Berlinale 2018 - Wettbewerb

Verbotene Dichter

Mit Dovlatov blickt Alexey German Jr. auf die literarische Öffentlichkeit der späten Sowjetunion zurück: Ein höchst aufschlussreicher Film auch über das Russland von heute

Tief unter der Erde trifft der Dichter Dovlatov auf den Dichter Kuznetsov. Es ist das Jahr 1971 in Leningrad. Eine U-Bahn wird gebaut, einer der Stollenarbeiter schreibt auch Gedichte. Deswegen soll es über ihn ­einen Bericht geben. Und Sergej Dovlatov soll diesen Bericht schreiben. Es ist eine demütigende Aufgabe für einen jungen Mann, der ­literarisch nach Höherem strebt, der aber immer nur Aufträge für die Fabrikszeitung bekommt. Was er bei den Literaturzeitschriften eingereicht, wird regelmäßig abgelehnt. Nicht heroisch genug, das ist so eine der Begründungen, die er zu hören bekommt.

Dolatov
Foto SAGa

Sergej Dovlatov ist im Westen nicht ganz so bekannt wie zum Beispiel der Nobelpreisträger Joseph Brodsky, der in den gleichen Kreisen der literarischen Öffentlichkeit in der Sowjetunion in den frühen 70er-Jahren verkehrte. Für Menschen in Russland aber ist Dovlatov fast noch wichtiger, hebt Alexey German Jr. hervor, der über den Schriftsteller einen Film gemacht hat, der zugleich Charakterstudie und Epochenporträt ist. „Durch diese eine Figur sehen wir die Geschichte einer ganzen Generation in der UdSSR.“ Es ist eine Generation, die in der Literatur ein Medien für ihre Ideale fand, und für die Gorbatschows Reformen beinahe zu spät kamen: Dovlatov starb 1990 in New York.

Talente unter Druck

Alexey German Jr.
schon 2015 war der 1976 in Leningrad geborene Alexey German Jr. im Berlinale-Wettbewerb dabei: Für „Under the Electric Clouds“ gab es einen Silbernen Bären für die Beste Kamera. 2013 hatte er mit „Es ist hart ein Gott zu sein“ auch den letzten Film seines Vaters fertiggestellt – der auf einem Buch von den Strugatzky-Brüdern beruht, zwei bekannten Science-­Fiction-Autoren, deren Bücher (und deren Beziehungen zum Regime) auch in „Dovlatov“ diskutiert werden.
Foto: c_Pascal LeSegretain 2015 Getty Images

„Dovlatov“ ist nun vor allem auch ein Film, aus dem man viel über das heutige Russland lernen kann – die Beziehungen zu Deutschland sind schwierig, aber der autokratisch regierende Präsident Putin hat hier auch ­viele Anhänger. Alexey German Jr. sieht in seinem Film vor allem eine Reflexion auf das grundsätzliche Verhältnis von Kultur und Macht: „Die 70er und 80er waren eine große Phase der russischen Kultur, aber auch eine besonders schwierige. Die Kultur war damals aufrichtiger, sie war tiefer, nicht so kommerziell. Je mehr die Regierung die Kultur unterdrückt, desto mehr Talent zeigt sich.“

In mancherlei Hinsicht ist „Dovlatov“ auch ein verschlüsselter Film über den Vater von Alexey German, der den gleichen Namen trug und einer der wichtigsten Filmemacher der späten Sowjetunion war. Auch seine Filme hatten mit Verboten zu kämpfen, und wenn Dovlatov in einer Szene auf den General­sekretär Breschnew trifft, dann hat das einen konkreten Bezug zu Geschichten aus Germans Familie: „Russischen Künstlern erscheint oft der Zar im Traum, und mein Vater hat oft von Stalin geträumt.“ Die Kunst und die Macht, dieses Thema wird in „Dovlatov“ in langen, herumschweifenden Einstellungen erkundet.

Der leicht irreale Grundton des Films hat vielleicht mit dem komplexen Verhältnis zur Vergangenheit zu tun, das sich hier zeigt: „Die Dekors sind realistisch, die Stimmung aber ist poetisch, die Grundidee ist die einer Polyphonie“, sagt Alexey German Jr. In ­„Dovlatov“ wird nichts verklärt, und doch hat man das ­Gefühl, dass hier eine eigentümliche „Ostalgie“ herrscht. „Der Westen versteht Russland ­sowieso nicht“, wehrt Alexey German Jr. alle Fragen ab, die sich auf die Anhänglichkeit ­vieler Menschen in Russland an die sowjetische Vergangenheit beziehen. „Wenn wir es mit ,Herr der Ringeʻ sagen wollen: Wir sind nicht die Orks, und ihr seid nicht die Elfen.“
Mit „Dovlatov“ kann man auf dieser Berlinale auf jeden Fall eine Zeitreise machen, nach der auch die Gegenwart wieder besser verständlich wird.

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