Berliner Schriftsteller

„Wanderer“, der neue Roman von Alban Nikolai Herbst

Vom Schreiben besessen „Sprachfaschist“ oder verkanntes Genie? Der Berliner Schriftsteller Alban Nikolai Herbst gilt als schwieriger Autor. Seine über Jahrzehnte gesammelten Erzählungen sprechen aber für sich. Eine Rehabilitation

Foto: Shasharad Lowan

Es raunt und rumort, ruft man den Namen Alban Nikolai Herbst in den Wind der Literaturkritik. Wie das kam, darüber kann man nur spekulieren. Man wird überhaupt mit vielen Behauptungen konfrontiert, wenn man sich diesem Autoren und der Rezeption seines Werks widmet. Ein gewaltiges Werk, wie es nur wenige deutschsprachige Autoren vorweisen können. Allein sein derzeit vergriffener Roman „Wolpertinger oder Das Blau“, die „Anderswelt“-Trilogie (2018 im Berliner Elfenbein-Verlag neu aufgelegt) und seine gesammelten Erzählungen, von denen nun Band 1 unter dem Titel „Wanderer“ im Septime-Verlag erscheint, umfassen über 4.000 Seiten.
Insgesamt hat Herbst über 30 Titel publiziert, Prosa und Lyrik gehen dabei Hand in Hand. Wer ist dieser vom Schreiben besessene Autor, der unter Kritikern entweder als arroganter „Sprachfaschist“ oder verkanntes Genie firmiert?

Ein Treffen in seiner Arbeitswohnung im Prenzlauer Berg soll Antworten liefern. Hippieesk gekleidet, empfängt er in einer im Wortsinn bis zur Decke mit Büchern und Tonträgern vollgestopften Altbauwohnung. Bei Wasser und Whiskey sprechen wir zwei Stunden angeregt über Autorenschaft, Ästhetik und Animositäten.

Und plötzlich ein Skandalautor

ANH – so sein Kürzel – ist ein enthusiastischer Intellektueller. Eine klassische humanistische Bildung prägt sein Denken. Delikat ist sein familiäres Erbe, er ist der Großneffe des NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop. Um dies abzuschütteln, hat er früh einen Künstlernamen angenommen. Er meint: vergeblich. Für seinen Werdegang sind die Dreier-Jahre prägend. 1983 las er nach Rainald Goetz beim Bachmannpreis in Klagenfurt. Goetz schnitt sich damals – einen Auszug aus seinem Kultroman „Irre“ lesend – mit der Rasierklinge die Stirn auf. „Ich habe quasi noch in seinem Blut gelesen“, erinnert sich Herbst, der die Jury – unter anderem mit Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens – heftig angriff, weil sie sich gänzlich unbeeindruckt zeigte. Leicht hatten es Kritiker mit ihm nie.

1993 sorgte sein Wolpertinger-Roman für Aufsehen, der gefürchtete FAZ-Kritiker Wilhelm Kühlmann pries ihn als „seismographisches Protokoll der achtziger Jahre“ und „bleibendes Zeugnis unseres Jahrzehnts“. Und doch blieb der ganz große Erfolg aus. Weil es Redaktionen gegeben habe, in denen seine Bücher nicht besprochen werden durften, ist Herbst überzeugt. Findet man deshalb mehr über ihn als über seine Werke? Das wäre eine Möglichkeit.

Das Dokumentarische prägt die stilistisch anspruchsvolle Literatur des 64-Jährigen, seine Geschichten stehen gewissermaßen auf dem Boden der Wirklichkeit. „Ich brauche diese Erde“, sagt Herbst. 2003 wurde ihm diese Erdverbundenheit zum Verhängnis. Kurz nach dem Verbot von Maxim Billers „Esra“ ereilte sein Roman „Meere“ das gleiche Schicksal. Darin beschreibt der autofiktionale Erzähler, ein Künstler mit Nazi-Vorfahren, sein mitunter gewaltsames Sexualleben. Herbsts Ex-Freundin sah sich in dem Roman gespiegelt und ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. Der streitbare Herbst war plötzlich Skandalautor. Dass vier Jahre später eine überarbeitete Fassung des Romans erscheinen durfte, trug wenig zu seiner Entlastung bei. Doch ist der Ruf erst ruiniert, schreibt er seitdem geradezu manisch.

Sein Blog „Die Dschungel. Anderswelten“ ist zu einem undurchdringlichen Textlabyrinth aus Literatur, Kritiken und Tagebuch angewachsen. 2013 wagte er mit dem Abschluss seiner Anderswelt-Trilogie den ersten Befreiungsschlag. Zwei Jahre später folgte mit dem fulminanten Roman „Traumschiff“ der zweite Versuch. Dass er es mit dem Titel nicht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, führt Herbst auf seinen Ruf im Literaturbetrieb zurück. „Es ging nicht darum, dass das Buch schlecht ist, sondern dass man jemanden nicht haben wollte.“ Er sei für gewisse Kreise schon immer ein unbequemer Autor gewesen, behauptet Herbst. Diesen Nimbus werde er nun nicht mehr los. Im Gegenzug wittert er überall Feinde. So ist ein sich selbst bestätigendes System entstanden, in dem das gegenseitige Ressentiment eine fatale Wirkung zeitigt.

Es lohnt sich, trotzdem zu diesen zum Teil noch unveröffentlichten Erzählungen zu greifen. Denn man findet in „Wanderer“ literarisches Gold. Und dahinter ein gigantisches Werk, das auf Eroberung wartet.

Wanderer von Alban Nikolai Herbst, Septime Verlag, 600 S., 29 €

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