Biografie

Vom Aufwachsen in Pankow

Ost-Berlin in den Sechzigern: Der Illustrator Matthias Friedrich Muecke dokumentiert in „Niemandsland“ seine Kindheitserinnerungen. In Wort und Bild

© Matthias Friedrich Muecke / kunstanstifter

BiografieSie wachsen wie Brüder auf, der Ich-Erzähler Matthias und sein bester Freund Frank. Ihre Kindheit spielt sich zwischen Dreißigerjahre-Bauten, die abbröckelnder Putz und Einschusslöcher zieren, und der Ostseite der Mauer ab. Diese kümmert die beiden Jungs aber wenig, sie sind mit Wettrennen und vom Zehnerturm im Freibad Pankow springen beschäftigt, oder damit, Blutsbrüderschaft zu schließen und einen selbstgelegten Brand im Keller wieder zu löschen. Später, als sie älter werden, interessieren sie vor allem die Nachbarin Sunny, die für zwei Mark die Hosen runterlässt, und die Magazine mit nackten Frauen, die beim zugequalmten Friseur ausliegen. Es ist eine leichte Zeit für Matthias und Frank. Genervt vom System ihrer Heimat sind sie nur, wenn sie die Restriktionen am eigenen Leibe erleben, wenn etwa ihr Fußball im Todesstreifen landet, sie zum Fahnenappell antreten oder nach ertapptem Streich als Pioniere das „Lied der jungen Naturforscher“ anstimmen müssen. Aber dann kommt Tanti aus dem Westen zu Besuch und schmuggelt für Matthias den heiß ersehnten Pelikano-Füller und für Mutti Bohnenkaffee nach Ost-Berlin, und alles ist wieder gut.

Seine Kindheitserinnerungen an das Pankow der späten Sechziger-, frühen Siebzigerjahre hat der 1965 in Ost-Berlin geborene Grafiker Matthias Friedrich Muecke (2009 von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet) im illustrierten Buch „Niemandsland“ festgehalten. Während diese Erinnerungen nur episodenhaft in kurzen Sätzen und Kapiteln geschildert und somit wenig literarisch sind, besticht „Niemandsland“ durch die atmosphärischen, detailgetreuen Schwarzweiß-Zeichnungen Mueckes, die den Alltag der DDR wiederaufleben lassen – ohne dabei der Politik einen großen Raum zu geben. „Niemandsland“ entführt die einen zurück in die eigene Kindheit, während andere erahnen können, dass sich, in der subjektiven Wahrnehmung zumindest, eine Kindheit in Ost-Deutschland kaum von der im Westen unterschied.

Niemandsland – Erinnerungen an eine Kindheit von Matthias Friedrich Muecke, Kunstanstifter, 208 S., 24 €

Buchpremiere: Buchlokal, Ossietzkystr. 11, Pankow, Sa 14.9., 17 Uhr, Eintritt frei