Klassiker mit Dreadlock-Perücke

Wahnsinn mit Methode: „Hamlet“ am Maxim Gorki Theater

Klassikercomic der lustigen Sorte: Marx ist tot! Hamlet ist Berliner und trägt Dreadlocks!

Dominic Hartmann, Svenja Liesau und Han Mai Thi Tran in „Hamlet“. Foto: Ute Langkafel | MAIFOTO

Hamlet ist auch nicht mehr, was er mal war. Dass er sich im Maxim Gorki Theater in eine Frau verwandelt hat, ist noch das kleinste Problem. Das hat eine ehrwürdige Theatertradition, von Sarah Bernhardt (in einem der ersten Stummfilme, „Le Duel d’Hamlet“, 1900)  über Angela Winkler (Burgtheater Wien, 1999, Regie: Peter Zadek) bis jüngst zur gefeierten Sandra Hüller am Schauspiel Bochum (Regie: Johan Simon), eine Inszenierung, auf die man sich im Mai beim Theatertreffen freuen kann.

Am Maxim Gorki Theater spielt sie Svenja Liesau mit Dreadlock-Perücke als eine trinkfeste Ick-sach-mal-Berlinerin der herberen Sorte („zu Ihrer Beruhigung, det war jetzt der absolute Tiefpunkt des Abends“). Als Berlinerin ist sie Kummer gewöhnt, weshalb von Hamlets berühmter Melancholie auch nicht mehr als die lokalübliche robuste Motzfreude und der theaterübliche Spaß an großen Gesten übrig geblieben ist.

Erstaunlicherweise ist Hamlet hier nicht unbedingt ein Prinz, sondern die Enkelin von Karl Marx, der von seinem Bruder Claudius (Aram Tafreshian), einem Karrieristen und realpolitischen Funktionär ermordet wurde, der mit Vollbart und nach hinten gespachtelten Haaren eine gewisse Ähnlichkeit mit August Bebel aufweist: Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten wie dieser Claudius. Marx hat die Ehre, von Ruth Reinecke gespielt zu werden, womit die Sympathien schon mal klar verteilt sind. Falls das als ironischer Verweis auf historische Echoräume nicht genügen sollte, stapeln sich im Regal als Staubfänger auch noch die Büsten von Brecht, Liebknecht und Rosa Luxemburg.

Christian Weise und seine Bühnenbildnerin Julia Oschatz, die offenbar viele Aufführungen von Vegard Vinge und Ida Müller und ihres lustigsten Schülers Ersan Mondtag gesehen haben, verwandeln das Stück über lange Strecken in einen Trickfilm mit gemalten Kulissen, meist enge Bürgerstuben, schließlich ist unübersehbar: „Germany ist ein Gefängnis.“ Wenn sich die Spieler aus diesem 2-D-Film-Gefängnis in Richtung Theater in 3-D und mit richtigen Menschen befreien, gehen sie an der Rampe des Gorki-Containers zur Frontalbespaßung des Publikums über, nicht ohne Gorki-konventionsgemäß aus der Rolle zu treten und persönlich zu werden (Hamlet: „Eigentlich komme ich aus Magdeburg, ich mache das hier für Geld“). Was am schönsten und wehmütigsten natürlich bei Ruth Reinecke ist, die von alten Zeiten erzählt, als das Theater noch ganz ohne Video ausgekommen ist, die älteren unserer Leser werden sich vielleicht daran erinnern, und sie selbst als junge Schauspielerin 1980 in Thomas Langhoffs „Sommernachts“-Inszenierung spielte – „das war ein Regisseur!“

Für noch mehr Gelegenheit zu Selbstreferenz und Theater-im-Theater-Scherzen sorgt Herr Horatio (Oscar Olivot), der hier nicht unbedingt Hamlets bester Freund, sondern ein ehrgeizer New Yorker Filmregisseur ist, der beim Versuch, einen Berliner Hamlet-Film zu drehen, logischerweise in der Krisen-Narzissmus-Hysterie landet. Lustig.

Termine: Hamlet am Maxim Gorki Theater

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