Flaschenkinder

Wegbier in Zeiten von Corona: Ein Lob

Was tun, wenn man nirgendwo mehr einkehren kann, aber Allein-Trinken auch keine gute Option ist? Ein Lob des Wegbiers

Corona-Krise: Alle Bars dicht? Letzte Option Wegbier. Unbedingt mit ausreichend Abstand, allerdings. Foto: Imago/Westend61
Corona-Krise: Alle Bars dicht? Letzte Option Wegbier. Unbedingt mit ausreichend Abstand, allerdings. Foto: Imago/Westend61

Berlin, ein einziger großer, frustrierender Zapfenstreich. Die Kneipen sind dicht, sogar die legendären 24/7-Spelunken, die Restaurants ausgedünnt. Und lasst uns lieber nicht erst von den Clubs reden, es ist ein einziger Jammer. Es war so schön, in großer Runde einen zu heben. Einen sitzen zu haben. Und eine Runde zu schmeißen. Oder zwei. Wer allein trinkt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Er steht zumindest kurz davor.

Wo bitte trinken wir jetzt in Gemeinschaft, wenn Einkehren keine Option mehr ist, auf Wochen, vielleicht Monate? Gibt es dann nur noch gemeinsame Trink-Watchpartys auf Facebook? Prösterchen im Videokonferenzmodus?

Und war nicht Daheimtrinken etwas für die Generation unserer Eltern, die mentalen Heinz Erhardts? „Wenn ich mal traurig bin, trinke ich `nen Korn.“ Und noch einen. Und noch einen. Und irgendwann fängt man noch mal von vorn an. Und dann isses vorbei für den Abend. Gute Nacht.

Nein. Es ist an der Zeit, uns auf eine Kulturtechnik zu besinnen, wie sie nur in Berlin zur wirklichen Perfektion gelangen konnte: das Wegbier. Eine Flasche in der Faust, ein paar Minuten zu gehen, und keine Eile. Wenn das Wegbier das Ziel ist, müssen wir nirgendwo ankommen wollen. Wir können einfach so schlendern. Zeit totschlagen. Die haben wir jetzt ja. Mehr als wir je wollten.

Wegbier: Unsere letzte Rettung – mit Abstand

Jetzt, wo es zu gefährlich geworden ist, sich zusammenzusetzen, mit anderen Leuten, einander nah zu sein, zu nahe – dann ist das Wegbier auf der Straße, an frischer Luft, im Eineinhalb-Meter-Sicherheitsabstand zum Nächsten eingenommen, unsere letzte Rettung. So lange wir noch raus dürfen. In Quarantäne gibt es keine Wege mehr.

Das Wegbier war schon immer ein billiges Vergnügen. Ein unkomplizierter Zeitvertreib. Ein basisdemokratischer Akt. Der Chef der Berliner Tourismusbehörde hat es vor Jahren einen Teil des Berliner Lebensgefühls genannt. Mit der Folge, dass sich zum Beispiel Kolleg*innen der Süddeutschen Zeitung ständig damit befasst, uns das Wegbier, das Fußpils, die Faustmolle wieder aus der Hand zu nehmen.

Es hat natürlich nicht funktioniert. Zum Glück.

Und wir Flaschenkinder, wir Flaschenkenner, wir erkennen einander. Wir müssen uns nicht nah sein auf der Straße, um zu wissen, dass wir gleich ticken. Jeder hat jetzt seinen eigenen Corona-tauglichen Gruß. Auf die Brust klopfen, den Spock-Gruß („Lebe lange und in Frieden“), den „Wuhan-Gruß“ mit den Füßen, die gegeneinanderstoßen. Aber wie ungleich universeller, lebensbejahender, berlinerischer ist es, dem entgegenkommenden Wegbiergenossen mit wissendem Lächeln zuzuprosten. Hallo, Freund. Wir verstehen uns auch ohne Worte. Und gehen unserer Wege, einsam und doch irgendwie: gemeinsam.

Aufenthaltsdauer draußen = Länge eines Wegbiers

Wenn wir der Senat wären, würden wir die maximale Dauer, die sich jeder Berliner am Tag draußen in der Stadt aufhalten darf, genau so definieren: eine Wegbierlänge. Wer zu schnell trinkt, muss schneller wieder rein. Das diszipliniert auch ein bisschen. Das Gesetz der Straße.

Und am Ende des Weges wird die leere Flasche natürlich ordentlich an einem BSR-Mülleimer abgestellt. Für die Flaschensammler*innen, die natürlichen Verbündeten der Flaschenkinder. Die brauchen unsere Solidarität. Gerade jetzt.

Nur Pfennigfuchser nehmen die leeren Pullen dann mit nach Hause. Und Egoisten.

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