Kultur & Freizeit in Berlin

Verwaiste Orte auf dem St.-Matthäus- Kirchhof suchen Paten

Denkmalgeschützte Objekte suchen Paten, die diese renovieren und nach dem eigenem Tod selbst nutzen können

MausoleumDa liegen sie friedlich auf dem 1854 erworbenen Hanggrundstück: die Frauenrechtlerin Minna Cauer, der Mediziner Rudolf Virchow, die Gebrüder Grimm mitsamt ihren Söhnen. Mal markiert ein einfacher, fein beschrifteter Stein die letzte Ruhestätte, mal ein Mausoleum von Garagengröße. Der alte St.-Matt­häus-Kirchhof zwischen Großgörschen- und Mo­nu­men­tenstraße ist mittlerweile eher ein Park mit integriertem Beerdigungsbetrieb als ein düsterer Friedhof. Mütter mit Kinderwagen spazieren über die Mit­telallee, allein gebliebene Män­ner sitzen im Cafй Finovo.
Aber der Schein trügt, denn hier werden noch Menschen beerdigt. Die Zwölf-Apostel-Kirchhofverwaltung, zu der St.-Matthäus gehört, und der Verein EFEU bieten ungewöhnliche Dienste für Lebende an, die sich mit dem Tod befassen. Über 150 Grabstätten auf dem Friedhof, einfache Erdgräber mit Stele oder Grabstein, geräumige Wandgräber mit Efeubewuchs oder Mausoleen mit Kuppel und reicher Verzierung sind herrenlos. Niemand ist mehr da, der die Gebühren bezahlt, das Grab pflegt. Für diese verwaisten Orte werden jetzt Paten gesucht, die die denkmalgeschützten Objekte renovieren lassen und unterhalten. Ein einfaches Grab mit Stein zu restaurieren und zu erhalten kostet um die 2000 Euro, eines der großen Mausoleen mit Türmchen, Marmorfiguren und schmie­deeiserner Tür bis zu 50.000 Euro.
Interessant an so einer Patenschaft ist, dass der Pate das Grab nach dem eigenen Tod nutzen kann. Erst pflegen, dann pflegen lassen. Es gibt bereits einige schöne Grabumwidmungen, etwa das Doppelgrab von Hagen-Hammer. Der Stein, unter dem Gertrud von Hagen 1920 beerdigt wurde, zeigt einen Art-dйco-Blumenkorb mit Rosen, ihren Namen und die Daten. Auf dem Stein ist in fünf Zentimetern Abstand eine Glas­platte angebracht, auf der die Daten von Dietmar Hammer, gestorben 2007, zu lesen sind – historische Schichten.
Die großen Mausoleen oder weiträumigen Wandgrabstätten bie­ten sich gar als posthume WGs an. Eine besondere Gemeinschaft liegt auf dem Feld des Wandgrabes der Initiative „Denk Mal PositHIV“ ein. Der ökumenische Verein hat einen Ort der Begegnung und Besinnung für die Freunde und Angehörigen der an der Infektionskrankheit Verstorbenen geschaffen. Bisher sind hier die Urnen von 14 Männern und zwei Frauen bestattet worden. Über der Tafel mit den Namen wacht ein lasziv hingestreckter Marmorengel.
Noch bis Ende September sind sechs der verwaisten Mausoleen temporäre Kunsträume. So lädt etwa Jinran Kim im Mausoleum Herrmann + Riese ein, mit ihrem 108-Stufen-Tempel geistig in die Ewigkeit zu steigen.

Text: Margit Miosga
Foto: Harry Schnitger


St.-Matthäus-Kirchhof

Kunsträume bis 30.9., Führungen tgl. 16 Uhr, Sa+So zusätzlich 14 Uhr, Musikinstallation „The Sweetest Organ“
von Baruch Gottlieb in der Friedhofskapelle
www.grabpatenschaften-berlin.de, www.denk-mal-posithiv.de,
www.efeu-ev.de

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