Stadtpolitik

Volksentscheid Tegel

Startlandewahn: Der Entscheid über die Offenhaltung des Flughafens Tegel ist ein Projekt mit wenig Sinn und Verstand. Und könnte genau deshalb erfolgreich sein

Foto: Erik Heier

Und noch einer. Ein Dröhnen schon von weitem. Über dem „Clou“ braut sich was zusammen, Tegels Einkaufszentrum. Wieder kracht ein Jet über den Kurt-Schumacher-Damm hinweg. Versteht ja kaum einer sein eigenes Wort. Hier, morgens, am Kutschi.

Ruft also die Rentnerin, 65, aus Charlottenburg-Nord, gegen das Dröhnen an: „Tegel schließen! Meine Tochter wohnt da drüben, die geht nicht mal mehr auf den Balkon!“
Sagt die Integrationslotsin aus Wittenau, Anfang 50, Kopftuch: „Offenhalten! Besser als dieses Ding in Brandenburg, allein die Fahrtkosten würden die Leute umbringen.“

Knurrt der Rentner am Café-Tisch, Raucherstimme, Käffchen, B.Z: „Offenhalten. Weil dit bequem ist. Und hör ma uff mit Politik. Die müsste man alle in’n Sack stecken.“
Wütet der Grauhaarige, Einflugschneise seit ’69, heiser: „Schließen! Ick wohn ja hier. Die von der FDP sind doch allet Linkshänder.“

Denn die FDP will, dass der Flughafen offen bleibt, dauerhaft. Und nicht ein halbes Jahr, nachdem der BER startet, schließt.Am 24. September stimmen die Berliner darüber ab. Parallel zur Bundestagswahl. „Tegelretter“, plakatiert Berlins FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer. Die AfD will Tegel auch behalten, die CDU ein bisschen, mal so, mal so ähnlich, und nicht für immer,nur länger. Je nachdem, wen man da gerade fragt. Vielleicht wollen die alle das wirklich, TXL forever, die Leute tragen ihr Innerstes ja nicht auf der Stirn geschrieben. Oder aber doch nur dem Senat eine reinsemmeln, dem regierenden Michael Müller vor allem, der als Stadtentwicklungssenator schon mal einen Flughafen-Entscheid vergeigte. Jetzt fasst keiner mehr das Tempelhofer Feld an.

Es ist ein ungleicher Kampf. Emotionen gegen Fakten. Herz gegen Hirn. Spatz in der Hand gegen Taube auf dem Dach. In Tempelhof war es die grandiose Weite, gegen die der Senat mit seinen freudlosen Technokratenlisten von Einwohnerzahlen und Wohnungsmangel nicht ankam. In ­Tegel ist es die kuschelige Nähe, und das Gestern, die heile Westberlin-Welt, für die das 1974 eröffnete TXL-Terminal-Sechseck steht.

Und jwd, janz weit draußen, verstaubt die Zukunft im märkischen Sand, das Morgen, das Grauen. Der BER, der ewig nicht fertig wird, aber irgendwann vielleicht doch, und auch dann noch womöglich zu klein ist, obwohl die Flughafengesellschaft hektisch massive Kapazitätszuwächse hinterherplant.

Aber die FDP weiß schon, warum sie, anders als damals die Initiative THF 100 %, keinen Gesetzesentwurf zur Abstimmung stellt, sondern nur eine Aufforderung an den Senat. Denn faktisch ist Tegel kaum zu halten, das wurde neulich bei einem Juristen-Streitgespräch im Abgeordnetenhaus deutlich. Unter anderem, weil der Tegel-Schließungsbescheid, selbst wenn man ihn aufhebt, so lange gilt, bis Klagen gegen diese Aufhebung entschieden sind. Klagen von lärmgeplagten Bürgern und Kommunen, vom Naturschutzbund BUND. Oder von Flugplatzstandorten, die wegen der „Single-Airport“-Doktrin kleingehalten wurden. Etwa Eberswalde. Wo Ryanair vor Jahren mal landen wollte – der irische Billigflieger, der der FDP 100 Tegel-Riesenplakate spendierte.

Diese Verfahren könnten bis 2029 oder 2030 dauern, wenn man dem für den Senat tätigen Anwalt Remo Klinger glauben will. Wenn bis dahin aber der BER eröffnet, sind die „jahrelangen Unsinnsdiskussionen“, wie der BUND-Berlin-Chef Tilmann Heuser sie nennt, für die Katz. Und für die FDP.

Aber weil alles so kleinteilig ist, dieses ganze Raumordnungs-, Planfeststellungs-, Konsensbeschluss-, Lärmschutz-, Nachnutzung-Zeug, könnte genau deshalb der Entscheid erfolgreich sein. Weil er eine Stimmung trifft. Unser Tegel. Ihr Versager. Hör ma uff. Alle in’n Sack.

Und die FDP? Träumt weiter. Vom nächsten Volksbegehren. Zur Absetzung des Senats. Falls der Tegel dann doch dicht macht. Was er ja bereits, politisch grobmotorisch, angekündigt hat. Schon hat sich auch CDU-Ex-­Senator Thomas Heilmann sein Volksbegehren zugelegt, für mehr Videoüberwachung, die Polizeigewerkschaften und Neuköllns Ex-Bürgermeister Heinz Buschkowsky machen mit. Und nennen sich dann: „Bürgerbündnis“.

Als wären Volksentscheide dafür da, parlamentarische Niederlagen umzudrehen.

Ein paar Kilometer vom Kutschi entfernt, im Wedding. In einer ehemaligen Eckkneipe sitzt der Künstler Vincent Julien Piot, Franzose, 47, seit 25 Jahren Berliner, im Wohnatelier. Wallebart, Flanellhemd, Weste. Hipsterzivil. Und erzählt, wie er mal den Fluglärm gemessen hat, mit einer App. 96 Dezibel. Obwohl ihn selbst die Jets nicht mal stören. Was ihn stört, hat ideologische Gründe. Diese FDP und ihren Kampf gegen Messen, die vor 20 Jahren gesungen worden seien. „Widerlich“ sei das.

Sagt er, der Linke und Tegelschliessen.de-Unterstützer. Und hat nur bei einer Sache ein flaues Gefühl: „Wenn Tegel schließt, ist hier bei den Mieten die Hölle los.“

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