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Vorarbeiter der Moderne: Neue Graphic Novels würdigen die Künstlerin Emmy Ball-Hennings und den Fußballer Oskar Rohr

Fußball und Hugo Ball: Die Graphic Novels „Ein Leben für den Fußball“ und „Alles ist Dada“ tauchen in die Geschichte ein

Emmy Ball-Hennings raucht und philosophiert

Auf den ersten Blick haben Emmy Ball-Hennings und Oskar Rohr wenige Gemeinsamkeiten. Sie, die mondäne Sängerin und Dichterin, geheimnisvolle Muse berühmter Künstler und Mitbegründerin des Dadaismus, und er, ein bodenständiger, wenn auch widerspenstiger Fußballer, der am Anbeginn des Profifußballs und in den Wirren des Zweiten Weltkrieges für den FC Bayern kickte und anschließend bei Racing Straßburg Torschützenkönig wurde.

Zwei historische Persönlichkeiten, beide in Deutschland geboren. Ball-Hennings 1885 in Flensburg, Rohr 1912 in Mannheim. Beide kamen aus einfachen Verhältnissen und brachen aus ihnen heraus, um unbeirrt einer Leidenschaft nachzugehen. Beide gerieten in Vergessenheit und beide werden mit aktuellen Graphic Novels gewürdigt. Das aus Spanien stammende Zeichner-Texter-Duo Fernando Gonzáles Viñas und José Lázaro hat in „Alles ist Dada“ mit viel Akribie die Geschichte der Emmy Hennings aufgearbeitet. Mit feinem Schwarz-Weiß folgen sie dem einstigen Dienstmädchen auf ihrem Weg, der sie von der Schauspielerei zu der Boheme in München, Berlin und schließlich Zürich führte. Die Zeichnungen wirken wie getupft, schraffierte Annäherungen an ein wirres und abenteuerliches  Leben, das sich heute wie ein Who is Who der Avantgarden um 1910 und 1920 liest. Im legendären Cabaret Voltaire revolutionierte sie mit ihrem späteren Ehemann Hugo Ball und Weggefährten wie Tristan Tzara, Marcel Janco, Jean Arp und anderen ab 1916 die Kunst, die Kultur, ja das Leben selbst. Ab sofort war alles anders, mit Dada erfolgte ein historischer Bruch, der das Hässliche hervorkehrte, sich mit Biss und Ironie dem Bürgertum, konservativer Politik und Kriegstreibern entgegenstellte und mit den Mitteln der Übertreibung und Absurdität alles Dagewesene scharf attackierte.

Auch im Fußball geht es um die Attacke. Eine Gemeinsamkeit, wenn auch Oskar Rohr in seiner Kindheit vermutlich wenig Interesse an den umstürzlerischen Ideen der Dadaisten gehabt hätte. Als jüngster von sechs Kindern zog es ihn auf den Bolzplatz, wo er sich als Talent entpuppte. Als 18-Jähriger spielte er bereits für den FC Bayern München und holte 1932 den Meistertitel, den ersten der Bayern.

Oskar Rohr geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Tore schießen

In „Ein Leben für den Fußball“ erinnern der in New York lebende Autor und Fotograf Julian Voloj sowie der polnische Zeichner Marcin Podolec an einen Spieler, der ebenso kantig und dickköpfig war wie erfolgreich. Expressiv koloriert und mit viel Raum für die Bilder, begleiten Voloj und Podolec ihren Helden, der sich schon bald aus finanziellen Gründen für eine Karriere in der Schweiz und schließlich in Frankreich entscheidet und damit zu einem der ersten deutschen Fußballspieler wird, der im Ausland sein Geld verdient. Es ist aber auch eine Geschichte des Fußballs im Dritten Reich, Rohr eckt an, wird von den Nazis zu „Unperson“ erklärt, während des Krieges in einem KZ interniert und dann an die Ostfront verschickt.

Wie Emmy ist auch er ein tragischer Held, der seinen Weg gehen will und durch die Wirren der Kriege und Politik auf Abwege gerät, ohne aber sein Ziel aus den Augen zu verlieren.

Beide Bücher sind Zeugnisse einer Emanzipation des Individuums, ob in der Welt des Sports oder in der Kunst. Als Frau und als Andersdenkender haderten beide mit den Umständen, setzten sich in ihrer Zeit durch und verschwanden irgendwann aus dem kollektiven Gedächtnis. Beide waren in gewisser Weise Vorarbeiter der Moderne. Wären sie sich je begegnet, hätten sie sich aber vermutlich wenig zu sagen gehabt.

Alles ist Dada – Emmy Ball-Hennings von Fernando Gonzáles Viñas & José Lázaro, Avant Verlag, 232 S., 25 €

Ein Leben für den Fußball – Die Geschichte von Oskar Rohr von Julian Voloj & Marcin Podolec, Carlsen, 160 S., 22 € 

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