Konvertierte Flüchtlinge

Wer bestimmt, wer ­wirklich Christ ist?

Vor eineinhalb Jahren hatten wir die Steglitzer Dreieinigkeitskirche schon einmal besucht. Dort waren Hunderte von Iranern und Afghanen vom Islam zum Christentum ­konvertiert. In ihrer Heimat würden sie dafür verfolgt. Dennoch werden ihre Asylanträge jetzt immer häufiger ­abgelehnt. Was macht das mit den Menschen?

Foto: Sascha Lübbe

Um seinen neuen Schafen ihre künftige Religion zu erklären, greift der Mann, der im Süden Berlins das Wort Gottes verkündet, auf ungewöhnliche Beispiele zurück. „Mit dem Glauben ist es wie mit einem Handy“, sagt Pfarrer Gottfried Martens, 55, ein Mann mit kurzgeschorenem Haar und gestutztem Schnauzer, und lässt seinen Blick über die Bankreihen streifen. „Wenn man es nicht auflädt, kann man nicht telefonieren.“ Und genau dazu sei das Abendmahl da. Um den Glauben aufzuladen, immer wieder.

Anderthalb Stunden dauern Martens’ Taufkurse, er hält sie jeden Mittwoch in seiner Dreieinigkeitskirche, einem schlichten Betonbau in einem Steglitzer Wohngebiet ab. Hier lehrt er die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser. An diesem Mittwochnachmittag geht es um das Abendmahl, dessen Ursprünge und Hintergründe; am Ende des Unterrichts kommt Martens aber auch auf praktische Aspekte zu sprechen, erklärt, wie man sich beim Abendmahl zu verhalten hat. „Denn das“, sagt er, „ist wichtig für euer ­gesamtes Leben – nicht nur für die javâb ­mosbat.“

Kurzes Lachen im Saal. Den Ausdruck „Javâb mosbat“ – Farsi für „positive Antwort“ – kennen sie hier. Denn die rund 50 Besucher, die an diesem Mittwoch in einem Nebenraum der Kirche zusammengekommen sind, stammen alle aus Afghanistan und dem Iran. „Positive Antwort“ ist dabei nicht religiös, sondern ganz weltlich gemeint: Es geht um die Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), das ihre Anträge prüft. Die Besucher sind allesamt Asylbewerber.

Der tip berichtete bereits im September 2016 über Martens’ ungewöhnliche Gemeinde. Galt das, was da in Steglitz passiert war, doch als kleines Wunder: Vor wenigen Jahren noch sollte das Gebäude abgerissen werden; ein paar ältere Gemeindemitglieder kamen zu den Gottesdiensten, ansonsten blieben die Bänke leer. Als ab 2011 aber immer mehr Iraner und ab 2015 auch Afghanen den Weg zu Martens fanden, war das Überleben der Kirche gesichert. Heute machen beide Gruppen den Großteil der Gemeinde aus: 1.000 Mitglieder stammen aus dem Iran, 400 aus Afghanistan.

Doch das Wunder von Steglitz, es hatte von Anbeginn einen Beigeschmack: Iraner und Afghanen, die vom Islam zum Christentum konvertieren, werden in ihrer Heimat verfolgt. Eine Konversion erhöht ihre Chancen auf Asyl. Ging es hier also nicht nur um den reinen Glauben? Standen auch taktische Überlegungen dahinter?
Der Unterricht ist vorbei. Die Zuhörer strömen aus dem Saal. Pfarrer Martens steht vor der Tür, umarmt die Menschen, die ihm entgegen kommen. Jeden einzelnen. Die Atmosphäre ist herzlich. Und doch ist da Unsicherheit in den Augen einiger Besucher.

Viele von ihnen halten Dokumente in den Händen, meist vom Bamf. Das Wunder von Steglitz, es droht inzwischen zu kippen. Die Asyl-Anerkennungsquote der Iraner und Afghanen seiner Gemeinde sei in den letzten Monaten rapide gesunken, sagt Martens. Inzwischen würden alle Anträge seiner Brandenburger Mitglieder abgelehnt, bei den Berlinern sehe es nicht besser aus. Vier Gemeindemitglieder seien bereits in die europäischen Länder, in denen sie registriert waren, abgeschoben worden. Einer von ihnen von dort sogar weiter nach Afghanistan.

Die Schutzquoten von Iranern und Afghanen sinken, nicht nur in Martens’ Gemeinde, auch im Rest des Landes. Erhielten 2017 noch 49 Prozent der Iraner Schutz in Deutschland, waren es im Januar und Februar 2018 nur noch 29 Prozent. Bei den Afghanen fiel die Quote im selben Zeitraum von 44 Prozent auf 38 Prozent. Und das, obwohl sich die ­Sicherheitslage im Land weiter verschlechtert hat, wie es selbst im aktuellen Bericht der Bundesregierung heißt.

Wer lebt seinen Glauben aus?

Für Martens ist diese Entwicklung klar ­„politisch motiviert“. Beim Bamf hingegen heißt es, man könne keine Erklärungen dazu abgeben, weil „weder die vorgetragenen Asylgründe noch die individuellen Schutzgründe statistisch erfasst“ würden.

Dabei ist die Gesetzeslage klar: Asylbewerber, denen in der Heimat aufgrund ihres Glaubensübertritts Verfolgung droht, sind schutzbedürftig. Der Glaubenswechsel werde per se auch nicht angezweifelt, heißt es dazu beim Bamf. Allerdings müsse geprüft werden, inwiefern der Bewerber seinen Glauben bei einer Rückkehr in die Heimat auch ausleben würde. Kann er dies nicht glaubhaft machen, wird sein Antrag abgelehnt.

Ghulam Hussain Rezaiee aus Afghanistan: Die ­Kirche verlässt er nur in Notfällen – aus Angst vor der Polizei. Foto: Sascha Lübbe

So wie bei Arash aus dem Süd-Iran. Auch über ihn berichtete der tip 2016. Damals war er noch einer der Kursteilnehmer. Im Garten der Kirche sitzend, erzählte er von seiner geplanten Konversion, seiner Angst vor muslimischen Heimbewohnern, dem angespannten Verhältnis zu seinen Eltern. Er hat die Prüfung bestanden, wurde im Februar 2017 getauft – sein Asylantrag aber wurde abgelehnt.

Arash, der seinen Nachnamen aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich machen will, ist auch an diesem Mittwoch hier, sitzt auf einer der hinteren Bänken des großen Kirchensaals. Ein großer, kräftig gebauter Mann, 33 Jahre alt; Dreitagebart, er spricht mit ruhiger, klarer Stimme.

Seit seiner Konversion heiße er Clemens, sagt er, den Namen habe Pfarrer Martens für ihn ausgesucht. Sein neuer Glaube sei für ihn mehr als eine Religion, es sei ein Lebenswandel: der Gang zur Kirche, das Beten für die Armen und die Kranken – all das bestimme jetzt seinen Alltag.

In der Bamf-Anhörung fragte man ihn, was ihm in seiner Heimat drohen würde. „Als wahrer Christ“, antwortete er, „ist es meine Pflicht, andere Menschen zu meinem neuen Glauben zu bekehren.“ Dafür würde man ihn ins Gefängnis werfen.

Apostasie, der Abfall vom Glauben, kann im Iran mitunter mit dem Tod bestraft werden. Laut Internationaler Gesellschaft für Menschenrechte sei man aufgrund kritischer Medienberichte allerdings dazu übergangen, die Betroffenen ohne Angaben von Gründen zu verhaften. Auch von Misshandlung, Folter und spurlosem Verschwinden ist die Rede.

Mit dem Taufschein in der Tasche

Clemens weiß, dass es Menschen gibt, die an seinen Motiven zweifeln. Er könne das nicht ändern, sagt er, und müsse es akzeptieren. Nur verstehen könne er es nicht. Er habe den Taufschein ja schon in der Tasche, komme trotzdem jede Woche aus seinem Brandenburger Heim in die Kirche gefahren. „Wenn das Bamf Recht hätte“, sagt er, „wäre ich dann noch hier?“

Pfarrer Martens machen die Entscheidungen des Bamf wütend. „Wie“, fragt er, „kann es sich die Behörde anmaßen, den Glauben einer Person in einer einzigen Anhörung zu bewerten – während ich die Bewerber über Monate, teils gar über Jahre hinweg begleitet und näher kennengelernt habe?“

Martens redet schnell und konzentriert. Unterbrochen wird sein Redefluss nur dann und wann von einem kurzen, trockenen ­Lachen. Vier Monate dauern seine Kurse, an ihrem Ende steht die Taufprüfung. Diejenigen, die aus rein taktischen Gründen teilnehmen, sagt er, würden gar nicht so lange durchhalten. Aber auch so fielen 25 bis 30 Prozent durch. Die Anforderungen seien bewusst hoch – um keinen falschen Eindruck zu erwecken.

Letzte Möglichkeit: Kirchenasyl

Martens’ Hauptkritik: Seine schriftlichen Einschätzungen der Gemeindemitglieder, die sogenannten pfarramtlichen Bescheinigungen, würden beim Bamf nicht berücksichtigt; er nennt das eine „offene Konfrontation gegenüber den Kirchen“. Hinzukomme, dass die Entscheider beim Bamf meist keinen Bezug zum christlichen Glauben hätten.

Das Bamf gibt ihm im Prinzip Recht: Die Bewerber seien zwar angehalten, zur Anhörung Taufbescheinigungen vorzulegen, heißt es seitens der Behörde. Von weiteren Dokumenten, den pfarramtlichen Bescheinigungen, ist allerdings keine Rede. Auch speziell geschulte Entscheider – wie sie beispielsweise bei Befragungen von unbegleiteten Minderjährigen oder Folteropfern eingesetzt werden – gebe es für christliche Bewerber nicht.

Und so bleibt Martens meist nur eine letzte Möglichkeit, um seine Schafe zu retten: das Kirchenasyl. Eine Handvoll Afghanen und Iraner beherbergt er zur Zeit; sie schlafen in Doppelstockbetten in den Räumen der Kirche.

Ghulam Hussain Rezaiee ist einer von ­ihnen. Er sei seit acht Monaten hier, sagt ­Rezaiee und streicht sich über den Kopf. Seitdem habe er die Kirche nur in Notfällen verlassen. Wenn er zum Arzt muss, fährt ihn ein Freund des Pfarrers. Sonst gehe er nicht aus dem Haus – aus Angst vor der Polizei.

Arash aus dem Süd-Iran: Seit seiner Konversion heißt er Clemens. Foto: Sascha Lübbe

Rezaiee, 30, blaue Trainingsjacke, wacher Blick, sitzt in einem Vorraum des Kirchensaals, umgeben von anderen jungen Männern, allesamt ins Gespräch oder in ihr Handy vertieft.

Wie er die Zeit hier verbringe? „Deutsch lernen, Billardspielen, Kickern“, sagt Rezaiee. An vier Tagen in der Woche kämen ehrenamtliche Lehrer, um Deutsch zu unterrichten. Danach lese er Bücher, um seinen Wortschatz zu erweitern. Fragt man ihn, wie er die Isolation aushält, lächelt er gequält. „Es ist nicht einfach“, sagt er, „aber was soll ich tun?“ ­Zumindest sei es friedlich. „Wir sind hier alles Brüder.“

„Die Menschen gehen mit der Situation unterschiedlich um“, sagt Pfarrer Martens. Jetzt im Winter sei es besonders hart, weil sie die Kirche gar nicht verlassen können; im Sommer könnten sie sich zumindest in den Garten setzen. Besonders schwierig sei es für Diejenigen, die schon in der Heimat inhaftiert waren. Rezaiee zum Beispiel. In seiner Heimat Afghanistan habe er ein Stück Land gekauft und sei dabei übers Ohr gehauen worden, erzählt er. Ein Regierungsmitarbeiter sei an dem Betrug beteiligt gewesen, deshalb habe man ihn ins Gefängnis gesteckt. Mehr wolle er dazu nicht sagen. Hier in Deutschland will er sich mit einem Fastfood-Restaurant selbstständig machen.

Rezaiee konvertierte in Norwegen zum ­Christentum, dort stellte er auch den Asyl­antrag. Als der abgelehnt wurde, kam er nach Deutschland.

Wahre Christen

Im Islam, sagt er, gebe es trotz aller Regeln und Gebete keine Gewissheit, ob einem alle Sünden vergeben werden. „Im Christentum hingegen weiß man, dass Jesus für uns am Kreuz gestorben ist.“ Seine Familie sei streng muslimisch. Als sein Vater von der Konversion erfuhr, habe er ein Jahr nicht mit ihm gesprochen, für ­seinen Onkel sei er tot.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Pfarrer Martens ist noch immer umringt von ­Menschen. In einer Schlange stehen sie vor seinem Büro, alle mit Fragen. Die neuen ­Schafe, sie haben seine Kirche einerseits gerettet; sie haben sein Leben – andererseits – aber auch anstrengender gemacht. Neben dem Taufunterricht und der persischen ­Bibelstunde geht auch das „normale ­Gemeindeleben“ weiter. Martens hält Gottesdienste, macht Hausbesuche. Zum „Papierkram“ komme er inzwischen erst in der Nacht, sagt er.
Die Situation ist grenzwertig, das weiß er auch. Und doch sei der Stress, den er habe, nichts im Vergleich, zu der „Last, die diese Menschen zu tragen haben.“ Was ihn antreibe? Das Wissen, dass ihnen Unrecht geschehe. Denn in einem, sagt er, sei er sich sicher: dass diejenigen, die sich in seiner Gemeinde ­engagieren, wahre Christen sind.

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