. Zu Zeiten des Barock erlebten die Gleichnisse von der Begrenztheit des Daseins einen absoluten Höhepunkt. Und anscheinend kehren sie heute geballt wieder zurück! In der Malerei mehrt sich Morbides und auch im TV-Alltag. Kein Abend ohne lustvolles Beäugen lebloser Körper auf dem Pathologietisch.

Da kommt die Sommerausstellung „Vanitas – Ewig ist eh nichts“ im Georg Kolbe Museum zur richtigen Zeit. Sie beleuchtet dieses Thema, erstmals in Berlin, in der gegenwärtigen Bildhauerei. Museumsdirektorin Julia Wallner hat beobachtet, „dass die zeitgenössische Skulptur sehr fragil ist und sich von der Materie wegbewegt.“ Tendenzen zur Auflösung, wie sie in einer zermahlenen Kaminuhr von Alicja Kwade zum Ausdruck kommen, poetische Spur einer zerfallenden Welt, oder in den vergehenden Paradiesvogelblumen von Luca Trevisani.

Der Künstler hat sie eingefroren. Doch diese Konservierung ist nicht von Dauer: Während der Schau schmilzt das Eis seiner aufwendigen Installation. Die prächtigen Strelitziengewächse lassen die Köpfe hängen. Eine direkte Beziehung zum barocken Stillleben stellt der 34-Jährige mit dieser nach James Hiram Bedford benannten Arbeit her. Der löste 1967 einen Skandal aus, als er sich schockfrosten ließ – in der Hoffnung auf Heilung seiner Krebserkrankung bei einer späteren Wiederbelebung. Bislang bleibt der Mensch allerdings endlich.

In der Kunst wohnt dem Schrecken auch Schönheit inne. Das unterscheidet sie vom Leben. Ja, die trüben Aussichten werden nicht unbedingt negativ gesehen. „Die jungen Künstler von heute nehmen die Zerbrechlichkeit des Daseins gar nicht mehr so stark als Bedrohung wahr wie etwa noch in den 1980er-Jahren, sondern sehen auch die Schönheit“, sagt Julia Wallner. Die Sensibilität für die Gefahren unserer krisenhaften Zeit habe aber zugenommen und damit das Aufgreifen von vielfältigen Vanitas-Symbolen.

Es sind fast die einzigen kulturhistorischen Motive, die bis intuitiv heute lesbar sind. Ihre Botschaft wird verstanden. Man denkt unwillkürlich an den luxuriösen Schädel aus Diamanten, mit dem Damien Hirst vor einigen Jahren den Markt ad absurdum führte. Er lenkte die Aufmerksamkeit weniger auf den Verfall als auf das Kokettieren mit dem schönen Schein. Ein popkulturelles Phänomen. Es verdeutlicht wohl auch eine gewisse Dekadenz der materialistischen Gesellschaft. Leben wir in einer besonders dekadenten Zeit?

Vanitas_Luca_Trevisani_Detail_2_c_MehdiChouakriBerlin_KatharinaKritzlerBerlin„Tatsächlich ist es so, dass Künstler dem Überfluss der Konsumwelt eine reduzierte Zeichensprache entgegensetzen, die sich bewusst als Gegenpol versteht“, sagt die Kunsthistorikerin. Kei Takemura etwa kittet zerbrochene Gegenstände. Ein sanfter Aufruf zum Umdenken. Ihre restaurierte Reisschale zeigt verschönerte Bruchstellen. Die junge Japanerin baut auf Heilung und setzt der saturierten Wegwerfgesellschaft ihre versöhnliche Kunst entgegen, die einen Funken Hoffnung vermittelt.

Mit ihrer starken Auswahl poetischer Positionen schlagen die Kuratorinnen Nathalie Küchen und Sandra Brutscher unter Julia Wallners wachsamem Auge einen abwechslungsreichen Bogen von den Sixties bis heute. Klassiker wie Daniel Spoerris Essensrestetableau oder das „Karnickelköttelkarnickel“ von Dieter Roth, das dasitzt wie ein prosaisches Zitat des Hasen von Albrecht Dürer, treffen auf Zeitgenössisches. Viele der 15 internationalen Künstler spielen auf die Kunstgeschichte an. Bei dem traditionsreichen Thema kein Wunder.

Wo die einen das Ephemere feiern, wie Reijiro Wada, der Früchte faulen lässt, die an eine Glaswand geworfen wurden wie die verschwendeten Lebensmittel unserer Tage in die Tonne, arrangiert Mona Hatoum Muranoglas-Preziosen als „Natura morta“. Damit bestückt sie einen Kabinettschrank, der seit jeher zur Aufbewahrung gesammelter Schätze dient. Den Begriff Vanitas – lateinisch: leerer Schein, Eitelkeit – verdeutlicht nicht zuletzt der Blick in den Spiegel. Jeppe Heins „Candle Box“ signalisiert die schrumpfende Lebenszeit.

„You only live once“, kurz „Yolo“, lautete das Jugendwort des Jahres 2012. Die Zeit des Feierns bis zum Untergang oder zumindest der großen Sorglosigkeit scheint vorüber. Schon im Jugendzimmer lauert der Totenkopf. Die Kunst zelebriert die Schönheit des Fragilen. Sie fungiert nicht selten als mahnende Stimme, die an einen bewussten Umgang mit dem Hier und Jetzt appelliert. Und sie geht auf Tuchfühlung mit dem Tod. Der Brite James Hopkins verleiht ihm in „The Dance of Death“ ein aktuelles Gesicht.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Reijiro Wada (oben), Mehdi Chouakri, Berlin / Katharina Kritzler, Berlin

Vanitas – Ewig ist eh nichts Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Westend, Di–So 10–18 Uhr, 15.6.–31.8.;

Eröffnung mit Sommerfest: Sa 14.6., 19 Uhr

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