Krippenspiel & Co.

So ein Theater!

Die Adventszeit ist die auslastungstärkste Zeit des Jahres für die Kindertheater. Wieso ­eigentlich gerade dann?

„Die zwölf Monate“ im Theater o.N. – Foto: David Beecroft

Text: Friedhelm Teicke

Ob das Krippenspiel dran schuld ist? Die szenische Darstellung der biblischen Weihnachtsgeschichte ist seit dem Mittelalter hierzulande eine vielgeübte Tradition. Und selbst im tendenziell säkularen Berlin wird der Brauch sogar außerhalb der Christvespern gepflegt. Das Ballhaus Ost zeigt seit zehn Jahren an Heilig Abend im Stundentakt „ein ganz einfaches, ehrliches Krippenspiel ohne jede Ironisierung“ (Dramaturg Daniel Schrader), alle Vorstellungen sind stets ausverkauft.

Ausverkauft sind Berlins Kindertheater besonders oft im Dezember. Es ist bei fast allen der auslastungsstärkste Monat des Jahres. Beim Musiktheater Atze zum Beispiel schraubt sich die Besucherzahl von rund 4.000 noch im Oktober auf 12.000 bis 14.000 im Dezember hoch. Dabei hat Atze ­normalerweise kein explizites Weihnachtsstück im Spielplan; Winterstücke wie die Dauer­hits „Steffi und der Schneemann“ oder „Frau Holle“ allerdings schon. In diesem Jahr reiht sich die Weddinger Bühne mit einer musikalischen Inszenierung des Klassikers „Weihnachtsgans Auguste“ aber erstmals doch ins speziell für die Weihnachtszeit produzierte Stückangebot der Theater ein.

Selbst das Deutsche Theater hat seit drei Jahren zur Weihnachtszeit plötzlich ein Kinderstück im Programm. Laut Intendant Ulrich Khoun kam man damit einem „auch hier im Haus“ entstandenen Wunsch nach. Die erste Vorweihnacht-Produktion „An der Arche um acht“ von Ulrich Hub in der Regie von Anne Bader „lief so erfolgreich, dass wir es im letzten Jahr wieder in den Spielplan aufgenommen haben“, sagt Khoun. „Es hat sich herumgesprochen, dass wir in der Vorweihnachtszeit eine Inszenierung wie jetzt mit der Koproduktion ,Der Teufel mit den drei goldenen Haaren‘ vom Berliner Performancekollektiv Showcase Beat le Mot für Kinder, Schulklassen oder Familien anbieten, die Nachfrage dazu ist groß.“

„Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ von Showcase Beat Le Mot nach den Gebrüdern Grimm in den DT-Kammerspielen – Foto: Minz & Kunst Photography

Diese besondere weihnachtliche Nachfrage hat auch das Fliegende Theater verspürt. Doch lange lehnte das in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiernde Figurentheater es ab, gesonderte Weihnachtsproduktionen zu erstellen. Schließlich verfügt man über ein reiches Repertoire an Kinderstücken. Nur schauen aber viele Eltern explizit nach irgendwie mit Winter und Weihnachten spielenden Stücken, um dem Nachwuchs die Adventszeit zu verkürzen.

Daher wimmelt es in den Novenber- und Dezember-Spielplänen der Theater nur so von „zauberhaften Klassikern für die ganze Familie“ wie „Der Nussknacker“ (Theater an der Parkaue, Schloßparktheater, Deutsche Oper), „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (Friedrichstadt-Palast, Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater) oder „Hänsel und Gretel“ (Staatsoper, Galli Theater, ufaFabrik). Dazu gerne Stücke, die im Titel auf das Fest referieren: „Michel: Weihnachten in Lönneberga“, „Lotta! Oh – wie schön ist Weihnachten“ (beide: Astrid-Lindgren-Bühne im FEZ), „Weihnachten beim kleinen Hasen“ (Schaubude), „Pettersson kriegt Weihnachtsbesuch“ (Berliner Kindertheater) und natürlich immer wieder das moderne Märchen „Weihnachtsgans Auguste“ (Brotfabrik, Schaubude, Theater o.N. und nun also auch das Atze Musiktheater).

Das Theater o.N. hält gleich drei Weihnachts- und Winterstücke im Dezember-Spielplan bereit, mit „Die zwölf Monate“ kommt nun noch ein weiteres „Märchen für alle ab 5 Jahren“ zur Premiere. Die Bühne in der Kollwitzstraße pflegt dabei eine besondere Tradition und baut seit elf Jahren einen großen Adventskalender auf, deren Türchen von den Ensemblemitgliedern jedes Jahr neu gestaltet sind und im Anschluss an die Vorstellungen bis zum Heiligen Abend nach und nach geöffnet werden.

„­Weihnachtsstücke zur Adventszeit sind ein Klischee, das unausrottbar ist“, meint Rudolf Schmid, der künstle­rische Leiter des Fliegenden Theaters. „Viele kleinere Kindertheater haben in den ­Wochen vor Weihnachten 90 Prozent ihres Publikums und verdienen da ihr Hauptgeld.“ Vor drei Jahren beugte auch er sich dem ökonomischen Druck und schrieb und inszenierte „Der magische Adventskalender“. Ein Treffer. Alle Vorstellungen sind bis Dezember 2019 (!) bereits ausverkauft.

„Der magische Adventskalender“ vom Fliegenden Theater – Foto: Promo

Nur ein Berliner Kindertheater hält beharrlich kein Weihnachtsstück im Spielplan bereit – das Grips Theater. „Unser Gründungsimpuls war ja gerade, dass es damals für Kinder nur Märchentheater gab“, sagt Grips-Vater Volker Ludwig. „Wir aber wollen ein Theater für Kinder machen, das von deren Lebenswirklichkeit erzählt und nicht von Prinzessinnen hinter den sieben Bergen.“

Und der heutige Intendant Philipp Harpain ergänzt: „Wir machen das ganze Jahr Programm speziell für Kinder, das ist unser Metier, das nehmen wir das ganze Jahr ernst und das seit fast 50 Jahren – nicht nur zur Weihnachtszeit.“

„Das Krippenspiel – Wie man Wärme teilen kann“, 24.12., 11, 12, 13 + 14 Uhr, Ballhaus Ost
„Die Weihnachtsgans Auguste“, ab 3 J., Premiere 28.11., 16 Uhr, Atze Musiktheater
„Der Nussknacker“, ab 5 J., Premiere 16.11., 10 Uhr, Theater an der Parkaue
„Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, ab 7 J., Premiere 16.11., 19 Uhr, Deutsches Theater Kammerspiele
„Die zwölf Monate“, ab 5 J., Premiere 24.11., 16 Uhr, Theater o.N.
„Der magische Adventskalender“,  ab 4 J., 9.+23.12., 16 Uhr, 19.12.–21.12., 9.30 Uhr + 11 Uhr, Fliegendes Theater