Musik & Party in Berlin

Vier Nachrufe und ein Todesfall – Alex Kögler (1958-2014)

Nachdem der einstige Risiko-Betreiber Alex Kögler an Krebs starb, erreichten uns gleich mehrere Nachrufe. Hier die Statements seiner Freunde und Gefährten Nick Cave, Kristof Hahn, Françoise Cactus und Oliver Koerner von Gustorf.

Vier Nachrufe und ein Todesfall – Alex Kögler (1958-2014)

N. U. Unruh (Einstürzende Neubauten) und Alex Kögler, Foto: Anja Wüst

Besonderer Dank gilt an dieser Stelle dem Filmemacher und Musiker Christoph Dreher, der alle Hebel in Bewegung setzte und Nick Cave in Brighton kontaktierte. Cave reagierte prompt und schickte seinen Nachruf, den Dreher ins Deutsche übertrug. Die Beerdigung von Alex Kögler findet am 26. September um 11 Uhr auf dem Alten Luisenstadt Friedhof, Südstern 8-10, Kreuzberg, statt.

Nick CaveWie ich Alex Kögler erinnere…

von Nick Cave

Alex was the central pillar which the all-night Berlin underground revolved around. An imposing, anarchic character of vast charisma  – the most bent straight guy I’ve ever known – Alex ran the notorious Risiko Bar where the Berlin underground art scene – the musicians, film makers, painters and general edge-dwellers – corralled and communed and drank and drugged through the 80s.  I remember him lording over his club, dressed in a suit and tie, head and shoulders above the hunched and gloomy clientele, ranting and laughing and sweating and gesticulating wildly. A man with a towering generosity of spirit, of warmth and uncontainable passion. A great and wonderfully chaotic man.

Alex Kögler
Alex Kögler in den 80er-Jahren mit blutigem Gesicht. Foto: Sabijn van der Linden
Foto: Bleddyn Butcher

Alex war die zentrale Säule, um die der Berliner All-Night-Underground kreiste. Eine beeindruckende, anarchische Persönlichkeit mit gewaltigem Charisma – der coolste Anzugträger den ich je kennengelernt habe.

Alex machte das berüchtigte Risiko, wo in den 80ern die Berliner Underground-Kunstszene – die Musiker, Filmemacher, Maler und üblichen Randständigen – verkehrten und tranken und drogten. Ich erinnere ihn über seinem Club thronend, mit Schlips und Kragen, die gebeugte und düstere Kundschaft überragend, krakeelend und lachend und schwitzend und wild gestikulierend.

Ein Mann von enormer seelischer Großzügigkeit, Wärme und unkontrollierbarer Leidenschaft. Ein großartiger und wunderbar chaotischer Mann.

 

Françoise CactusAdieu Alex. Zum Tod von Alex Kögler

von Françoise Cactus. 2.9.14

„Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben.“ (Oscar Wilde)

Im Film „White Star“ von Roland Klick sieht man ihn auf den voll gekoksten Dennis Hopper pinkeln. Schön arrogant sieht er aus mit seiner Tolle und seiner schwarzen Lederjacke. Alex war auch Sänger. Mit seiner Band „Wir und das Menschliche e.V.“ trat er beim Festival der Genialen Dilletanten im Tempodrom auf, wo er sich nicht schämte, „Ich liebe dich“ zu singen zur Ehre seiner Freundin Sabina van der Linden.

Aber hauptsächlich berühmt wurde Alex Kögler als Boss vom Risiko. Nach einer Erbschaft übernahm er 1981 die Schöneberger Bar, die sich rasch zu einem Kulttreff aller Undergroundkünstler entwickelte. Nick Cave & The Bad Seeds, Tödliche Doris, Die Swans, Wim Wenders, Einstürzende Neubauten … alle waren mit dem Dandy befreundet. Blixa Bargeld arbeitete sogar hinterm Tresen, sowie „Elvis-Maria“ und Sabina, die den Laden gestylt hatte. Sie und Alex bildeten ein glamouröses Paar. Alex war ein schöner, großer Mann, der kindische Züge behalten hatte. Mit seinem dichten Haar, seinen hellen Augen, seinem markanten Gesicht hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit Richard Burton. Er war charmant und elegant. Trug maßgeschneiderte Anzüge und Krawatten. Das sah aber gar nicht bieder aus, sondern richtig schick kombiniert. Beispiel: ein schwarzes Hemd mit schwarzem Kostüm und heller dünner Krawatte. Das Risiko war ein verrückter High-Speed-Kindergarten, in dem sich die Kinder die Kante gaben. Alex hatte immer eine Schwäche für Exzesse. „Live fast, die young“ war damals die Devise, alle waren sicher, dass der Atomkrieg bald ausbrechen würde. Alex war großzügig und lud die Gäste sehr oft ein. Manchmal dauerten die Partys nächtelang, und das Bier fehlte. Dann lief er ein paar Schritte zum nächsten Currywurst-Imbiss und lieh sich Bier aus.

In den 90ern wohnte er mit Sabina in Malta. Brezel und ich besuchten die beiden. Wir mieteten einen Wagen und betrieben „Drugstore-Tourismus“, das heißt, dass wir anstatt katholische Kirchen zu besichtigen kreuz und quer durch die Insel fuhren, auf der Suche nach Apotheken, die Alex’ Lieblingspillen im Regal hatten. In Malta fährt man links, wie in England. Als wir ihn fragten, wer auf einer Kreuzung Vorfahrt hätte, wusste er das nicht, und auch keiner im Restaurant, wo wir die maltesische Spezialität „zermanschtes Kaninchen“ verzehrten. Alex hatte eine super Bibliothek mit Büchern über Serienkiller, mörderische Frauen, Waffen und Gifte. Er war Fan von Jim Thompson und lieh mir “Der Mörder in mir“, woraufhin ich ebenfalls Fan wurde. In den letzten Jahren wohnte er vereinsamt im leeren Haus seiner verstorbenen Mutter. Denn Alex war ein echter Berliner, der nicht berlinerte, und dessen Großvater ein expressionistischer Künstler war, der die Nazizeit nur deshalb überlebte, weil er ausschließlich Landschaften malte. Das letzte Mal, als ich Alex sah, saß er vor dem „Jodelkeller“ in der Adalbertstraße. Sah ziemlich ramponiert aus, aber war immer noch gut gelaunt. Alex Kögler ist am 31.August im Alter von 57 Jahren an den Folgen von Krebs gestorben.

Foto: Jens Berger

Lesen Sie auch die Nachrufe des Musikers und einstiger Risiko-Tresenkraft Kristof Hahn (Les Hommes Sauvages, The Swans) und des Galeristen Oliver Koerner von Gustorf.

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