Fotografie

Werkstatt für Photographie bei C/O Berlin

Transatlantischer Aufbruch: Vergessen, trotzdem wirkmächtig – nun machen drei Ausstellungen es offiziell: In der Kreuzberger Werkstatt für Photographie wurde Fotografiegeschichte geschrieben

Bilder

Dieses Stück Fotografiegeschichte konnte sich so nur im West-Berlin des kalten Krieges zutragen. Nur im Schatten des historischen Meteoriteneinschlags Mauerfall in Vergessenheit geraten. Um nun, 30 Jahre nach dem Ende, mit gleich drei zusammenhängenden Ausstellungen wiederentdeckt zu werden. Und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die deutsche Fotografiegeschichte jetzt nicht nur ergänzt, sondern eigentlich umgeschrieben werden muss.

Aber von Anfang an. Berlin/West 1976. Michael Schmidt, Ex-Polizist und als Fotograf Autodidakt, gründet die Werkstatt für Photographie an der Volkshochschule Kreuzberg. Was er anbot, war kein üblicher Technikkurs. Es war ein mehrstufiger Seminarplan. Eine Kunsthochschule ohne Hochschule.
„Es ging in der Werkstatt für Photographie darum, ein Verhältnis von sich zur Welt in Bildern zu formulieren“, erklärt Thomas Weski. Er ist einer der vier Kuratoren der drei Ausstellungen. Und selbst ehemaliger Gasthörer der Werkstatt in Wochenendseminaren. „Ziel war, dass die Teilnehmer ihre Persönlichkeit ausbilden und einen eigenen fotografischen Zugang zur Wirklichkeit finden. Das ist ein hoher Anspruch“. Der Fotograf als Autor. Das lehrte Schmidt bereits 1976. Theoretisch formuliert wurde diese künstlerische Haltung erst 1979 von Klaus Honnef.

Um die Bedeutung dieses Anspruches richtig einschätzen zu können, sagt Weski, muss man sich die damalige Situation vergegenwärtigen. In den Museen galt Fotografie nicht als gleichberechtigte künstlerische Ausdrucksform. Es gab für sie nur 41 Ausstellungsorte europaweit und in Berlin keine Möglichkeit, Fotografie zu studieren.

Und da kommt dann Michael Schmidt, zu der Zeit bereits anerkannter Künstler (Galerie Springer), und bietet eine Art antiautoritäres Studium an – es ist die Zeit der Hausbesetzungen. An der VHS. Für jedermann. In den zehn Jahren gab es rund 2500 Teilnehmer jeder Vorbildung. Doch die künstlerische Grundhaltung der Kurse sprach sich deutschlandweit rum. Und so kam es, dass bald Studenten, Fotografen und Künstler die VHS Kreuzberg besuchten. Um Schmidt, der schon 1977 aus der Leitung der Werkstatt ausschied, hatte sich schnell ein Team gebildet, das weiter machte: Ulrich Görlich, Wilmar Koenig, Klaus-Peter Voutta.

Sie beginnen, Fotografieausstellungen zu zeigen. Wilmar knüpft Kontakte in die USA, lernt dort zufällig Larry Clark kennen. Und so kommen eine Dynamik in Gang: Larry Clark, Robert Adams, Diane Arbus, William Eggleston, Larry Fink, John Gossage, Robert Frank und Stephen Shore stellen an der VHS Kreuzberg  aus. Ihre Arbeiten hängen dort auf dem Flur an Strippen in billigen Wechselrahmen und unter handelsüblichen Neonröhren. Und die amerikanischen Ikonen der Fotografie des 20. Jahrhunderts gaben in der Werkstatt Workshops. Ein Hammer. Allerdings waren sie – Thomas Weski rückt die Relationen zurecht –  zu der Zeit eben noch nicht populär.

Hilfe bei diesem transatlantischen Austausch kam vom Galeristen Rudolf Kicken – und vom Amerika Haus. Dessen damaliger Leiter Jörg Ludwig förderte diese Luftbrücke, lud die amerikanischen Fotografen in sein Haus ein, machte dort Parallelausstellungen, bezahlte Flugtickets. Man kann durchaus von einer Querfinanzierung sprechen. Nun ist die Fotografiestiftung  C/O Berlin im Amerika Haus,  rekonstruiert dessen Geschichte – und die, glücklicher Umstand, der Werkstatt. Was wohl zu einer Neujustierung der Fotografiegeschichte in Deutschland führen wird.

Denn die Zusammenarbeit zwischen der Werkstatt und den Ikonen der amerikanischen Fotografie war kein Kuriosum. Die Arbeiten, die dabei entstanden, muss man man als eigenständige Schule beschreiben. „Bislang hatte man sich bei der künstlerischen Fotogafie vor allem auf die Becher-Schule in Düsseldorf konzentriert. Doch die Fotografiegeschichte in Deutschland ist viel komplexer, als wir sie bisher wahrgenommen haben“, sagt Felix Hoffmann. Er ist Chefkurator bei C/O und bereitet dort die Ausstellung „Werkstatt für Photographie 1976–1986. Kreuzberg – Amerika. “ vor.

Diese ist Teil des groß angelegten Unterfangens, mit drei Ausstellungen diese Phase der deutschen Fotografiegeschichte dem Vergessen zu entreißen (Google spuckte fast nichts zum Thema aus). C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen und das Sprengel Museum in Hannover werden zeitgleich die Geschichte, die Einflüsse und die Auswirkungen der Werkstatt für Photographie rekonstruieren. Sie damit erstmals in ihrer Bedeutung zeigen. Und sie als gleichwertig neben die Düsseldorfer Becher-Schule zu setzten. Schüler von Bernd und Hilla Becher sind Andreas Gursky,  Thomas Ruff, Peter Struth, Candida Höfer.

Michael Schmidt, 2014 verstorben, gehört zu den ganz großen unter den deutschen Fotografen. Doch Leute wie Gosbert Adler, Ulrich Görlich, Uschi Blume, Hildegard Ochse, Friedhelm Denkeler und Ursula Kelm sind zu entdecken. Noch kann man nur den Katalog einsehen. Doch der verspricht, dass wir in der Ausstellung fotografische Positionen entdecken werden, deren konzeptioneller Ansatz, radikaler Autorenbegriff, deren Weltsicht einer subjektiven Sachlichkeit einen ganz eigenständigen visuellen Kosmos aufmachen. Wer die aktuelle Wirkmächtigkeit der Werkstatt sehen möchte, der schaue sich die Arbeiten von Tobials Zielony, Sven Johne, Annette Kelm, Viktoria Binschtok oder Laura Bielau an.

Werkstatt für Photographie 1976–86. Kreuzberg – Amerika C/O Berlin, Amerika Haus, Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, tgl. 10–20 Uhr, 10.12.–12.2.17

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