Essen & Trinken in Berlin

Weinanbau in Haupstadt

Auch in Berlin und Brandenburg werden Weine angebaut, und sie sind oft gar nicht mal so übel. Ein Streifzug durch unentdeckte Anbaugebiete und geheime Labore.

weinanbauDie Geschichte des Berliner Weinbaus beginnt mit einer Bekehrung. Albrecht I. von Brandenburg wollte die ungläubigen Stämme der Sprewaner und Heveller zu Gott führen und brachte tapfere Mönche in das Gebiet des späteren Berlins. Mit den Mönchen kam der Messwein – ein gutes Argument, um den Glauben zu wechseln. Seit dieser Zeit, seit 1173, war die Gegend als Weinbaugebiet bekannt. Straßennamen wie der Weinbergsweg in Mitte oder die Weinstraße in Friedrichshain zeugen davon. Doch dann änderte sich das Klima, es wurde kälter. Ab dem 15. Jahrhundert sorgte der Klimawandel für den Niedergang des hiesigen Weinbaus. Um 1813 war er schließlich völlig verschwunden. Doch Ende der 1960er Jahre erinnerten sich einige Berliner an die alte Tradition und begannen, am Kreuzberg Weinstöcke anzupflanzen. Heute gibt es in der Hauptstadt zehn Weinbaugebiete, teils an so ungewöhnlichen Orten wie dem Stadion Wilmersdorf. Das größte Berliner Weingut befindet sich in Neukölln. Ungefähr 700 Liter Wein produziert der gebürtige Moldawier Viktor Sucksdorf pro Jahr. Als er 2002 mit seinem Projekt anfing, musste er die Brachfläche erst mal roden. Seit 2008 gibt es einen Förderverein, der Sommerfeste veranstaltet oder die Weinkönigin krönt. In diesem Jahr hat Sucksdorf allerdings Sorgen: „Es war zu kalt, unsere Pflanzen haben sehr gelitten und die Weinernte muss wahrscheinlich ausfallen!“ Es wäre das erste Mal in zehn Jahren und ein herber Verlust für die Stadt Berlin, die in Sachen Wein einen Sonderstatus hat. Berlin gehört laut Deutschem Weingesetz nicht zu den 26 Weinanbaugebieten Deutschlands. Deshalb dürfen Berliner Weine nicht in Läden verkauft werden. Erwerben kann man sie gegen Spenden oder bei Versteigerungen.

„Die meisten Leute interessieren sich einfach nicht für Berliner Wein“, klagt Sucksdorf. Genau das will Sven Marx ändern. Er ist der einzige Veranstalter von Wein-Touren in Berlin. Mit dem Fahrrad geht es auf den Spuren des Weins durch die Stadt: „Ich habe über ein Jahr recherchiert, bis ich alle Kontakte und Adressen zusammen hatte“, sagt Marx. Seine Touren vermitteln historische Fakten und führen zu Weinbergen, die man ohne Insider-Wissen kaum finden würde. Dazu gehört die Anlage der Gärtnerei Hofgrün am Kreuzberg, wo der Kreuz-Neroberger gekeltert wird. Die Reben am Berg, die viele Anwohner für den Weinberg halten, sind nur Dekoration. Die Trauben für den Wein werden in der Gärtnerei angebaut, die sich dahinter befindet. Eine andere Weinbauanlage, die nicht öffentlich zugänglich ist, befindet sich in der Max-von-Laue-Schule in Lichterfelde. Seit 2003 wird dort im naturwissenschaftlichen Unterricht Wein angebaut. Im Weinbaukurs erforschen die Schüler ökologische und biochemische Prozesse. Die flüssigen Erträge ihrer Schulprojekte werden nicht getrunken, sondern beim Weinfest der Schule versteigert.

„Brandenburger Weinerträge fahren durch den Rachen wie eine Säge“, besagt eine alte Redensart. Ziemlich sauer soll er sein, der brandenburgische Rebensaft. Tatsächlich ist das sandige Land um Berlin gemeinhin nicht sonderlich bekannt für seinen Rebensaft. Dass dieses uralte Sprichwort inzwischen nicht mehr ganz der Wahrheit entspricht, beweisen insgesamt 14 Weinbaugebiete in Brandenburg, die Tafelwein, Landwein und sogar Qualitätswein produzieren. Zum Beispiel auf dem Werderaner Wachtelberg: Seit 1991 wird hier wieder Wein angebaut. Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc, Dornfelder. Das Gebiet hält einen kleinen Rekord, denn hier befindet sich der nördlichste Qualitätsweinbau der Welt. Auf sechseinhalb Hektar produziert Winzer Manfred Lindicke 35.000 Flaschen jährlich. „Im 17. und 18. Jahrhundert waren die Weine tatsächlich ziemlich sauer“, sagt seine Tochter Katharina Lindicke. Heute sei das anders. „Der märkische Sandboden sorgt eigentlich für wenig Säure“, weiß sie. Ihr Wachtelberg und das Weinbaugebiet Schlieben im Kreis Elbe-Elster sind die einzigen Qualitätsweinbaugebiete in Brandenburg. Geografisch gesehen. Denn weinpolitisch gibt es eigentlich keines. Nach deutschem Weinrecht gehören der Wachtelberg und Schlieben zum Weinbaugebiet Saale-Unstrut in Sachsen-Anhalt beziehungsweise zum Weinbaugebiet Sachsen. „Um eine Qualitätsweinlage zu sein, muss der Berg zu einem offiziellen Weinbaugebiet gehören. Und dafür ist Brandenburg im deutschen Weinrecht nicht vorgesehen“, erklärt Katharina Lindicke.

Dabei gehört der Weinbau zusammen mit der Fischerei in Werder zu den ältesten Gewerben. Seit rund 800 Jahren wird in Brandenburg Wein angebaut. Doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts verdrängten Obstbäume, die für die Versorgung Potsdams und Berlins gepflanzt wurden, den Rebstock vollständig. Erst 100 Jahre später sollten auf Brandenburger Hängen wieder Reben gepflanzt werden. Neben den beiden Qualitätsweinbaugebieten gibt es in Brandenburg 12 weitere Weingüter. Einige umfassen mehrere Hektar, andere nur einige Stöcke. Zum Beispiel im uckermärkischen Annenwalde, einem kleinen Dorf, nur 20 Kilometer von der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern entfernt. Hier wachsen 520 Pflanzen der Rebsorte Regent. Gäbe es die deutschen Richtlinien mit ihren regionalen Zuordnungen nicht, würde der hiesige Weinberg vermutlich den offiziellen Rekord für das nördlichste Brandenburger Anbaugebiet halten. Grund für die Aufrebung in Annenwalde war für den Winzer Werner Kothe nicht vorrangig der Ertrag, sondern die Belebung einer alten Tradition – und nicht zuletzt auch der Tourismus. Ähnlich war es in Werder, wo man den Weinbau schon zu DDR-Zeiten in den 1980er Jahren wiederentdeckt hat. Oder am Langen Berg in Schlieben im Kreis Elbe-Elster, wo engagierte Bürger 1992 die Aufrebung starteten. Und wie schmeckt er nun, der Wein, der aus dem märkischen Sandboden sprießt? „Mild und leicht“, sagt Katharina Lindicke, die Winzerstochter aus Werder. Außer vielleicht der Jahrgang 2010. „Der ist wegen des Klimas tatsächlich ein wenig sauer.“

Text: Annika Zieske & Antje Binder

Berlin Bike Tour Bornholmer Straße 75, Prenzlauer Berg, Tel. 60 94 94 98, www.berlinbiketour.eu; Touren: „Berliner Weinstraße Nord“: Länge: 30 km, Dauer: 4,5 Stunden, Preis: 28 Ђ incl. Rad, Start: Di + Sa 10 Uhr; „Berliner Weinstraße Süd“: Länge: 38 km, Dauer: 5 Stunden, Preis: 33 Ђ incl. Rad, Start: Mo + Fr 10 Uhr

Weinwanderweg „Langer Berg“ nach Vorbestellung Besichtigung und Verkostungen im historischen Weinkeller am Langen Berg, Weingut Schlieben, Tel. 03 53 61-3 56 0 www.schliebener-land.de

Führungen über den Weinberg Sanssouci Bauverein Winzerberg Potsdam, bis Oktober jeden ersten Samstag des Monats,
jeweils 10 Uhr, zusätzliche Termine am 20.8. 16.30, 17.30 Uhr und 19 Uhr, Tel. 0331-29 68 16 www.winzerberg.de

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