Neues Bauen

Vier mal Gestaltung, vier mal anders

Wolkenkratzer aus Holz, Baumaterial aus dem 3D-Drucker oder selbstgebaute Papp-Sessel: Gleich vier Ausstellungen haben sich der Themen Gestaltung und Material ­angenommen – und könnten dennoch nicht unterschiedlicher sein

Object Lesson Box (Detail) nach 1830 Sammlung Museum of the History of Science, Technology & Medicine, University of Leeds Foto: Ann-Sophie Lehmann
Object Lesson Box (Detail) nach 1830 Sammlung Museum of the History of Science, Technology & Medicine, University of Leeds Foto: Ann-Sophie Lehmann

Von frühen Faustkeilen zur Architektur der menschlichen Knochen, von tanzenden Manteltierchen über selbstheilenden Zement bis hin zur Natur als einer Art Grammatik: Die Ausstellung „+ultra gestaltung schafft wissen“ im Gropius-Bau lädt zu einer Reise durch die Evolution und ihre Gestaltungsprozesse ein. Präsentiert werden historische und moderne Exponate aus Kunst, Wissenschaft, Technologie und Politik, die alle eines gemeinsam haben: Sie sollen die Zusammenhänge von Form, Zweck und Inhalt zeigen. Dabei kann etwas ganz Neues entstehen: So mutiert ein mit Schimmelpilzen besiedelter Wandteppich als lebendes Textil und Ökosystem zum Kunstwerk und bringt ein farbiges Relief hervor.

Ein Kurzfilm zeigt anhand einer Operation am Bildschirm (man könnte meinen, die Operationsgeräte seien die Nachahmung von Krabbenscheren, die als Greifzangen fungieren) die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Das große Thema der Ausstellung ist neben solchen technischen Zukunftsvisionen, Poesie und Wissenschaft zu verbinden. Das macht sie in sehr vielen Aspekten. Und dabei in Teilen leider etwas zu theoretisch, mathematisch und abstrakt.

Die Nachbarausstellung „Bauen mit Holz-Wege in die Zukunft“ zeigt eine ganz andere Art der Gestaltung, nämlich die des ressourcenschonenden Bauens mit Holz – und nimmt dafür den Besucher mit in den Wald. Es riecht in den Ausstellungsräumen nach frischem Holz und Vögelgezwitscher. Neben den zahlreichen Modellen bereits gebauter Holzhäuser, unter anderem einem spektakulären, wolkenkratzerhohen Studentenwohnheim, finden sich Texte und Diagramme auf Papiervorhängen. Mithilfe solcher Grafiken wird der Holzkreislauf, der vom Wald über das Sägewerk und die Tischlerei hin zum Recycling reicht, vorgestellt. Auch der deutsche Wald als bedeutender Wirtschaftsfaktor wird beleuchtet, ebenso wie die Möglichkeiten der modernen Architektur, den emissionsarmen, nachwachsenden Werkstoff Holz zu verbauen – und das alles unter dem übergeordneten Motto Nachhaltigkeit und Klimawandel.
Zu sehen sind aber auch konkrete Projekte: Auf einem Berliner Stadtplan werden 24 aktuelle Holzbauten und ihre Standorte präsentiert. Dabei sind etwa das Wohnhaus der Architekten Kaden und Klingbeil in Prenzlauer Berg, die Bezirksbibliothek an der Frankfurter Allee, das Gymnasium am Grauen Kloster oder das Nullenergiehaus des Umweltbundesamtes.

Ein weiteres  wichtiges Thema  der Ausstellung ist das mehrgeschossige Bauen mit Holz über die Hochhausgrenze hinaus. Insbesondere in Zeiten des Wohnungsmangels und der weltweiten Verstädterung sei dies aufgrund der rasanten Errichtung eine ressourcenschonende Alternative zu Beton, Stahl und Glas, so Hermann Kaufmann, Professor an der TU München und Kurator der Ausstellung. Ziel sei es, das Interesse am Holzbaus zu wecken, die Akzeptanz wachsen, das Bauernhaus-Image schwinden zu lassen – und den Blick für Alternativen zu weiten.

Ähnlich aufklärerisch gehen auch die Macher der Ausstellung „Object Lessons. Material begreifen in 8 Lektionen“ im Museum der Dinge vor – und beleuchten das Thema Gestaltung von seiner pädagogischen Seite. In acht Stationen dreht sich alles um das Wissen um Material, um seine Herkunft und Verarbeitung. In einer Welt der Digitalisierung und Globalisierung, in der es nur noch selten zu Berührungen mit Rohstoffen und Materialien kommt, ein gutes Thema.
In der Mitte des Ausstellungsraumes steht die Object Lesson Box, die über 100 Materialien wie etwa Mineralien, Muscheln, Insekten, Gewürze und Papier enthält und im 19. Jahrhundert für den Unterricht entwickelt wurde. Kinder sollten durch Riechen, Anschauen, Anfassen und Schmecken Materialien kennenlernen.
Das Materialbewusstsein wird auch erweitert durch unbekannte Substanzen wie syrischen Asphalt oder Schlackenschotter sowie durch neue Entwicklungen wie Espressotassen aus Kaffeesatz, Zahnbürsten aus Bambus und Einwegteller aus Pflanzenfasern, die die Rebellion gegen Kunststoff verdeutlichen.

Dass Plastik aber mehr als Müll sein und sogar zu Schmuck verarbeitet werden kann, zeigt die Ausstellung „Do it yourself-Design“ im Bröhan-Museum. Neben dem Thema Upcycling erfährt man etwa, wie man aus Wachs Vasen formt: Gestaltung als Appell zum Selberbauen. Gezeigt wird ein Querschnitt der Historie des DIY-Designs. Zweckentfremdete Rohre, Schubkarren oder Putzmittelflaschen machen auch  hier Alternativen zur Massenfertigung deutlich.
Dass die Suche nach solchen Alternativen in der Gestaltung nicht einfach nur ein neuer Trend ist, sondern Wissenschaft, Architektur, Handwerk und Wissen vereint, lässt sich derzeit gleich viermal in Berlin überprüfen.

+ultra gestaltung schafft wissen Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Mitte, bis 8.1., Mi–Mo 10–19 Uhr, Eintritt frei

Bauen mit Holz – Wege in die Zukunft Martin-Gropius-Bau, bis 15.1.

Object Lessons. Material begreifen in 8 Lektionen Museum der Dinge, Oranienstr. 25, Kreuzberg, bis 16.1., Do–Mo 12–19 Uhr

Do it yourself-Design Bröhan-Museum, Schloßstr. 1 a, Charlottenburg, bis 29.1., Di–So 10–18 Uhr

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