Berlinale 2016

„Victoria“ von Sebastian Schipper

Sebastian Schipper hat mit Victoria einen Banküberfall so authentisch und adrenalingetrieben wie möglich nachgestellt: alles in einer ununterbrochenen Bewegung.

Auf den ersten Blick hat es sich der Berliner Regisseur Sebastian Schipper sehr einfach gemacht. Sein Wettbewerbs­film „Victoria“ besteht aus lediglich einer einzigen Einstellung. Ein kurzer Dreh, kein einziger Schnitt, ein One-Shot-Movie. Aber ganz so einfach war es natürlich nicht. Denn „Victoria“ ist kein überschaubares Kammer­spiel mit einer starren Kamera. Schipper ist volles Risiko gegangen und erzählt von einem Banküberfall in Echtzeit – eine Stunde vor dem Überfall, eine Stunde danach. Im Mittelpunkt stehen eine Viererbande und die titelgebende Victoria.
„Ein Wahnsinn, wir mussten alles noch mal neu lernen“, sagt Schipper. Schließlich gibt es keine Filme, auf die er sich beziehen konnte. Klar, da ist Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“, aber da arbeitete der Meister mit versteckten Schnitten. Und es gibt auch Alexander Sokurows „Russian Ark“ über die Eremitage in St. Petersburg – aber da gleitet die Kamera von Museums­raum zu Museums­raum, um exakt vorbereitete Szenen einzufangen. Bei „Victoria“, schwört Schipper, ist nichts getrickst und der Dreh war in jeder Minute unberechenbar – besonders im Freien. „Club, Straße, Kiosk, Hochhausdach, Tiefgarage, Schießerei … insgesamt 22 Motive, 150 Komparsen, drei Ton-Crews.“ Dazu kommen improvisierte Situationen und Dialoge. Allerdings nicht freie Improvisationen, erläutert Schipper, man müsse sich das vorstellen wie bei einer Band: „Die Musiker kennen die Tonart und den Rhythmus, und die Improvisation findet nicht zum ersten Mal statt.“
Sebastian Schipper wirkt jetzt ziemlich entspannt, wie er da zwei Wochen vor Festival­beginn in seiner Wohnung in Mitte Tee trinkt. „Glücklich und stolz“ sei er über die Einladung in den Wettbewerb. „Victoria“ ist die vierte Regie­arbeit des 46-Jährigen. Doch Schipper sagt: „Auf eine Art ist das mein erster Film.“ Die Zeit von 1998 bis 2009, in der er „Absolute Giganten“, „Ein Freund von mir“ und „Mitte Ende August“ drehte, betrachtet der gelernte Schauspieler rückblickend als Ausbildungsphase im Regiefach. „Victoria“ ist für Schipper ein originäres Werk, weil es ohne die Referenz anderer Filme entstand.“Die Haltung des Films ist am ehesten die eines Kriegsreporters, eines Doku-Kameramanns, der mitten im Geschehen ist.“ Kino als Direkt­übertragung.
Schipper hat jetzt die Füße auf den Tisch gelegt und wirkt lässig wie James Stewart in einem Western. „Francis Ford Coppola hat mal über ,Apocalypse Now‘ gesagt: ,My film is not a movie; it’s not about Vietnam. It is Vietnam.‘ Und das reklamiere ich auch für unseren Wahnsinn: Unser Film ist kein Film. Er handelt nicht von einem Bank­überfall. Er ist ein Banküberfall. Wir mussten ihn genau planen, und wir wussten, dass es klappen muss. Denn wenn es nicht klappt, werden wir erwischt. Alles oder nichts. Entweder wir entkommen hier mit einer ganz fetten Beute oder der Arsch ist ab.“ Der Coup wurde übrigens rund um den Kreuzberger Teil der Friedrichstraße durchgezogen. Und um die Wahrheit zu schreiben: Schipper brauchte drei Takes. Der letzte sei der beste gewesen und entstand am 27. April 2014 zwischen halb fünf in stockdunkler Nacht und sieben Uhr morgens im Hellen. Dieser Take 3 läuft jetzt auf der Berlinale.

Text: Volker Gunske

Foto: Senator Film Verleih

Termine: Victoria

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