Stadtleben und Kids in Berlin

Wer uns wirklich regiert

Deutschland wählt - doch die Wahl ist längst entschieden. Wer in der Hauptstadt das Sagen hat.

Lobby-Locations

Zur besseren Übersicht: Die Karte als pdf-Datei

Vier Tage nach der Bundestagswahl treffen sich zwei Dutzend Führungskräfte im Vier-Sterne-Hotel NBH Berlin Mitte in der Leipziger Straße morgens um 9 Uhr zu einem ganztägigen Praxisseminar. Sein Titel heißt: „Parlamentarisches Lobbying für Verbände„.
Ein Thema ist in der Ankündigung sogar signalrot gesetzt: „Special: Bundestagswahl 2013. Stategien für eine erfolgreiche politische Interessenvertretung nach der Wahl“.Der letzte Punkt dabei, in schönster Sepp-Herberger-Logik: „,Nach dem Spiel ist vor dem Spiel‘ – Was ist zu tun, wenn der Koalitionsvertrag steht.“
Genau. Ein Lobbyspiel dauert vier Jahre. Die nächste Legislaturperiode ist immer die schwerste. Und gespielt wird auf Sieg.
Einer, der lange Jahre mit vielen Interessenvertretern zu tun hatte und nur zu einem Gespräch bereit war, wenn sein Name nicht in diesem Text auftaucht, sagt es so: „Die Parteien haben vor Lobbyisten Angst.“
Lobbys: die politische Macht, die am 22. September gerade nicht zur Wahl steht. Vor allem: die man nicht abwählen kann.
Niemand weiß wirklich genau, wie viele Lobbyisten in Verbänden, Public-Affairs-Agenturen, Anwaltskanzleien, Unternehmensdependencen, Thinktanks oder schlicht auf eigene Rechnung in der Hauptstadt Interessen gegenüber der Politik vertreten. Manche sprechen von 5?000 Akteuren, es gibt aber auch höhere Schätzungen.
Allein die 640-seitige Liste der beim Bundestag registrierten Verbände enthält 2?140 Organisationen. Da sind Politikberatungen oder Anwaltskanzleien noch nicht mal dabei. Strippenzieher im Hintergrund.
Lobby-Hauptstadt Berlin. Wenn man einmal wachen Auges über den Boulevard Unter den Linden defiliert und hin und wieder auf die Klingelschilder achtet, wird die enorme Dichte aller möglicher Interessenvertreter in der Haupstadt deutlich (siehe Seiten 24/25). Beim Verein Lobbycontrol, der seit einigen Jahren genau zu diesem Zweck lobbykritische Stadtführungen durchführt, heißt der Boulevard: „Unter den Lobbyisten„.
Dagegen herrschte in Bonn vergleichsweise fast schon tote Lobbyhose. Dort, wo alles wohlgeordnet schien. Wenngleich schon Mitte der 50er-Jahre Konrad Adenauer den Einfluss der Einflüsterer sah: „So geht es nicht weiter, dass starke Geldmänner aufstehen und die ordentliche Gesetzgebung mit solchen Mitteln bekämpfen.“
In Berlin werden die Karten längst immer wieder neu gemischt, sie liegen auf vielen Tischen. Traditionsreiche Lobby-Zirkel wie das „Collegium“ oder der „Adlerkreis“ leben vor allem von ihrem Ruf. Die Macht der lange einflussreichen Großverbände erodiert immer mehr. Große Unternehmen machen lieber Etats für eigene Berlin-Büros locker. Branchen fragmentieren sich. Die Energiewirtschaft zum Beispiel ist längst in viele Einzelverbände aufgeteilt. Atom, Kohle, Windkraft, Solar. Und so weiter.
Jetzt, rund um den Wahltag, gilt es für die Lobbyisten, ihr Netzwerk zu sortieren. Es neu zu ordnen. Denn mit der Bundestagswahl kommen neue Abgeordnete ins Parlament. Andere geben ihr Mandat auf. Langgediente Recken, langjährige Kontakte.
Auch in den Ministerien wechseln Zuständigkeiten, verdiente Mitarbeiter werden gern noch kurz vor dem Urnengang auf der Karriereleiter ein paar Stufen hochtransportiert. Glückwunschdepeschen sind dann zum Beispiel eine gute Lobbyidee. Für die Beförderung. Oder den Job als Volksvertreter. Alles Gute. Wir hören voneinander. Bald.

Text: Erik Heier

Lesen Sie den gesamten Text im aktuellen tip-Heft 20/13 auf den Seiten 22-31.

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