Malerei

Vincent van Gogh im Museum Barberini

Vincent van Gogh hat aus einem eher biederen Genre, dem Stillleben, eine Sensation gemacht. Wie das durch seine Experimente mit Farbe und Farbauftrag möglich wurde, zeigt die aktuelle Ausstellung im Museum Barberini

Vincent van Gogh (1853-1890), Vogelnester, Öl auf Leinwand, 33,3 x 43,3 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande, Foto: Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande / Vincent van Gogh

Manchmal lauert die Überraschung im Halbdunkel. Drei Vogelnester schälen sich auf dem kleinen Gemälde aus dem erdfarbenen Hintergrund heraus. Ganz genau kann man die Baumaterialien erkennen, die Moose, trockenen Gräser, Halme und Zweige. In einem Nest liegen drei Eiern, in einem anderen steckt eine abgebrochene Feder. Was für großartige Baumeister die Vögel doch sind, denkt man.

Die Malweise ist naturalistisch. Aber aus diesen Eiern wird kein Leben mehr entstehen. Sie sind Material, das ins Atelier gebracht wurde. Vorlagen für den Maler, der das düstere, auf die Vergänglichkeit allen Seins anspielende Motiv für seine Farbstudien braucht. Das Braun des Hintergrunds unterscheidet sich kaum vom Braun der Vogelnester. Er habe mit „Schlammfarbe“ gemalt, schreibt Vincent im Oktober 1885 in einem Brief an seinen Bruder. Und doch hat van Gogh dem Gemälde eine unglaubliche Strahlkraft verliehen, indem er es mit kleinen Sprengseln von Weiß und Blau überzog.

Wie genial von Gogh mit Farben und Farbauftrag agiert, kann keine Reproduktion zeigen. Nur das Original. Wer also meint, sich an van Gogh und seinen Postkartenmotiven sattgesehen zu haben – und überhaupt müsse die Kunstgeschichte aufhören, sich ewig um dieselben alten weißen Männer zu drehen, auch wenn dieser Mann nicht sehr alt geworden ist – dem sei gesagt: Stimmt, doch schon allein wegen der beiden Vogelnester-Gemälde lohnt der Weg nach Potsdam.

Erst Kunsthändler, dann Prediger

Oder wegen „Korb mit Zitrone und Flasche“, 1888 in Arles entstanden, ein Experiment in monochromer Malerei. In Gelb. Gelbe Zitronen liegen in einem ockerfarbenen Weidenkörbchen, darunter eine gelbe Tischdecke vor einer gelbgrünen Wand. Wand und Tischdecke sind als Objekte gerade noch erkennbar, aber fast schon abstrakte Flächen. Rein gelb sind sie auf keinen Fall, denn man erkennt viele blaue und rote Striche, die gemeinsam mit dem Farbauftrag aus den Flächen kraftvolle Energiefelder machen, ihnen eine dynamische Ausrichtung geben, so wie ein Magnet die Eisenspäne unter Spannung setzt. Eine grüne Glasflasche mit braunem Korken und zwei Orangen verstärken die monochrom gelbe Wirkung dieses eigentlich aus vielen Farben zusammengesetzten Gemäldes erstaunlicherweise noch, vielleicht, weil sie zeigen, ab welchem Mischungsverhältnis das Gelb in Grün oder Orange umschlägt und wie weit der farbliche Spannungsbogen ausgereizt werden kann.

Vincent van Gogh, 1853 im niederländischen Zundert geboren und 1890 in Auvers-sur-Oise nördlich von Paris gestorben, ist Kunsthändler und Laienprediger, bevor er Künstler wird. Im November und Dezember 1881 nimmt er in Den Haag Unterricht bei dem Maler Anton Mauve, einem angeheirateten Cousin. „Mauve hat mich gleich vor ein Stillleben aus dem Paar alter Klompen & anderen Gegenständen gesetzt“, berichtet er seinem Bruder Theo per Brief.

Sein erstes Gemälde ist also ein Stillleben. Zwei Monate Malunterricht, später fünf Monate Studium an der Kunstakademie in Antwerpen, die er enttäuscht verlässt – eigentlich war Vincent van Gogh Autodidakt. Allerdings einer, der sich sehr intensiv mit der Kunst anderer auseinandergesetzt hat. So war er beispielsweise einige Jahre für die Kunsthandlung Goupil & Cie. in deren Londoner Filiale tätig. In dieser Zeit hat er sich, wie eine Ausstellung in der Londoner Tate Gallery in diesem Frühjahr überzeugend nachweisen konnte, sehr intensiv mit Drucken britischer Künstler beschäftigt. In deren schwarzweißen Stichen und Radierungen hängt viel von einer entschlossenen Linienführung ab, einer Technik, die van Gogh später so markant in seinen Gemälden einsetzte. Aus dieser Londoner Zeit stammen auch seine ersten zeichnerischen Skizzen.

Natürlich kannte van Gogh auch die Geschichte der niederländischen Malerei mit ihren Stillleben, bäuerlichen Motiven, dem realistischen Stil, der dunklen Grundstimmung und gezielter Lichtsetzung. Das kann man gut in den „Vogelnestern“ und „Klompen“ (die in Potsdam zu sehen sind) erkennen. Im März 1886 suchte er gezielt Kontakt mit dem Impressionismus und zog nach Paris. Bis sich dann 1887 der Stil herausgebildet hatte, für den Vincent van Gogh heute berühmt ist: die dicken, energiegeladenen, so unglaublich präzise und selbstbewusst gesetzten Stiche mit der Ölfarbe in oft monochromen oder komplementären Farben. Geschaffen in manischen Arbeitsphasen in den drei Jahren, die er noch zu leben hatte.

In den Stillleben lässt sich van Goghs Entwicklung hervorragend nachvollziehen. Man wundert sich, warum vor Michael Philipp, Chefkurator des Museums Barberini und Experte für niederländische Kunst, noch keiner die Idee hatte, eine von-Gogh-Ausstellung auf dieses Genre zu konzentrieren. Philipp ist es in Zusammenarbeit mit dem Kröller-Müller Museum in Otterlo, dem Van Gogh Museum in Amsterdam und weiteren Leihgebern gelungen, eine schlüssige Schau in 27 Gemälden ins Barberini zu bringen. Ohne die „Sonnenblumen“. Sie reisen nicht, dafür sind die Werke viel zu wertvoll. Aber mit einigen großartigen unbekannteren Werken. Lassen wir uns von Vogelnestern, Schuhen, Zitronen und Heringen in Staunen versetzen.

Van Gogh. Stillleben Museum Barberini, Alter Markt, Humboldtstr. 5-6, 14467 Potsdam, bis 2.2., Mi–Mo 10–19 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 10–21 Uhr, 14/10 €, bis 18 Jahre frei

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