Lesungen und Bücher in Berlin

Verlagsfest im Roten Salon

Das Verlagshaus J. Frank feiert seinen zehnten Geburtstag mit einer Lyrik-Tour und heißt fortan Verlagshaus Berlin – das Trio dahinter arbeitet an der Poetisierung der Welt.

Verlagshaus Berlin

Schnaps war im Spiel, als sich der Grafiker Dominik Ziller und der Amerikanist Johannes CS Frank vor über zehn Jahren auf einer Hochzeit trafen. Oder waren es sieben Biere? Die beiden erzählen die Legende mal so, mal so. Jedenfalls wurden sie gleich beim ersten Treffen schwanger. Mit der Idee, einen Verlag zu gründen. Nach der ersten Ausgabe ihrer Literaturzeitschrift stieß Andrea Schmidt zu ihnen, ebenfalls von Haus aus Grafikerin. Seit fünf Jahren haben sie ein gemeinsames Büro in Prenzlauer Berg. Nackter Betonboden, Industrial-Lampen, schwarze Erika-Schreibmaschine im Fenster. Ein Schlafsack liegt im Hinterraum. Zum Zehnjährigen gehen die drei mit ihren LyrikerInnen auf Europa-Tour. Klingt nach Popstars. „Poetisiert euch!“ heißt das Motto.
12 bis 14 Bücher machen sie im Jahr. Überzeugungstäter nennen sie sich und Fetischisten, die Bücher für Fetischisten machen. Ist die Lyrik eine so schmuddelige Sache? „Im besten Falle schon“, scherzt Frank (im Foto rechts) mit raumfüllendem Bass. „Wir sägen seit Jahren am Elfenbeinturm.“
Viele Indie-Verlage haben sich in etwa zur gleichen Zeit wie das Verlagshaus Frank, das jetzt Verlagshaus Berlin heißt, gegründet. „Wir haben versucht, neue Zugänge zu schaffen“, sagt Schmidt, „mit Illustration und Lyrik als gleichberechtigten Medien.“ Spaß machen solle das eben auch. Aber nicht nur. „Wir verstehen unsere Arbeit auch als politische Arbeit“, sagt Frank. Das schließe schnell vieles aus. „Sprache als Selbstreferenz ist für uns nicht wahnsinnig interessant. Das Experiment sollte einem Zweck dienen.“
Jan Kuhlbrodt etwa fragt im neuen Band „Kaiseralbum“ danach, wie sich deutsch-deutsche Geschichte verstehen lässt. Dazu lässt er ganz unterschiedliche Sprachmodi aufeinander knallen, sogar mittelhochdeutsche Lyrikformen. Max Czollek untersucht Sprache hin auf Rückstände von Naziausdrücken.
Wie kommt die Illustration zum Text? Bloß nicht а la „Mach mal drei Bilder“, sondern im besten Fall tauschen sich Autor und der vom Trio ausgesuchte Illustrator aus. „Ist ja albern, wenn da ‚Baum‘ steht, und dann jemand ’nen Baum reinmalt“, sagt Ziller.
Der Verlag wurde älter, die Leser jünger: Einst waren es „Oberstudienräte 50 plus“, sagt Frank, heute sind die meisten zwischen 20 und 40. Auch Schüler, die sagen: „Lyrik ist geil!“ Solche Parolen hätte sich nicht mal Ziller früher zugetraut, aber „der Staub ist so langsam runtergepustet“. Lyrik liest man nicht mehr bloß allein unterm Kirschbaum. Das liegt auch an Performances. Lesungen funktionieren nicht mehr mit Wasserglas und Leselampe. Auf Videos und Sounds setzt das Verlagshaus. Lyrik als Kunstform des Dialogs. Deshalb läuft die Lyrik auf Festivals so gut.
Ab Herbst soll der Verlag auch E-Books machen. Bisher Sorgenkind der Lyrikverlage, schließlich klappt das mit dem Zeilenumbruch nicht so flockig. Die drei arbeiten mit einer IT-Designerin noch an Formaten, „die das E-Book ernst nehmen“, sagt Frank.
Für den neuen Verlagsnahmen standen auch wenig appetitliche Varianten bereit, „Schlachteplatte“ etwa. Blut- mit Leberwurst ist das, Sauerkraut und Senf. Warum verpassen die drei sich überhaupt einen neuen Namen? „Der alte hat nicht widergespiegelt, was der Verlag eigentlich ist. Wir haben jetzt noch mal die Möglichkeit, die Weichen zu stellen für die nächsten 10, 20, 100 Jahre.“ 100? „5000“, schmettert jemand zurück. Und wer von ihnen es war, vergisst man im beherzten Lachen des Trios.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Hans Praefke

Verlagsfest, Roter Salon, Rosa-Luxemburg-Platz 1, Mitte, Sa 6.6., 19 Uhr, 10 Euro/8 Euro

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