Malerei

„Wege des Barock“ im Museum Barberini

Glanz und Herrlichkeit in Potsdam: Im Museum Barberini gastieren Meisterwerke des Barock aus den Sammlungen der Palazzi Barberini und Corsini

Caravaggio (1571–1610), Narziss, 1597–1599, Öl auf Leinwand, 113 x 94 cm, Gallerie Nazionali di Arte Antica, Rom © Gallerie Nazionali di Arte Antica, Rom, Photo: Mauro Coen

Im Mittelpunkt steht er, der Selbstverliebte, der sich gern in seinem Spiegelbild sonnt. Caravaggio malte den „Narziss“, dem seine Eigenliebe zum Verhängnis wird, jung und schön. Er zählt zu den Highlights seines Frühwerks. Jetzt ist die Ikone der Hell-Dunkel-Malerei nach Potsdam gereist. Begleitet von einer repräsentativen Auswahl exemplarischer Bilder zur Entwicklung der Barockmalerei.

Die Gäste aus den Sammlungen der Palazzi Barberini und Corsini in Rom erinnern an die Geschichte ihrer Potsdamer Namensschwester. Friedrich der Große hatte sich eine italienische Piazza für Potsdam gewünscht und sich an einem Kupferstich Giovanni Battista Piranesis des barocken Palazzo Barberini orientiert. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Pendant am Alten Markt zerstört. Bekanntlich ist es 2017 als Museum durch die Hasso Plattner Stiftung wiederauferstanden.

Dass nun 56 Meisterwerke für die Sonderschau „Wege des Barock“ aus dem römischen Vorbild in der brandenburgischen Landeshauptstadt gastieren, ist schon spektakulär. Überdies schlägt die erste Ausstellung Alter Meister seit Eröffnung des Museums den Bogen zur Italiensehnsucht der preußischen Könige. Friedrich II. und sein Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. sammelten fleißig und ließen im italienischen Stil bauen.

Die von Museumsdirektorin Ortrud Westheider, Gastkuratorin Inés Richter-Musso sowie Maurizia Cicconi und Michele Di Monte von den römischen Nationalgalerien konzipierte Schau wirft ein Schlaglicht auf die Strahlkraft der römischen Barockmalerei nördlich der Alpen. Diese europäische Dimension lässt sich außerhalb des Museums weiterverfolgen durch die Barberini-App „Italien in Potsdam“, die zu 30 Gebäuden und Kunstwerken führt.

So ein Italo-Vorbild war neben Caravaggio oder Guido Reni auch die römische Barockmalerin Artemisia Gentileschi. Ihre emotionalen Gemälde „Bathseba im Bade“ und „Lukretia und Sextus Tarquinius“ hängen als Leihgaben der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten am Ende der Ausstellung. Sie haben seit 250 Jahren das Neue Palais in Potsdam nicht verlassen und wurden – dank einer Finanzspritze von Mäzen Plattner – vor ihrem großen Auftritt restauriert.

Am Anfang des Ausstellungsrundgangs begegnet dem Besucher die imposante Raum-Projektion eines monumentalen Deckengemäldes von Pietro da Cortona aus dem Großen Saal im Palazzo Barberini. Der „Triumph der göttlichen Vorsehung“ spiegelt den Machtanspruch einer der bedeutendsten Familien im Rom des 17. Jahrhunderts wider. Das allegorische Bild verweist auf Maffeo Barberini. Er prägte über 20 Jahre lang als Papst Urban VIII. das Stadtbild Roms und beflügelte die Barockmalerei.

Schon vor seiner Ernennung zum Papst ließ sich Maffeo, der einer Kaufmannsfamilie entstammte und bei den Jesuiten in Rom studierte, vom ebenfalls jungen Michelangelo Merisi da Caravaggio porträtieren. Das war 1598. Etwa zeitgleich verlieh der Maler seinem „Narziss“ – dem Jüngling, der sein Spiegelbild im Wasser betrachtet –, den letzten Schliff.

„Caravaggio stieß mit seiner Konzentration auf den entscheidenden Moment einer Erzählung eine neue Kunst an. Wie auf einer Bühne werden die Figuren durch schlaglichtartige Beleuchtung monumentalisiert. Diese Bildmittel lösten ausgehend von Rom eine europäische Gegenbewegung zur Vergeistigung und Verklärung barocker Darstellungen aus und führten zu einem Realismus, der mit seiner Härte bis heute fasziniert“, erklärt Ortrud Westheider, die zusammen mit Flaminia Gennari Santori, Direktorin der Nationalgalerien Barberini Corsini, die Schau kuratiert hat.

Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky schrieb den „Narziss“ übrigens Orazio Gentileschi zu, Artemisias Vater. Heute sieht man das anders. Der Auftraggeber von Caravaggios Barberini-Porträt indes, soviel ist sicher, war gebildet, sammelte Kunst und förderte junge Künstler. Als Papst Urban machte Barberini Rom zur Hauptstadt des Barock, ließ den Petersdom vollenden sowie Straßen und Plätze, die bis heute faszinieren. Dies trotz Dreißigjährigen Krieges und Inquisition.

Man muss so weit ausholen, weil das Zeitalter der Gewalt sich auch auf den kontrastreichen, dramatischen Gemälden wiederfindet.
Es herrschten Religionskriege und Rom wurde durch Pilger und durchziehende Soldaten zum Schmelztiegel Europas. Selbst ein Künstler wie der leidenschaftliche Hitzkopf Caravaggio war vor seinem frühen Tod 1610 als Raufbold bekannt. Straßenkämpfe waren an der Tagesordnung. Barberini unterstützte keine der Streitmächte und verfolgte stattdessen sein Ziel, die Blüte der Malerei, Architektur, Literatur und Musik voranzutreiben.

Sie braucht den Vergleich mit der Renaissance nicht zu scheuen. Vor diesem Hintergrund entfalten die gezeigten Gemälde ihren speziellen Charakter. Bei aller Frömmigkeit und Glaubensmystik lässt Giovanni Bagliones „Himmlische und irdische Liebe“ die Gewalttätigkeit der Epoche erahnen. Ebenso Jusepe de Riberas „Venus und der sterbende Adonis“. Der Caravaggio-Bewunderer malte den bewegenden Moment, in dem Aphrodite ihren sterbenden Gefährten sieht.

Neben Caravaggio und seinem Kreis werden die Dramen der Halbwelt, wie sie die Caravaggisten in Neapel begleiteten, Gewalt und Erlösung, bibelfest eingekreist. Weitere Kapitel gelten dem Caravaggismus in Nordeuropa mit seinen effektvoll beleuchteten Interieurs und nächtlichen Szenen. Künstler wie Matthias Stom oder Michael Sweerts machten Licht und Schatten – oft in der Bedeutung von Gut und Böse – zu ihrem Spezialgebiet.

Sollte die Kunst, wie Caravaggio behauptete, die Realität abbilden? Oder sollte sie sich nach Guido Reni an antiken Vorbildern orientieren? Das waren die Fragen, an denen sich die Künstler abarbeiteten. Auch Allegorien, zum Beispiel der Künste, standen bei Malern wie Sammlern hoch im Kurs. Simon Vouet etwa verlieh der Malerei ein weibliches Gesicht. Es ist vermutlich Artemisia Gentileschi, die bekannteste Malerin des Barock, die sein „Selbstporträt“ fertigt. Friedrich der Große muss die Römerin geschätzt haben, so wie er den Palast der Barberinis schätzte. Eine Anmutung davon holte er nach Potsdam.

Museum Barberini Alter Markt, Humboldtstr. 5–6, Potsdam, Mi–Mo 10–19 Uhr, 13.7. bis 6.10., 14/erm 10 €