Lesungen und Bücher in Berlin

„We Are Gypsies Now – Der Weg ins Ungewisse“

Danielle de Picciotto stellt mit Alexander Hacke das "Graphic Diary" ihres Nomadenlebens vor

Cover_GypsiesAm Anfang des Abenteuers stand eine Sackgasse. Eine aus Konventionen, Alltagstrott, finanziellen Verpflichtungen und Ängsten gebaute Hürde, die den einst freien Geist daran hin­dert, jenes Leben zu führen, das er sich früher mal erträumte. „Sicherheit, Besitz und Aner­kennung haben uns unbeweg­lich gemacht“, schreibt Danielle de Picciotto in der Einleitung ihres „Graphic Diary“, des reich il­lustrierten Tagebuchs „We Are ­Gypsies Now“, das gerade beim ­aufstrebenden Berliner Metrolit Verlag erschienen ist.
Die in den USA geborene und in Berlin lebende Künstlerin, ­Autorin und Musikerin ist eine Pionierin der Technobewegung, die es immer wieder verstand, die Grenzen zwischen Kunstwelt und Clubkultur effektvoll zu überwinden. Als sie 2006 den Musiker, Produzenten, gebürtigen West-Berliner, Subkultur-Helden, cowboystiefeltragenden Avantgardisten und überzeugten Schnauzbartträger Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten, Crime and the City Solution) heiratete, lief bei den Eheleuten nahezu die gesamte Entwicklung des Berliner Undergrounds der vergangenen 30 Jahre zusammen.

Doch auch als umtriebiges, höchst kreatives und bestens vernetztes Künstlerpaar waren sie vor den Mühlen des Lebens nicht gefeit. Irgendwann stellten sie fest, dass sie nur noch arbeiteten, um die Rechnungen zu bezahlen. Wenn sie dann doch mal ein paar Tage in ihrem teuren Haus im Norden Berlins verbrachten, lungerten sie auf dem Sofa herum und schauten amerikanische TV-Serien. „Es fühlte sich verkehrt an“, schreibt de Picciotto. So entstand der Plan, aus ihrem selbst gezimmerten Käfig auszubrechen: Das Haus soll aufgegeben, der meiste Besitz verkauft werden, 18 Monate wollen sie an anderen Orten leben und arbeiten, nirgendwo länger als zwei Monate. In ihren holzschnitt­artigen, liebevoll ornamen­tier­ten schwarz-weißen Bild­tafeln, die als eine Mischung aus ­Punk-Fanzine, expressionistischer Druck­grafik und mexika­nischem Dia-de-los-Muertos-­Stil daherkommen, erzählt sie die Geschichte.

Am 1. Juli 2010 kehrte das Paar Berlin den Rücken, es ging nach Wien, dann auf Tour mit den Einstürzenden Neubauten, später nach Los Angeles, ins karibische Tulum, nach Istanbul oder auch Prag. Es ist eine spirituelle Reise, eine muntere Sinnsuche, die unverklärt und inspirierend ist und dabei bodenständig bleibt – nicht zuletzt, weil sie auch banale Züge trägt, die Reisen eben so an sich haben. Flugzeuge können sich verspäten, das Wetter nervt oder man liegt im heißen Athen mit Grippe im Bett. Auch die Schwierigkeiten und Vorzüge von Ebay, das Arbeiten am Computer in unklimatisierten Strandbungalows oder die Frage, ob Nomaden Stilettos brauchen, werden behandelt. De Picciottos Wort-Bild-Bericht ist eine Machbarkeitsstudie und gleichzeitig ein Plädoyer für ein anderes Leben, für das sie sich gemeinsam mit Alexander Hacke entschieden hat – und das sie, wie man ihrem letzten Beitrag vom 1. Dezember 2011 entnehmen kann,  offensichtlich auch weiterführen will.

Text: Jacek Slaski

Danielle de Picciotto: „We Are Gypsies Now – Der Weg ins Ungewisse“ Metrolit, 240 Seiten, 22,99 Ђ

Buchpremiere: Performance, Lesung und Musik mit Danielle de Picciotto und Alexander Hacke FluxBau, Pfuelstraße 5, Kreuzberg, Do 25.4., 20 Uhr

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