Brasserie

Wagner Cocktail-Bistro in Kreuzberg

Die große Kunst der kleinen Form: Ganz beiläufig hat in diesen Tagen ein Ort aufgesperrt, der zeigt, was in Berlin gerade geht: ein Abend im Wagner

Foto: Karina Aviva Benjamin

Wagner also. Wobei es der Legende nach ein Fundstück vom Trödel war, das diesem Kind seinen Namen gegeben hat. Sechs geschwungene Buchstaben an der Fassade des obendrein charismatischen Umspannwerks am Paul-Lincke-Ufer, die fortan jenen den Weg weisen, die in dieser Stadt wegweisend – und sehr lässig – essen wollen. Ein kleiner Laden mit kleinen, günstigen Tellern (bis 12 Euro), hinter denen ein Großer steckt: Thomas Leitner, dessen profundes Handwerk zuletzt im inzwischen geschlossenen Les Solistes zu schmecken war.

Der gebürtige Tiroler hatte die Fine-Dining-­Adresse im Waldorf Astoria am Zoofenster aufgebaut. Ihm gebürte der Michelin-Stern. Und es erzählt viel über die Transformationsprozesse in der zeitgenössischen Kulinarik und seinen prägenden Institutionen, dass so einer jetzt in einer zehn Quadratmeter kleinen Küche steht und Teller wie diese an die hellen Holztische bringt: einen Hasenpfeffer, der aus kaum mehr besteht als aus diesem Feldhasen (und dessen Blut) selbst und der geradezu essenziell aromatisch ist. Oder ein Kalbskopf-Crostini, der die kluge Forderung, doch bitte „Alles vom Tier“ zu verarbeiten, konsequent, kühn und köstlich umsetzt. Leitner präsentiert sich als Koch, der immer bereits auch Metzger ist. Und schafft es doch, mit einem ­vegetarischen Teller am bleibendsten zu beeindrucken: Ofenaubergine mit Birne und Salat. Klingt einfach, schmeckt intuitiv. Genau in dieser Umsetzung liegt das große Können.

Ramses Manneck, dessen Industry Standard in der Sonnenalle als einer der ersten Läden in Berlin das Produkt in den Fokus stellte und der Nose-to-Tail-Küche eine eigene, rotzige Handschrift aufgedrückt hatte, ist der Wirt hinter diesem Wagner. Nach einer privaten Trennung, die auch zu einer geschäftlichen wurde, fängt ­Manneck nun neu an. Wobei das natürlich gar nicht stimmt. Zum einen hat er mit Jan Hugel und Sébastien Saris die beiden entdeckungsdurstigen Sommeliers und ihren Fokus auf (bezahlbare) Naturweine aus seiner alten Wirkungsstätte mitgebracht. Zum anderen agiert dieses Wagner aus dem Stand aus einer gelassenen Souveränität heraus, die sich auch auf die Atmosphäre und damit die Gäste überträgt. Eine Kneipe irgendwie, nur eben mit sehr, sehr gutem Essen. Und einem sehr, sehr guten Barmann: Tuan Nguyen, der spätestens ab Mitternacht zum Mittelpunkt der Bude wird.
Brutal-lokale Berliner Lokale haben inzwischen einen Michelin-Stern. Und mit dem Cookies Cream seit Neuestem auch ein vegetarisches. Mit dem Wagner ist nun auch das angenehm beiläufige Konzept des Gastro-Pubs bereit für die ganz große Bühne.

Wagner Cocktail-Bistro Paul-Lincke-Ufer 22, Kreuzberg, Di – Fr 10 – 16 Uhr, Di – Sa 18 – 3 Uhr, www.wagnerbistro.de

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