• Startseite
  • Werner Düttmann: 12 Projekte vom Baumeister des Märkischen Viertels

Architektur

Werner Düttmann: 12 Projekte vom Baumeister des Märkischen Viertels

Werner Düttmann ist einer der prägenden Architekten der Nachkriegsmoderne in West-Berlin. Geläufig ist der Name nicht vielen, obwohl die Stadt an vielen Orten die Handschrift des Scharoun-Schülers trägt. Als Architekt stand er für unpathetische Eleganz, als Stadtplaner und Senatsbaudirektor war er Meister der urbanen Dichte. Im Brücke-Museum und an weiteren Orten ist ab 17. April eine Ausstellung über sein Lebenswerk geplant. Und ab 6. März 2021 – der 1983 verstorbene Berliner wäre an diesem Tag 100 Jahre alt geworden – ist die Stadt voller Hinweistafeln zu seinem Werk. Wir stellen 12 der wichtigsten Projekte von Werner Düttmann in Berlin vor.


Mehringplatz

Der Mehringplatz aus der Luft betrachtet. Werner Düttmann baute am Rand in die Höhe und leitete das Projekt. Foto: Imago/Günter Schneider
Der Mehringplatz aus der Luft betrachtet. Werner Düttmann baute am Rand in die Höhe und leitete das Projekt. Foto: Imago/Günter Schneider

In SO36 und im Bergmannkiez besteht Kreuzberg aus mehr oder weniger intakten Altbausiedlungen. Sie waren Orte des alternativen Lebens und der Politisierung in aufgeheizten Zeiten. Rund um den Mehringplatz hingegen war der Bezirk vom Senat als total zerstört eingestuft worden. Die Straßenführung verlief durch eine Trümmerlandschaft, in der viele eine Chance zur totalen Erneuerung sahen.

Einen 1958 ausgeschriebenen Architekturwettbewerb gewann Hans Scharoun, der für eine bewohnbare Stadtlandschaft warb, eine Art Park, in den sich immer wieder Wohnbauten fügen. 1968 übernahm Werner Düttmann die Planungen seines Lehrmeisters, der 1972 starb, und passte die Entwürfe an völlig veränderte Anforderungen an: sozialer Wohnungsbau in einem verdichteten Quartier statt Büroarchitektur. Die runden Bauten am autofreien südlichen Ende der Friedrichstraße sind ein geometrischer Ruhepol, umgeben von mehrstöckigen Gebäuden, die eine Art Schutzwall bilden – vor einer Autobahn, die hier nie verwirklicht wurde.


Verkehrskanzel

Ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz – und ein Architekturdenkmal: die Verkehrskanzel in Charlottenburg. Imago/POP-EYE
Ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz – und ein Architekturdenkmal: die Verkehrskanzel in Charlottenburg. Imago/POP-EYE

Sie ist Kuriosum im Stadtbild und für sich schon eine Seheswürdigkeit, wenn man sie nicht laufend übersieht: die Verkehrskanzel am Kurfürstendamm. Schon lange ist die Kapsel mit Blick über die Straße nicht mehr in Betrieb. Aber ab 1955 saßen dort Polizeibeamte, um manuell den Verkehr zu überwachen und die Ampeln per Hand zu schalten.

Das Relikt aus Zeiten vor computergestützter Verkehrsplanung war nur sieben Jahre in Betrieb, sieht dafür aber ziemlich futuristisch aus – und bildet mit den umliegenden U-Bahn-Bauten ein architektonisches Ensemble: Der rund 4,5 Meter hohe Betonpfeiler ragt aus einem Pavillon mit Kiosk empor, weiter unten gelangt man zur Station Kurfürstendamm der U9. Beteiligte Architekten waren neben Werner Düttmann auch Werner Klenke und Bruno Grimmek.


Hansabücherei

Das Fenster zum Hof: In Werner Düttmanns Hansabücherei blickt man in einen Garten. Foto: Fridolin Freudenfett/Wikimedia/CC BY-SA 4.0
Das Fenster zum Hof: In Werner Düttmanns Hansabücherei blickt man in einen Garten. Foto: Fridolin Freudenfett/Wikimedia/CC BY-SA 4.0

Das Hansaviertel ist Berlins wohl gewagteste architektonische Auseinandersetzung mit Formen jenseits von Blockrandbebauung und wilhelminischem Altbau. Werner Düttmann verantwortete hier den Bau der Bücherei. Der zunächst schlicht wirkende eingeschossige Flachbau ist konzipiert als kultureller Mittelpunkt des im Rahmen der Interbau 57 geschaffenen Quartiers.

Mit seinen breiten Fensterfronten ist Werner Düttmanns Entwurf von Transparenz geprägt, ein offenes Gebäude, das die Literatur als zugänglich in Szene setzt, statt sie hinter ehrwürdigen Mauern zu verbergen. Der geometrische Bau umschließt vollständig das Herz der Bücherei, einen grünen Innenhof. Durch die Fenster hat man diesen immer im Blick, fast fließend ist der Übergang zum Garten. Mehr über das Hansaviertel lest ihr hier.


Ernst-Reuter-Platz

Brunnenspiele am Ernst-Reuter-Platz. Foto: Imago/F. Berger
Brunnenspiele am Ernst-Reuter-Platz. Foto: Imago/F. Berger

Wie könnte monumentale Architektur im Westen aussehen? Was symbolisiert Größe, ohne an historische Formen des 19. Jahrhunderts anzuknüpfen? Von solchen Fragen geleitet, entstand in Charlottenburg ein Ort, der den Stolz West-Berlins versinnbildlicht. Beteiligt am Aufbau war auch Rainer Rümmler, der prägende U-Bahn-Architekt.

Die Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes, um die der Verkehr hier kreist, schuf Werner Düttmann. Er verzichtet auf Höhenabstufungen, auf dominante Elemente, die den Blick lenken. Zwischen 1959 und 1960, dem Jahr, als Düttmann zum Senatsbaudirektor berufen wurde, inszenierte er mit Wasserfontänen und Betonbecken so etwas wie das Gegenteil des Großen Sterns mit der Siegessäule. Zusammen mit den Hochhäusern rund um den Platz sieht hier alles nach Aufbruch, Moderne und Fortschritt aus – auch wenn es mühsam ist, am Ernst-Reuter-Platz zu Fuß unterwegs zu sein.


Mensa der Technischen Universität Berlin

Die orangefarbene Fassade entspricht nicht dem Ursprungszustand. Düttmann setzte an der Hardenbergstraße voll auf Sichtbeton. Foto: Imago/Joko
Die heute orangefarbene Fassade entspricht nicht dem Ursprungszustand. Düttmann setzte an der Hardenbergstraße voll auf Sichtbeton. Foto: Imago/Joko

Eine neue Mensa für die heutige Technische Universität, die er ab 1939 selbst besucht hatte, schwebte Werner Düttmann ursprünglich am Ernst-Reuter-Platz vor. Die Wahl fiel dann allerdings auf einen Standort an der Hardenbergstraße, ein erster Entwurf mit größeren Dimensionen wurde nicht verwirklicht.

Das 1967 fertiggestellte Gebäude ist wuchtig und zugleich offen: Bodentiefe Fenster und Oberlichter machen die Räume viel heller, als die Fassade es vermuten lässt. Mit Beton, Stahl und Plexiglas im Innern hatte Werner Düttmmann das Gesamtkunstwerk im Blick. Von außen hat sich allerdings viel verändert: Das Betongrau und die roten Fensterrahmen sind verschwunden, die Mensa ist heute ungewöhnlich bunt.


Märkisches Viertel

Werner Düttmann konzipierte als Stadtplaner das Märkische Viertel. Foto: Imago/Schöning
Werner Düttmann konzipierte als Stadtplaner das Märkische Viertel. Foto: Imago/Schöning

Heute hat das Märkische Viertel, diese so berüchtigte Großwohnsiedlung, nicht den besten Ruf. Die Hochhäuser erzählen eben andere Geschichten als früher, als Werner Düttmann in seiner Rolle als Stadtplaner das Viertel konzipierte. Er nimmt darin Bezug auf die großen Ideen seines Lehrmeisters Hans Scharoun: eine aufgelockerte, moderne Stadt, die draußen im Grünen der Enge der Gründerzeit-Hinterhöfe Lebensqualität entgegenzusetzen hat. „Urbanität durch Dichte“ war das Leitbild.

Am Dannenwalder Weg gehen Wohnhochhäuser auf Düttmanns Entwürfe zurück, sie wurden 1967–1968 vollendet und bilden den Kontrast zu Einfamilienhäusern auf der anderen Straßenseite. Die Architekten Georg Heinrichs und Hans-Christian Müller arbeiteten unter der Leitung von Werner Düttmann seit 1963 am Großprojekt. 1976 war dieses neue Viertel für die Stadt, die innerhalb ihrer Mauern wachsen musste, fertig.


St. Agnes

Einst Gotteshaus, nun Galerie: St. Agnes an der Alexandrinenstraße. Foto: Imago/Schöning
Einst Gotteshaus, nun Galerie: St. Agnes an der Alexandrinenstraße. Foto: Imago/Schöning

Sakrale Architektur ist womöglich die schwierigste Disziplin für moderne Architektur: Wie gibt man einer tendenziell schrumpfenden religiösen Bevölkerung Halt im Glauben, ohne Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen? Wie erzählt man jahrtausendealte Mythen zeitgemäß im Bau? Werner Düttmann baute an der Kreuzberger Alexandrinenstraße einen Ort für radikale In-sich-Gekehrtheit: ein streng geometrischer, fast fensterloser Betonbau, der die Blicke auf sich zieht. Martina Düttmann fand die passenden Worte für das Bauwerk: „wortkarge Wände“.

Seit 2004 ist dieses so prominente Beispiel für Brutalismus in Berlin St. Agnes kein katholisches Gotteshaus mehr, sondern als Raum für Kunst auferstanden. In der 2015 umgestalteten St. Agnes-Kirche befindet sich die Galerie von Johann König.


Altes Ku’damm Eck

Das Alte Ku’damm Eck war ein gutes Stück West-Berlin. Foto: beek100/Wikimedia/CC BY 3.0
Das Alte Ku’damm Eck war ein gutes Stück West-Berlin. Foto: beek100/Wikimedia/CC BY 3.0

Für viele West-Berliner*innen ist die Erinnerung ans von Werner Düttmann entworfene Alte Ku’damm Eck noch lebendig, eines der wohl berühmtesten Gebäude in Berlin, die es nicht mehr gibt: Aus weißen Kuben zusammengesetzt und leicht abgerundet, wirkte der Bau zugleich klobig und futuristisch. Ab 1973 befanden sich in dem Multifunktionshaus zahlreiche Geschäfte, Kinos, das Berliner Panoptikum, eine Bowlingbahn und das Café des Westens.

Spektakulär war eine riesige Lichtraster-Bildwand, auf der bewegte Bilder und Schrift gezeigt werden konnten. Man wollte an das visuelle Erlebnis vom New Yorker Times Square anknüpfen. Trotz moderner Ansätze hat das Gebäude bereits 1996 ausgedient und wurde 1998 abgerissen.

Heute befindet sich an der prominenten Ecke ein vom Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner entworfenes Geschäftshaus, das Neue Ku’damm-Eck.


Wassertorplatz

Monumente an der Hochbahn: Wohnbauten von Werner Düttmann am Wassertorplatz in Kreuzberg. Foto: Imago/Schöning
Monumente an der Hochbahn: Wohnbauten von Werner Düttmann am Wassertorplatz in Kreuzberg. Foto: Imago/Schöning

Immer wieder setzte Werner Düttmann Beton als gestalterisches Element ein, einige seiner Bauten in Berlin sind mehr oder weniger eindeutig dem Brutalismus zuzurechnen.

Am Kreuzberger Wassertorplatz ist ebenfalls der Sichtbeton das wesentliche Element. Ähnliche Hochhäuser wie die „graue Laus“ am Wassertorplatz hatte Düttmann schon im Märkischen Viertel verwirklicht. Die Bebauung im Westen des Kottbusser Tors ist Teil eines radikalen Kahlschlags, den Düttmann als Senatsbaudirektor für Kreuzberg durchführte. Fast der gesamte Altbaubestand wurde hier abgerissen und durch Bauwerke wie die geradezu monumentalen Hochhäuser am Wassertorplatz ersetzt.


Kongresshalle (Bauausführung)

Das Haus der Kulturen der Welt, erbaut unter dem Namen Kongresshalle, war für Werner Düttmann prägend. Foto: Imago/POP-EYE
Das Haus der Kulturen der Welt, erbaut unter dem Namen Kongresshalle, war für Werner Düttmann prägend. Foto: Imago/POP-EYE

Gestaltet vom US-Architekten Hugh Stubbins, wurde das 1956/57 errichtete, elegant geschwungene Gebäude mit seinem frei hängenden Dach der Stadt Berlin übergeben. Die Bauausführung lag dann allerdings bei Werner Düttmann, der ohnehin wegen eines Studienaufenthaltes in England gut vernetzt war in der internationalen Architekturszene. Düttmann ging dabei mit großer Gestaltungskraft ans Werk und zeichnete für Ergänzungen in der Umgebung, den Schiffsanleger etwa, sowie Details im Innern verantwortlich. Obwohl die Kongresshalle nicht von ihm selbst konzipiert war, hatte die Arbeit an diesem wegweisenden Werk großen Einfluss auf Düttmanns Werdegang.


Akademie der Künste

"Klare, unpathetische Kiste". Foto: Imago/Reiner Zensen
„Klare, unpathetische Kiste“. Foto: Imago/Reiner Zensen

Hier prallen architektonische Welten aufeinader, so wie die Akademie der Künste am Hanseatenweg ohnehin Sinnbild ganz unterschiedlicher Kunstauffassungen zweier Systeme im Wettstreit ist. Die alte preußische Akademie der Künste lag nach dem Krieg auf DDR-Territorium. Der Neubau für die Neugründung im Westen erfolgte nach Düttmanns Plänen. Eine „klare, unpathetische Kiste“ nannte er seinen größten Beitrag zur Interbau 57. Am markantesten ist das Ausstellungsgebäude aus Waschbeton, im Innern dominieren Schieferplatten und Kiefernholz.

Neben Räumen für Ausstellungen und Veranstaltungen zählen zum Komplex noch ein Studiogebäude – mit Backsteinfassade und Kupferdach ein ungewohnter Farbtupfer im Hansaviertel – sowie Gärten und ein fünfgeschossiges Gebäude mit Ateliers und Wohnungen. Keine intellektuelle Machtdemonstration, sondern ein Rückzugsraum für den Geist ist diese Akademie der Künste. Werner Düttmann war ab 1971 bis zu seinem Tod 1983 ihr Präsident.


Brücke-Museum

Das Brücke-Museum wurde von Werner Düttmann gebaut. Nun würdigt ihn das Haus mit einer Ausstellung. Foto: Imago/Schöning
Das Brücke-Museum wurde von Werner Düttmann gebaut. Nun würdigt ihn das Haus mit einer Ausstellung. Foto: Imago/Schöning

Eine niedrige Decke und Nischen, in denen man in die Bildwelten des Expressionismus eintauchen kann: so ist das Brücke-Museum innen konzipiert. Draußen im Grünen findet sich das überraschend kleine, eingeschossige Gebäude, das 1967 eröffnet wurde und in Dahlem auch ein mondänes Wohnhaus sein könnte. Düttmann arbeitet hier mit der Gestaltungskraft des Materials, viel Sichtbeton, die natürlichen Farben von Kokosmatten und schwarzer Ziegel, dazu überall Licht. Das Brücke-Museum ist einladend, geradezu wohnlich, in der Fachpresse wurde es zur Eröffnung bejubelt.

Lisa Marei Schmidt, seit 2017 Chefin des Brücke-Museums, deutete im Interview schon damals Pläne für eine Düttmann-Ausstellung an und sprach über ihre Faszination für den Architekten. Zu dessen 100. Geburtstag ist es nun so weit.


Werner Düttmann. Berlin. Bau. Werk

Eine umfassende Würdigung erfährt Werner Düttmann mit Infotafeln im öffentlichen Raum an fast 30 seiner wegweisenden Bauwerke und Projekte. Die Architektur und auch die Kunst des Architekten wird ab 17.4.2021 im Rahmen der Ausstellung „Werner Düttmann. Berlin. Bau. Werk“ beleuchtet. Die vom Brücke-Museum konzipierte Schau wird ergänzt durch Programm in der St. Agnes-Kirche, der Akademie der Künste, der Hansabücherei und dem Haus der Kulturen der Welt. Begleitend dazu finden sich Hintergründe zu Werner Düttmanns Berlin hier – und die Orte seines Wirkens für Düttmann-Spaziergänge auf unserer Karte.


Mehr zu Architektur in Berlin

Werner Düttmann war Architekt in einer geteilten Stadt. Was jenseits der Mauer geschah, lest ihr hier: DDR-Architekten in Berlin. Viele ihrer Gebäude gelten zurecht als klassisch: Architekten der Moderne in Berlin, von Behrens bis Scharoun. Zur selben Zeit wurde auch exzentrisch gebaut: Hier findet ihr Expressionismus in der Architektur Berlins. Unsere wichtigsten Artikel haben wir im Architektur-Guide gesammelt: Von Bauhaus bis Bausünde, von Preußen bis Postmoderne.