Dokumentarfilm

„Waldheims Walzer“ im Kino

Probate Strategie: Ein österreichischer Bundespräsident mit Vergangenheit

Ruth Beckermann/ Filmproduktion

Vielleicht ist es kein Zufall, dass das alte Material gerade jetzt auftauchte“, sagt die Regisseurin Ruth Beckermann an einer Stelle über ein altes Videoband mit Aufnahmen, die sie 1986 bei einer Protestkund­gebung gegen den damaligen österreichischen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim gedreht hatte.

Auf einer ersten Ebene dreht sich ihr ­neuer, bereits auf der Berlinale gezeigter Dokumentarfilm, der diese Aufnahmen mit zeitgenössischem (Fernseh-)Material verschränkt, um die sogenannte Waldheim-Affäre, die nach über 30 Jahren schon fast ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Damals wurden wenige Wochen vor dem ­ersten Wahlgang Vorwürfe gegen den konservativen Kandidaten Kurt Waldheim laut, er habe über seine Rolle als Soldat im Zweiten Weltkrieg gelogen oder vieles einfach verschwiegen – unter anderem seine Mitgliedschaft in der SA und die – zumindest militärische – Nähe zu dem als Kriegsverbrecher hingerichteten General Alexander Löhr.

Das war insofern pikant, als Waldheim zehn Jahre lang UN-Generalsekretär gewesen war und die Wahlplakate ihn ­gerade als „Ein Österreicher, dem die Welt vertraut“ priesen. Waldheim hatte sich über seine Kriegsvergangenheit stets nur sehr vage ­geäußert und dabei den Eindruck erweckt, nach einer Verwundung 1941 habe er sich vornehmlich der Beendigung ­seines Studiums gewidmet.

Dass dem wohl nicht so gewesen war, wurde nun schnell deutlich: Offenbar war Waldheim als Ordonanzoffizier in Saloniki stationiert gewesen, wo in den Kriegsjahren rund 40.000 Juden – und damit ein Drittel der damaligen dortigen Bevölkerung – ­deportiert worden waren, und hatte im Balkankrieg auch Kenntnis von Vergeltungsaktionen gegen Zivilisten in Jugoslawien im Rahmen der sogenannten Partisanenbekämpfung ­erhalten. Eine Historikerkommission ­stellte schließlich 1988 fest, dass Waldheim zwar persönlich keine Kriegsverbrechen begangen hatte, in seiner Position aber klarerweise von solchen gewusst haben musste.

Was Beckermann interessiert, ist der Umgang Waldheims, seiner Partei und der österreichischen öffentlich-rechtlichen Medien mit den Vorwürfen. ­Während sich die Journalisten fast entschuldigten, dass sie Waldheim mit den Vorwürfen konfrontieren, hatte sich der Kandidat eine in solchen Fällen stets probate Strategie zugelegt: Leugnen, Nicht-Wissen, Nicht-Erinnern und Relativieren – er habe im Krieg nur seine Pflicht getan wie jeder anständige Österreicher, und überhaupt müsse jetzt Schluss sein mit den Pauschalvorwürfen.

Die antisemitischen Anwürfe von Politikern der Österreichischen Volkspartei („ehrlose Gesellen vom jüdischen Weltkongress“ – dessen Vertreter die Vorwürfe besonders vehement vertreten hatten) verkehrten schließlich noch die Täter-Opfer-Rolle ins Gegenteil: Man sah sich nun selbst als Opfer einer jüdischen Verschwörung und erklärte die Juden – nach dem Motto: Wenn ihr so etwas macht, braucht ihr euch über anti-­jüdische Stimmungen nicht wundern – auch noch für selbst schuld am Antisemitismus.
Das ist die zweite Ebene des Films: Strategien wie das Relativieren von Schuld und die andauernde eigene Positionierung als Opfer weisen Parallelen zu den Taktiken rechtspopulistischer Parteien auf, die sich momentan in Europa überall im Aufschwung befinden. Die Jetzt-erst-recht-Kampagne verfing: Waldheim wurde zum Bundespräsidenten gewählt, mit 53,9 Prozent der Stimmen im zweiten Wahlgang. Alle westlichen Staatschefs mieden Waldheim während seiner Amtszeit, in die USA durfte er nicht einmal mehr einreisen. Damals war man sich – zumindest offiziell – noch einig.

Waldheims Walzer A 2018, 93 Min., R: Ruth Beckermann, Start: 4.10.

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