Kultur & Freizeit in Berlin

Weltmusik-Konzert „Heimatlieder aus Deutschland“ in der Komischen Oper

Die Komische Oper öffnet sich entschieden für das multikulturelle Berlin – zum Beispiel mit dem ungewöhnlichen Weltmusik-Konzert "Heimatlieder aus Deutschland"

Heimatlieder_KoreaWas das Kreuzberger Ballhaus Naunynstrasse vorgemacht hat, kann die Komische Oper, ein paar Dimensionen größer, schon lange: Barrie Kosky betreibt energisch die Öffnung seiner Oper für das migrantische Berlin. Schließlich ist er selbst Ausländer und weiß, dass ein Kulturangebot, das sich nur an das deutsche Hochkulturpublikum richtet, etwas anachronistisch wäre. Dass die Zuschauer in der Übertitelungsanlage auf den Rückseiten der Sitzlehnen neben einer englischen, deutschen oder französischen auch eine türkische Übersetzung wählen können, ist mehr als eine nette Geste. Taner Akyols in der zu Ende gehenden Spielzeit uraufgeführte türkisch-deutsche Kinderoper „Sesam, öffne dich!“ war auch als eine deutliche Einladung an die türkische Community in der Stadt gemeint, die Komische Oper für sich zu entdecken. Der in Berlin lebende türkisch-kurdische Komponist verband in seiner ersten Oper westliche Musiktraditionen und Operngesang mit orientalischen Klängen und Instrumenten wie Zurna oder Kaval, deutsche mit türkischen Textpassagen: So klingt Berlin.

Mit einem charmanten Weltmusik-Konzert setzt die Komische Oper diese gezielte Internationalisierung und Milieudurchmischung von Programm, Künstlern und Publikum im Juni fort. Bedeutet Weltmusik in Berlin üblicherweise, dass das Haus der Kulturen der Welt oder andere Veranstalter Stars aus West- oder Nordafrika, Brasilien oder Asien einfliegen, drehen der Publizist Mark Terkessidis und der Musikmanager Jochen Kühling das um und verzichten bei ihrem Projekt auf den Musiker-Import. Schließlich ist die Welt schon längst im migrantischen Berlin angekommen. Mit den Menschen, die als Gast- oder Vertragsarbeiter seit den 70er-Jahren aus Griechenland, Italien, Kuba, Kroatien, Marokko, Mosambik, Polen, Portugal, Serbien, Spanien, Südkorea, Türkei oder Vietnam nach Deutschland ausgewandert sind, kamen ihre Lieder.

Kühling hat, teils auf verschlungenen Wegen, gezielt nach in Berlin lebenden Musikern aus diesen Ländern gesucht. Er ist auf professionelle Fado-Musiker gestoßen, die schon im Kammermusiksaal der Philharmonie aufgetreten sind, auf türkische und koreanische Chöre, auf Marokkaner, die vor allem auf Hochzeiten und Festen von Landsleuten auftreten. Bei seinen Recherchen erlebte Kühling Weltreisen durch Berlin. „Ich war morgens in Kuba, mittags in Vietnam und abends in Nordafrika“, erzählt er. „Ich war morgens in der kubanischen Botschaft beim Kulturattachй, die Heizung aufgedreht auf 30 Grad, Unmengen Espresso. Mittags treffe ich Musiker in Lichtenberg, in einem Haus, in dem praktisch nur ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter wohnen – alles ist vietnamesisch. Vietnamesische Geschäfte, vietnamesischer Kulturverein, vietnamesisches Essen. Am frühen Abend besuche ich in Kreuzberg einen Mann, der mir helfen will, Musiker aus Marokko und Algerien zu finden. Ich sitze in dieser orientalischen Wohnung und trinke den klassischen Pfefferminztee.“

Das Konzept, so simpel und puristisch wie genial: Aus den Gastarbeitern werden für ein Konzert Gastgeber. Die Internationalität und Diversität Berlins werden hörbar, direkt und unverschnörkelt. Jetzt werden am 10. Juni Musiker aus 13 Ländern auf der großen Bühne der Komischen Oper stehen – insgesamt nicht weniger als 120 Künstler aus der halben Welt. Jedes Ensemble wird zwei Lieder aus seiner Heimat spielen – in 26 Liedern um die Welt. Noch vor fünf Jahren wäre so ein Abend in einem großen Opernhaus undenkbar gewesen. Charmanter kann man das migrantische Berlin und seine Musik vermutlich nicht feiern.     

Text: Peter Laudenbach
Foto: Projekt Heimatlieder

Heimatlieder aus Deutschland
Komische Oper,
Mo 10.6., 20 Uhr,
Karten-Tel. 47 99 74 00

 

Kultur und Freizeit in Berlin

Musik und Party in Berlin

 

 

Kommentiere diesen Beitrag