Rausch in Ruinen

Wie Berlins Clubleben in den 90ern zur Legende wurde

In Berlins Mitte entstanden in den 90er-Jahren legendäre Clubs. Elf Reminiszenzen an eine wilde Zeit

Es war Ende der 90er-Jahre, als ich in Berlin eine leicht verpeilte Bayerin traf, die irgendwie manische Züge in ihrem Verhalten hatte. Sie nannte sich selbst „Nancy von Bunker“ und beschrieb mir ausführlich, wie sie zu diesem Namen kam und was im sagenumwobenen Bunker an der Reinhardtstraße so vor sich ging. Sie wäre dabei, darüber ein Buch zu schreiben, und tatsächlich hielt ich relativ kurz darauf das Buch „Die Tickerlady“ vom Ullstein Verlag in den Händen, in dem Nancy, die 1993 aus Erlangen nach Berlin zog, ihre Drogenexzesse und ihre Verkaufstricks im Bunker sehr lebensnah niederschrieb. Das Buch ist mittlerweile „vergriffen“, wie es vom Verlag heißt. Der Bunker machte 1996 dicht. Heute residiert dort im Penthouse bekanntlich ein Millionär, das Innere des Betonkolosses nutzt er für seine Kunstsammlung. Nicht jedem Partyort der wilden 90er ist solch eine illustre Umwidmung widerfahren. Manche Orte, wie das Zosch, die Z-Bar oder das Cafe Cinema am Hackeschen Markt, existieren sogar noch und haben ihr 90er-Flair bis ins Jahr 2018 hinübergerettet. Aber nicht sehr viele. Was bleibt, sind die Bilder im Kopf und die Beats im Ohr. Damals in Berlins ruinenhafter Mitte. Wo Berlins Clublegende sich neu erfand.

Sage Club
Foto: Chris HPunkt

Sascha Disselkamp über den Sage Club:

Das Gebäude war ja Teil des U-Bahnhofes Heinrich-Heine-Straße, zu DDR-Zeiten ein Geisterbahnhof. In den Räumen hatten DDR-Grenzsoldaten, die den Bahnhof überwachten, ihre Aufenthaltsräume. Die Eingänge in den U-Bahnhof waren zugemauert und sind es zum Teil heute noch. Das Gebäude darüber wurde nie fertiggestellt. Zuvor waren hier die illegalen Clubs Boogaloo und Walfisch. Es gab ja keine Bürokratie, die diese Nutzungen damals legalisiert hätte. Wir konnten den Pachtvertrag über die Dauer von 50 Jahren, den die vorherigen Betreiber dem Verpachter aus den Rippen geleiert hatten, übernehmen. 1997 startete ich mit Nico Hesslenberg und Jack Schröder den Sage Club. Im Keller war davor die erste Escobar untergebracht. Scheibchenweise nutzten wir immer mehr Flächen, zuerst kam die Halle dazu, damals unter Treuhand-Verwaltung. Dahinter bauten wir den Swimming-Pool ein. Wir öffneten vier Nächte pro Woche: Donnerstags lief Rock und Punkrock, Freitags Black Music, Samstags House und Sonntags Techno, da kam überwiegend schwules Publikum.

In den 90ern war das Publikum ganz anders als heute, da waren Berliner noch weitgehend unter sich. Heute kommt die clubaffine Szene ja aus aller Welt nach Berlin eingeflogen.

U-Bahnhof Heinrich-Heine-Str. (seit 1997)
Sascha Disselkamp ist Ex-Hausbesetzer, Ex-Schauspieler und Betreiber von Sage Restaurant, Fiese Remise und Sage Club.


das E-Werk
Foto: Michael Jespersen

Dr. Motte über das E-Werk:

Das E-Werk ist quasi aus dem alten Planet (lief von 1991 bis 1992, später Kater Holzig) an der Köpenicker Straße in Kreuzberg entstanden. Wir mussten dort raus und sind dann irgendwann ins E-Werk eingezogen. Das E-Werk war eine verlassene Umschaltstation für die Ostberliner Straßenbeleuchtung. Es gab Keller mit alten Transformatoren und Tunnel, wo einst viele dicke Kabel unter der Erde lagen. Alles stand leer. Das Gebäude lag ja im Sperrbereich in der Nähe der Mauer und wurde deswegen zu DDR-Zeiten nicht genutzt. Es bestand aus roten unverputzten Ziegeln, wegen Platzmangels wurde es in die Höhe statt in die Breite gebaut. Wir statteten es mit einer professionellen Turbo-Sound-Anlage aus und mit mannshohen Boxen-Türmen. Freitag und Samstag kamen locker 4.000 Besucher, es spielte die internationale Crème de la Crème der DJs: Paul van Dyk, Kid Paul, Juan Atkins, Carl Cox, Speedy J, Laurent Garnier, DJ Cle … Der Tresor lag übrigens um die Ecke. Wir hatten eine der besten Sound-Anlagen und haben damals vorgemacht, was heute in Berlin Standard ist: drei Nächte durchfeiern. Es sind viele Tränen geflossen, als wir am 24. Juli 1997 zumachen mussten.

Das E-Werk war die Weiterentwicklung dessen, was Bob Young und Britt Kanja vom 90° machten. Es war ein wichtiger Bestandteil der Technokultur in Berlin in den 90ern. Hier fand zum Beispiel die Chromapark Techno Ausstellung statt.

Mauerstr. 78–80 (1992–1997)
Heute: Veranstaltungsort, wurde 2005 neu gestaltet vom Büro HSH Architektur, www.ewerk.net
Dr. Motte, bürgerlich Matthias Roeingh, ist Techno-DJ, Labelbetreiber und Mitbegründer der Love Parade.


Kurz vor dem Sprung in die Tiefe im Club Eimer
Foto: imago / David Heerde

Rafael Horzon über den Eimer:

Als ich 1992 nach Berlin zog, änderte ich mein Leben radikal. In Paris und München, wo ich vorher gewohnt hatte, war ich jeden Tag zweimal ins Kino gegangen und dann mit meinem Dreirad sofort wieder nach Hause gefahren, um Romane zu lesen.

In Berlin kam dann eine neue Komponente hinzu: „Ausgehen“. Die Fixpunkte der damaligen Clublandschaft waren der Eimer in der Rosenthaler Straße 68 und das Zell am See in der Auguststraße 10. Über die dortige Peep-Show mit Männern, die sich mit Schlamm einrieben, habe ich in meinem Bestseller „Das Weisse Buch“ ausführlich berichtet. Der Eimer war allerdings noch viel schlimmer: Weil die Fußböden in dem Haus so marode waren, hatten die Betreiber sie einfach herausgesägt, bis auf schmale Reste, auf denen man entlangbalancieren musste. Im Erdgeschoss schrie eine sogenannte „Band“, auf den Resten von Fußboden in den höheren Stockwerken stand das Publikum und bewarf die Band mit Flaschen. Ganz oben wohnte ein Mann namens „Spoon“, der immer Sonnenbrille und schwarze Glacé­handschuhe trug. Und draußen, über dem Eingang, baumelte ein gelber Plastik-Eimer.Ich war sehr froh, dass ich nach München und Paris nun endlich in einer interessanten Stadt angekommen war.

Das Haus, in dem sich dieser Laden befand, war übrigens beim Katasteramt nicht eingetragen und existierte offiziell gar nicht. Deshalb mussten die Betreiber praktischerweise auch keine Miete bezahlen. Bis nach zehn Jahren die berittene ­Polizei das Haus räumte.

Heute befindet sich in diesem Haus das Restaurant Transit, in dem ich täglich esse, und zwar genau an der Stelle, an der ich damals die Band Vaginal Massaker bestaunte.

Rosenthaler Str. 68 (1991–2000)
Heute: Restaurant Transit
Rafael Horzon ist Bestsellerautor und Unternehmer (Moebel Horzon, Horzon’s Spülen Sparadies, etc.).


Sinnlich, intim und doch offen: das Boudoir
Foto: Iris Schmied

Jens Schwan über das Boudoir:

Für das Boudoir muss ich weiter ausholen … und über zwei tolle Frauen reden. Iris und Suse. Meine beiden alten Chefinnen im Reingold, dieser rotgoldenen Barlounge im Stil der 20er-Jahre mit dem prägnanten Wandbild. Dass sie damals das Boudoir betrieben, erfuhr ich erst Jahre später, witzigerweise bei einem Plausch mit Suse im Alpenstück, ihrem neuen Restaurant.

1992 hat das Boudoir in Mitte eröffnet, tief im zweiten Hinterhof. Im dem Jahr fing ich gerade mal an aufzulegen, aber das ist ein anderes Thema. Das Boudoir war eine ehemalige Seifenfabrik, die noch vollgestellt war mit Stahlkesseln zum Seifekochen und sich über zweieinhalb Etagen erstreckte. Iris und Suse renovierten die Fabrik hingebungsvoll und schufen einen super schönen, schier überbordenden Raum. Ganz anders als all die dunklen, dröhnenden Kellerclubs. Und es war wohl die erste Lounge überhaupt. Ein Off-Salon, ein Ort für Kunst und mondänes Verhalten. Denke ich an das Boudoir, ist zuerst immer das riesige, plüschige  Himmelbett in meinem Kopf. Und cremefarbene und rote Vorhänge. Viele Vorhänge. Es war sinnlich, intim und doch offen, und nicht zuletzt reizend angenehm dort. Ein bisschen so wie diese alberne Szene bei „Men in Black“ mit Andy Warhol, genauso bunt aber in cool. Es gab Partys und Kunsthappenings, es war auch eine ziemlich wunderbare Art, die neue Freiheit zu feiern. Reiner Hedonismus ohne den heutigen Szene-Coolness-Zwang.

Brunnenstr. 192 (1992–2008)
Heute: Umbau zu einem Boardinghouse für k­urzzeitiges Wohnen
Jens Schwan, Ex-Punk, Ex-Hausbesetzer, „verschwendete in den 90ern in Clubs hinter der Bar seine Jugend“, arbeitet für das Fernsehen und für das Musicboard.


Bis 1995 die reinste Anarchie: das Zosch
Foto: imago / Rolf Zöllner

Mohamed Shams über das Zosch:

Wir haben das Zosch 1992 aufgemacht, da war ich 23, und heute sieht es noch immer wie damals aus. Das Haus stand leer, es war mal eine Bäckerei, von der noch das Rückbuffett stammt. Zu DDR-Zeiten hatte ein Maler darin sein Lager. Die Miete war 1.000 D-Mark, heute ist es wesentlich mehr. Vor dem Haus auf der Straße stand lange Zeit ein Trabant, der aufgeschnitten war und über und über mit Blumen bepflanzt war. Heute undenkbar! Bis 1995 herrschte noch die reinste Anarchie, eine herrliche Zeit war das!

Das Zosch war damals der einzige Laden in der Straße, der nächste war das Tacheles. Später kam das Jubinal an der Ecke dazu, dann kamen immer mehr Galerien. Das war die Zeit, in der man jeden Abend ausging – da gab es den Montagsclub, den Dienstagsclub und so weiter. Den Keller, da stand früher der Backofen, den haben wir für Konzerte genutzt. Beschwerden von Anwohnern – sowas gab es damals nicht. Lärm war nie ein Problem, viele Wohnungen standen sowieso leer. Auch Theater haben wir im Keller gespielt. Groß im Gespräch war das Stück „Hurengespräche“ nach Heinrich Zille – mit Désirée Nick. Zu uns kam ganz Berlin, Ton Steine Scherben, Anja Franke, um nur ein paar zu nennen. Damals kannte im Kiez jeder jeden, das Gegenteil von heute, wo Touristen die Szene dominieren. In unmittelbarer Nachbarschaft haben wir acht Hotels, und es kommen noch weitere hinzu! Arrogante Typen sind heute leider keine Seltenheit mehr. Wenn vor der Kneipe Studenten laut mit einem Glas Bier in der Hand diskutieren – dann sind sie bestimmt Besucher eines „Stammtisches“, den einige Bildungsreinrichtungen bei uns abhalten – wahrscheinlich wegen des studentischen Flairs.

Tucholskystr. 30 (seit 1992)
Mohamed Shams betreibt das Zosch.


Alles hat seine Zeit: der Schwarzenraben
Foto: control / Dimitri Hegemann

Wladimir Kaminer über den Schwarzenraben:

Ich kam 1990 nach Berlin, da war ja noch die DDR und ich wurde in meinem Beruf als Tontechniker für Radio und Fernsehen offiziell anerkannt. Einen Monat später hat dann die BRD diese Qualifikation übernommen und ich wurde zu einem Bewerbungsgespräch in den Schwarzenraben eingeladen, ein Restaurant, was mich erstaunte. „Ein guter Ort!“, dachte ich mir dann aber, als ich drinnen war. Für damalige Verhältnisse war das Restaurant ziemlich modisch. An dem Abend saßen dort zwölf Menschen vom Orph Theater an einer Tafel, es kam mir ein bisschen vor wie ein Abendmahl mit Jesus. Nur dass Jesus brünett war, einen großen Schnurrbart und eine Pfeife hatte. Und nach mehreren Litern Rotwein meinte Jesus zu mir, dass ich überqualifiziert wäre … Nein!, sagte ich, ich möchte lernen, und so kam es dann auch.

Das Orph Theater wurde kurz nach der Wende von Thomas Roth zusammen mit Mitgliedern des ehemaligen Pantomimentheaters Prenzlauer Berg gegründet. Mit den Leuten vom Orph Theater, das es auch nicht mehr gibt, habe ich im Schwarzenraben noch viele Abende verbracht, und es war ein herrlicher Ort, um Theaterprojekte zu planen, die dann nie realisiert wurden. Irgendwann schloss das Restaurant dann überraschend. Es ist wie mit einem Menschen: Jeder hat mal seine Zeit überlebt, und dann ist es Zeit zu sterben.

Neue Schönhauser Str. 13 (1990–2007)
Heute ist im Schwarzenraben der Jeansladen 14oz. Auf der Fassade ist noch die Inschrift „Erbaut 1890“ und „Volkskaffeehaus“ zu lesen.
Wladimir Kaminer ist Ex-DJ und Schriftsteller.


Eines von vielen: das erste WMF
Foto: Svea Pietschmann

Michael Lange über den WMF:

Das Tolle am WMF war, dass der Club immer wieder den Ort wechselte und sich neu erfand. Die erste Location, die ich kennenlernte, war der zweite WMF, der ab 1992 in einer ehemaligen unterirdischen Toilettenanlage am Mauerstreifen zwischen Leipziger Platz und Potsdamer Platz untergebracht war. Die Umgebung war surreal, denn Anfang der 90er war der ehemalige Mauerstreifen ein riesiges Brachland. Man betrat erst den Club, in dem damals Hip-Hop gespielt wurde, über einen unscheinbaren Container, der über den Treppen aufgestellt worden war. Die Räume waren gefliest und ließen ihre alte Funktion erahnen. Der erste WMF war 1991 nicht weit davon entfernt entstanden, in der Leipziger Straße Ecke Mauerstraße im Haus der Württembergischen Metallwarenfabrik (siehe Bild) – daher der Name. Mitte der 90er zog der WMF als House Club an den Hackeschen Markt, mit unzähligen surrenden Monitoren an der Decke. Ende der 90er dann der Umzug in die Johannisstraße in das ehemalige Gästehaus des DDR-Ministerrats gegenüber des Friedrichstadtpalasts – für mich der schönste WMF wegen der stylischen Lounge, die aus Resten des Mobiliars des Palastes der Republik zusammengebaut worden war. Ein Club, in dem man nicht nur tanzen, sondern sich auch unterhalten konnte. Neben House lief nun auch Drum’n’Bass, hard-edged. Bis zu seiner Schließung 2010 zog der WMF noch mehrmals um, die Locations waren aber nicht mehr so spektakulär wie in den 90ern.

diverse Orte (1991–2010)
Michael Lange ist Buchautor, Fotograf und Blogger („Berlin in den 90ern“).


Exit
Foto: Birgit Hoffmann / tip Bildarchiv

DJ Tanith über das Exit:

Auf der Fischerinsel stand aus DDR-Zeiten noch die Clubgaststätte Ahornblatt, die äußerlich wie ein riesiges Ahornblatt aussah. Innen war es riesig, es passten mindestens 1.500 Leute rein. Es stank noch nach Fett aus der ehemaligen Großküche, was ein spezielles Ambiente lieferte. Weil der nahgelegene Walfisch seinem Ende entgegenging, suchten wir nach einer neuen Location – und fanden sie im Ahornblatt. Wir veranstalteten dort vor allem die After Hour; los ging es Sonntags gegen 10 Uhr und dann bis nachts. Das war 1992.

Doch schon ein Jahr später gab es Probleme mit den Anwohnern. In den Hochhäusern ringsum wohnten ja vom Staat Begünstigte, und denen war es ein Dorn im Auge, dass sich in sozialistischen Bauten nun die hedonistische Jugend vergnügte. Eine von der CDU geführte Bürgerinitiative machte dem Club 1993 den ­Garaus. Der Abriss des architektonisch interessanten Gebäudes, bei dem der Denkmalschutz umgangen wurde, war eine Schande.

Fischerinsel 12 (1992–1993)
Heute: Novotel
DJ Tanith, bürgerlich Thomas Andrezak, ist auch heute noch als DJ unterwegs.


Club Maria am Ostbahnhof
Foto: imago / David Heerde

Ben De Biel über Club Maria am Ostbahnhof:

Gegründet wurde der Club 1998 und meines Wissens war er der erste Club, der nicht in Mitte beheimatet war. Am Ostbahnhof zu sein war also Neuland, aber das Gebäude war es wert. Terrazzoboden, Granitsäulen, teures Holz an den Wänden und ein verglastes Obergeschoss – sensationell! Begonnen haben wir zu fünft, und wie es so ist, gab es Differenzen, beendet haben wir den Club zu zweit. Die Maria war kein Techno-, House- oder Drum’n’Bass Club, wir haben vielmehr Electro-Veranstaltungen mit DJs und Bands besetzt, hatten aber auch Kunstveranstaltungen und Lesungen. Namen? DJs wie Miss Kitten, DJ Shadow, LTJ Bukem, Toni Size, 2ManyDJs, Jean Paul. Künstler: Peaches, Ellen Allien, Paul Kalkbrenner, Gonzales, Gentlemen, Jamie Lidell. Konzerte: White Stripes, Shellac, Frank Black & The Catholics, Goldfrapp. Um nur einige zu nennen. Der Club war, wie damals üblich, eine Zwischennutzung, die leider dennoch endete, lange bevor das Gebäude abgerissen wurde. Unser Vermieter, die Deutsche Post Immobilien, war ein recht ideenloser Vertragspartner, und die Angst, was falsch zu machen, war groß. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur: Die Gier ist noch größer geworden, damals war die Angst größer als die Gier.

Stralauer Platz 34 (1998–2011)
Heute: Brache
Ben De Biel gehörte zur Besetzerszene des Tacheles, er arbeitet als Fotograf.


Toaster
Foto: Ingeborg Martens

Bastian Fritz über den Toaster:

Das war 1992, da traf ich mich mit Steffen Hack, der jetzt das Watergate macht, und wir haben ein bisschen rumgesponnen, ob man nicht einen Club machen sollte. Wir kamen dann auf „Toaster“, denn es sollte ja ein richtig heißer Laden werden! Bald fanden wir einen Raum in der Neuen Schönhauser Straße, ein ehemaliges Labor. Ein verwinkeltes Kellergewölbe im dritten Hinterhof. Ich bin erst mal mit dem Geigerzähler dort drin herumgegangen, man kann ja nie wissen … Mein wirklicher Beruf ist übrigens Diplom-Ingenieur für Chemie. Es waren einige Umbauarbeiten nötig, eine Woche waren wir mit dem Presslufthammer zugange, um eine Mauer einzureißen. Wir hielten alles höchst einfach, wie es damals halt war, ein paar Projektoren haben Prismen an die Wände geworfen, der Künstler Dag hat die Wände verziert. Es war ja eine rechtsfreie Zone, eine Behörde war gar nicht zuständig. Geöffnet war zwei bis drei Nächte pro Woche, es war immer recht gut gefüllt. Ein kleiner Eintritt wurde verlangt, Getränkepreise waren niedrig. Es lief Reggae, Drum’n’Bass und Funk. Einen Türsteher hatten wir auch, es war aber nicht so wie heute. Mein Partner stieg 1996 aus. Zu diesem Zeitpunkt änderte ich das Konzept hin zur elektronischen Musik. 1998 kam dann eines Tages einer vom Gewerbeamt, der fragte, wie lange das noch laufen soll. Wenig später wurde das Haus verkauft.

Neue Schönhauser Str. 20 (1994–2000)
Heute befindet sich hier eine Garage.
Bastian Fritz arbeitet im Veranstaltungsmanagement, seit 2014 bespielt er den „Electric Monday“ im Kit Kat Club mit Partner Frankie Flowerz.


Ein rechtsfreier Raum mitten in Mitte
Foto: imago / Christian Ditsch

Dimitri Hegemann über den Tresor:

Dass wir die Räumlichkeiten des späteren Tresors gefunden haben, war eine Verkettung von Zufällen. Die Baracke selbst war eigentlich ziemlich langweilig, aber in dem Moment, als wir den Keller entdeckten, war für mich klar, hier passiert was Besonderes. Ich habe so eine gewisse Objektliebe gespürt, ich habe mich in diese Räumlichkeiten, in diese Stahlkammer wirklich verliebt. Es war immer was los zu dieser Zeit, und man lernte jeden Tag neue Menschen kennen, eine kollektive Aufbruchstimmung, man hatte das Gefühl, am Beginn von etwas Neuem teilzunehmen. Für jemanden wie mich, der in seinen Teeniejahren schon Woodstock erlebt hatte, war es wie eine Wiedergeburt des Hippietums. Alles lief sehr friedlich ab, man war ständig unterwegs und lernte die schrägsten Orte kennen. Auch im Tresor wurde nicht groß gefragt, ob man aus dem Osten oder aus dem Westen kam. Man kam an diesem magischen Ort zusammen, hatte Spaß und tanzte die ganze Nacht durch. Hinzu kam der wesentliche Vorteil, dass es keine Polizeistunde gab und dass wir diesen rechtsfreien Raum, diese Testzeit von drei, vier Jahren, sehr konstruktiv und kreativ nutzen konnten. Viele, viele junge Menschen kamen zusammen und haben experimentiert und damit Berlin bis heute komplett verändert. Diese Wünsche und Sehnsüchte, die dort entstanden waren, konnten nach dem Mauerfall plötzlich umgesetzt werden.

Im Jahr 2005 mussten wir den alten Tresor verlassen – nach wie vor ein Fehler des Senats. Sie hätten diese alte jüdische Stahlkammer erhalten sollen. Es wurde übersehen, dass der Tresor eine sehr große Strahlkraft hätte haben können.

Copyright Suhrkamp Verlag 2017, Auszug (gekürzt) aus dem Buch: „Berlin Heart Beats – Stories from the wild years, 1990 – ­present“ von Anke Fessel und Chris Keller (Hg.), Suhrkamp Nova 2017

Leipziger Str. 126–128 (1991–2005),
Heute: Bürohaus TCS AG,
Dimitri Hegemann ist Kulturmanager und betrieb in Tiergarten mit Ben Becker und Sören Röhrs auch die Trompete.

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