Stadtleben und Kids in Berlin

Wandel im Wedding – ein Streifzug durch den Bezirk

Der einstige Arbeiterbezirk ist in Bewegung. Zugezogene schätzen das Bodenständige, Alteingesessene freut der frische Wind im Viertel. Ein Streifzug durch Kneipen, Bars und Vereine von Julia Boek

Morena-c_AxelVoelckerAm Vormittag sitzen drei Männer im Rentenalter vor dem Cafй Morena in der Malplaquetstraße. Sie rauchen, sagen lustige Wörter wie „Hosenschulze“ oder „Kaffeeklappe“, trinken Bier und Punkt elf Uhr einen „Blutverdünner“. Jeden Tag sitzen sie so zusammen, denn: „Soll’n wa die janze Zeit aus’m Fenster kieken?“
Gerade war die 80-jährige Dame aus der Nachbarschaft da, die ihnen morgens immer die Zeitung bringt und danach „Krankenbericht erstattet“. Seitdem ihr Ehegatte, der 25 Jahre lang Stammgast im Cafй Morena war, verstorben ist, helfen ihr die Männer beim Einkaufen und Fensterputzen. „So machen wir das hier miteinander“, sagt Wolfgang Grunberg, genannt Wolle. Er verschwindet hinterm Tresen, stellt Walter kurz darauf ein frisch gezapftes Bier auf den Tisch und zündet sich die nächste Zigarette an. Anfang der 70er-Jahre hat er seinen Laden, den er beim Zocken gewann, eröffnet. Sexmuffel II hieß das einschlägige Etablissement damals noch. Eine Filmbar, die berühmt-berüchtigt im wilden West-Berlin war und nach dem Erfolg von Sexmuffel I in der Müllerstraße Besucher aus allen Milieus und Schichten anzog.

Parteifunktionäre kamen, Arbeiter aus den gegenüberliegenden Osram-Werken, französische Soldaten aus der Alliierten-Kaserne am Kurt-Schumacher-Platz. Letztere seien einmal mit dem Bus abgeliefert worden, erinnert sich Wolle. 40 Mann, bei einem Eintrittsgeld von 25 D-Mark, „Drinks und Filme inklusive, Frauen extra“ – ein lukratives Geschäft für den Barbetreiber.
Aufgewachsen in der Drontheimer Straße, ist der Wedding für den 75-Jährigen „die beste Ecke von janz Berlin“, so sagt es jedenfalls Wolle. Und die Männer am Tisch nicken. Das scheint sich rumzusprechen. Denn man sieht im Bezirk jetzt immer wieder blau-weiße Umzugswagen parken, aus denen junge Menschen stapelweise Kartons in die Treppenhäuser schleppen. Auch die Cafйs, Edel-Restaurants und Eisdielen, die zuletzt an einigen Ecken wie am Leopoldplatz, am Nord­ufer oder in der Grüntaler Straße eröffnet haben, sind neu im Straßenbild.

Die Alteingesessenen vom Kneipentresen freut der frische Wind im Viertel. Denn seit den Wendejahren war es um den ehemaligen Arbeiterbezirk, in dem einst der Einzelhandel boomte und das Nachtleben tobte, ruhig geworden. In den 80er-Jahren, als in den großen Fabriken Osram, AEG und Rotaprint das Licht ausging, verloren viele Industriearbeiter ihren Job und die Fachgeschäfte in der Müller-, Brunnen- und Badstraße ihre kaufkräftigen Kunden. Richtig erholt hat sich der Bezirk davon bis heute nicht. Einige Gegenden sind soziale Brennpunkte, die Arbeitslosenquote und Kriminalitätsrate ist hoch, vielerorts reihen sich Spielcasinos an Ramschläden. Aber dennoch ist der Wedding lebenswert. Zugezogene schätzen die günstigen Mieten in Innenstadtnähe oder die leer stehenden, unsanierten Räume, in denen einige Kunst und Kultur schaffen. Manch einer ist auch froh, dass er von Szene-Kulturen und Billigflieger-Touristen, die derzeit nach Neukölln pilgern, verschont bleibt.

Auch Wolle hat beobachtet, dass immer mehr Jugendliche zuziehen. Im Cafй Morena trinken heute Studenten und Azubis neben den Stammgästen ihr Bier. Er glaubt, dass die jungen Leute bleiben. Und er? Nachdem sein Versuch, in Rente zu gehen, kläglich scheiterte, weil ihm nach zwei Tagen die Decke auf den Kopf fiel, hat er keine Wahl: „Ick bleibe hier, bis ick rausjetragen werde.“
Einen guten Laden zum Ausgehen suchten Jess Schmidt (30) und Uwe Effertz (48) bei einem ihrer Streifzüge durch die Nachbarschaft. In der Grüntaler Straße unweit der Laubenkolonie an der Bornholmer Straße stießen sie auf einen rot geklinkerten 60er-Jahre-Bau. „Suche Pächter“ stand da auf einem Schild im Fenster der Kegelstube geschrieben. Kurzerhand vereinbarten die Wahl-Weddinger einen Besichtigungstermin und staunten nicht schlecht, als sie im Keller der muffigen Vereinsbude mit den Polstersitzgarnituren, Spielautomaten und von der Decke baumelnden Fliegen-Klebestreifen auch eine Kegelbahn entdeckten. Aus der Kegelstube wurde ihr Laden: die Kugelbahn.

KugelbahnSeit gut einem Jahr veranstalten Schmidt und Effertz hier Jam Sessions und Live-Konzerte mit anschließendem „Präzisionssport-Kegeln“ zu Discomusik. In der Bar gibt’s Kaffee, Wein, wechselnde Ausstellungen und sonntags beim „Chicago Breakfast Slam“ amerikanisches Frühstück mit Pancakes und Bacon. „Ein paar alteingesessene Weddinger haben wir bei der Ladenübernahme mitgeerbt“, Uwe Effertz zeigt auf den runden Holztisch am Eingang der Kugelbahn. Mittwochs sitzen hier die Herthaner, an anderen Tagen die Mitglieder des Dart- oder Kegelvereins.
In den ersten Wochen seien die unterschiedlichen Erfahrungen, Geschmäcker und Temperamente zwischen ihnen und den alteingesessenen Anwohnern ständig aufeinandergeprallt, erzählt Jess Schmidt. So wurden die 60er-Jahre-Sofas, Sessel und Stehlampen, mit denen die neuen Inhaber ihre Kugelbahn einrichteten, kritisch beäugt. Für Unverständnis sorgte auch, dass der Billig-Fusel von der Getränkekarte verschwand, ebenso wie die Schlagermusik aus dem Radio und die Fritteuse aus der Küche.

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